Die einsamen Abende der Dora N.: Monodrama gastiert in Wien

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Die einsamen Abende der Dora N. So lautet übersetzt der Titel eines Ein-Personen-Stücks, das am Mittwochabend in der tschechischen Botschaft in Wien aufgeführt wird. Das N, das steht für Němcová. Dora ist die Tochter der berühmten Schriftstellerin Božena Němcová, deren Roman Babička (Die Großmutter) als einer der populärsten Texte der tschechischen Literaturgeschichte gilt. Ein Programmtipp für Hörer, die auch Tschechisch sprechen – oder es gerade lernen.

Die einsamen Abende der Dora N.  (Foto: YouTube)
Eigentlich wollte Dora nur Kraut schneiden. Doch anlässlich des bevorstehenden 50. Todestages ihrer Mutter hat sie einen Brief erhalten, und nun kommen alte Erinnerungen hoch. Eine Festschrift sei geplant, steht in dem Brief, und Dora solle etwas erzählen über ihre berühmte Mutter, über die tschechische Patriotin, über die Schriftstellerin Božena Němcová. Ausgehend von dieser Situation entspinnt sich ein Monodrama, in dem Dora in ihrem Gedächtnis kramt, in alten Briefen liest, ihren Emotionen freien Lauf lässt – und nebenbei jede Menge Kraut zerhackt. Autorin des Stücks ist Milena Štráfeldová, die Leiterin der tschechischen Redaktion von Radio Prag:

Die einsamen Abende der Dora N.  (Foto: YouTube)
„Obwohl Dora als Kind sehr krank war, überlebte sie alle ihre Geschwister und wurde damit die letzte direkte Zeugin des Lebens von Božena Němcová. Als einzige Familienangehörige hat sie die letzten Jahre mit ihr gemeinsam verbracht, bis zu Božena Němcovás Tod.“

Božena Němcová starb 1862 in Prag. Zu ihrem 50. Todestag ist Dora bereits über 70 Jahre alt – und spricht zum ersten Mal öffentlich über ihre Mutter.

„Zuvor hatte Dora sich ihr ganzes Leben lang geweigert, Interviews zu geben oder sich an Feierlichkeiten anlässlich irgendwelcher Jahrestage zu beteiligen. Sie war da sehr zurückhaltend. Als Autorin hat mich interessiert, warum. Was war der Grund? Wie war die Beziehung zwischen Mutter und Tochter?“

Božena Němcová
Dora sei ein kränkliches Kind gewesen, sagt Milena Štráfeldová, sensibel und zurückgezogen. Beide Frauen waren sehr unterschiedlich, viele Briefe geben Einblick in ihr schwieriges Verhältnis.

„Das Stück ist also keine feierliche Hommage an Božena Němcová. Natürlich war sie eine großartige Schriftstellerin, das bezweifelt niemand. Aber auch bei großen Künstlern kommt es vor, dass sie in ihrem privaten Umfeld nicht gerade ein gutes Beispiel abgeben.“

Božena Němcová gilt in Tschechien für viele als kulturelle Identifikationsfigur. Der literarische Denkmalsturz wurde jedoch gut aufgenommen, sagt Milena Štráfeldová:



Milena Štráfeldová  (Foto: Kristýna Maková)
„Überraschenderweise waren die meisten Reaktionen auf die Entmythologisierung von Božena Němcová überaus positiv. Auch an Orten, die ich als Höhle des Löwen bezeichnen würde – zum Beispiel in Česká Skalice, wo das Božena-Němcová-Museum steht. Die Aufführung war auch dort sehr erfolgreich, für die Besucher war das Stück ein wahrhaftiges Zeitportrait. Natürlich gab es auch kritische Stimmen. Aber es hätte mich sehr überrascht, wenn dem nicht so gewesen wäre.“


Das Stück „Osamělé večery Dory N.“ (Die einsamen Abende der Dora N.) wird am Mittwoch, dem 9. Oktober, um 18 Uhr in der Tschechischen Botschaft in Wien aufgeführt. Die Vorstellung läuft in tschechischer Sprache.

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