Die Krippe von Trebechovice

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Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, bei der Touristiksendung und in einer "Krippenstadt", sagen Ihnen Martina Schneibergová und Markéta Maurová. Wir begrüßen Sie aus Trebechovice pod Orebem (Hohenbruck), einem Städtchen, das sich tatsächlich mit dem Attribut "Stadt der Krippen" rühmen kann. Sofort nach der Ankunft auf dem Stadtring ist es jedem Besucher klar. In den Ladenschaufenstern sind kleine Papierkrippen ausgestellt und in der Mitte des Platzes steht eine Krippenskulpturengruppe aus Eichenblöcken, ein Werk des Bildhauers Pavel Matousek, das zum Besuch eines kleinen Museums in der Ecke einlädt. Sein Gebäude ist zwar klein und hässlich, verbirgt aber einen wertvollen Schatz, nämlich eine Krippensammlung. Das wertvollste Kleinod darin ist die sog. Krippe von Trebechovice. Also setzen Sie sich nun, zünden Sie eine Kerze an und besuchen Sie mit uns Hohenbruck und die dortige berühmte Krippe. Wir lassen uns durch die Museumsdirektorin Zita Zemanova führen.

Nachdem wir dem Eingang in das Museum passiert hatten, traten wir in ein dunkles Zimmer ein. Zunächst war nichts zu sehen, dann erstrahlte jedoch vor unseren Augen ein wunderbares Theater. Auf einer Fläche von 7 x 2,5 Metern entwickelt sich die Evangeliumsgeschichte, man lernt aber auch das Alltagsleben der Handwerker und Bewohner von Hohenbruck vor 100 Jahren kennen. Dies alles begleitet ein merkwürdiges Geräusch, das die Mechanik verursacht, die die Figuren bewegt. Man hört nicht nur das Klappen, sondern es klingen auch Glöckchen und es singt ein Kuckuck.

Ganz unten und vorne sehen wir den Anfang der Evangeliumsgeschichte. In einem Zimmer, wo die Jungfrau Maria weilt, erscheint plötzlich der Erzengel Gabriel. Er bleibt bei Maria kurz stehen -die frohe Nachricht verkündend, und dann fährt er weiter nach hinten. Darüber finden wir die zentrale Szene jeder Krippe - die Heilige Familie mit dem Jesuskind in einem Stall.

"In dieser Krippe von Josef Probost ist sehr interessant, das Josef die Wiege schaukelt. Dies ist nämlich aus typologischer Hinsicht nicht so üblich, dass der Mann, der Hl. Josef die Wiege bewegt und Maria betet. Damit ist eine Geschichte verbunden, die man hier mündlich überliefert hat. Josef Probost hatte große Probleme, die Bewegung des Engels mit der Gegenbewegung der Wiege in Übereinstimmung zu bringen. Er soll schon so enerviert gewesen sein, dass er eines Tages in Unterhose vor das Rathaus lief, und schrie: Was soll ich machen, der Flegel will nicht schaukeln."

Doch es ist gelungen und der Flegel, will heißen der Hl. Joseph schaukelt, wie es sich gehört. Wir haben den Namen Josef Probost erwähnt. Gerade dieser Bauer und Tischler hat 40 Jahre seines Lebens diesem Krippenwerk geweiht. Er war Projektant des Werkes, er finanzierte es, schnitt aber auch einige Häuser und Kulissen und einige Figuren im Hintergrund.

"Aus der mündlichen Überlieferung wissen wir, dass sich Probost etwa um 1885 mit einer kleinen Krippe vorgestellt hat. Er hat sie selbst produziert und wollte damit seiner jungen Frau Freude machen, die wahrscheinlich - so wie es hier üblich war - eine Krippe in ihrem Fenster ausstellen wollte. Und angeblich hat seine Krippe, ein Paar kleine Figuren aus Lindenholz, anderen Leuten so sehr gefallen, dass sich Probost entschloss, damit fortzufahren. Aber da er wohl ein sehr grüblerischer Mensch war, ging er zu dem Meister Schnitzer und ließ sich erklären, was er kaufen soll, wie er das machen soll und begann, die Krippe zu schnitzen. Und da kam er darauf, dass es wunderbar wäre, wenn ihm jemand helfen würde und fand einen alten Mann, Josef Kapucian, der damals schon schwer hörte, nach dem Tode seiner Verwandten allein lebte und in dieser Arbeit wohl einen neuen Lebenssinn fand."

Die große Probost-Krippe, ganz aus Holz geschnitten und nicht bemalt, stellt nicht nur die Geburt des Christkindes dar. Man kann die ganze Evangeliumsgeschichte dort finden, wenn man aufmerksam das ganze Werk beobachtet - die Einweihung im Dom, Jesus unter den Gelehrten, das Letzte Abendmahl, daneben Herodes und der Knabenmord, die Flucht nach Ägypten, der Passionsweg, die Kreuzigung Christi, die Auferstehung, die Himmelsfahrt.

"Der gesamte Komplex stellt nicht nur das Evangelium, nicht nur die Passionsgeschichte dar, sondern die Männer hatten Ehrgeiz, in der Trebechovicer Krippe ihre Trebechovicer Nachbarn zu platzieren, die Leute, die hier um die Jahrhundertwende lebten. Und tatsächlich - die Gesichter einiger Figuren entsprechen Probosts Nachbarn. Die Männer gründeten einen Klub, in dem sie zusammentrafen, debattierten, aber auch etwa Karten spielten, und wurden sogar als "Krippengemeinschaft" bezeichnet. Und sie berieten, wer ausgeschnitten wird und wer nicht. Es war eine Ehre, man musste aber auch Beitrittsgebühr zahlen - in Form von Wurstkranz, Bier, Schnaps oder Brot. Man machte daraus eine Zeremonie. Es ist daher sehr interessant, dass die beiden typischsten Handwerke für diese Stadt in die Krippe nicht gekommen sind - nämlich die Gerberei und die Töpferei. Entweder haben der Gerber und Töpfer nicht bezahlt oder waren sie mit Probost und seinen Umkreis nicht befreundet."

Die Gerber und Töpfer hatten Pech. Mit anderen Nachbarn können wir uns aber noch heute bekannt machen: Wir sehen z.B. die berühmte Kapelle aus dem nahen Jaromerice mit ihrem Kapellmeister. Weiter die Brüder Storek - Schmiede und begeisterte Anhänger des patriotischen Turnverbandes Sokol. Wir sehen auch Aninka Cernych, die gerade Butter schlägt, den Hohenbrücker Bäcker, den Schuster Kava mit seinem Lehrling. Und da oben, auf einem Birnenbaum klaut gerade der kleine Ludva Fabian, ein Kind des Nachbarn von Probost, Birnen. Man pflegt sogar zu sagen, dass der Tischler, der vorne arbeitet, das Gesicht von Josef Probost selbst trägt. Und die eigentliche Stadt Trebechoivce, ihre Häuser, ihr Rathaus, ihre Umgebung - dienen sie als Kulissen für die Weihnachtsgeschichte?

"Das ist sehr interessant, aber nein. Bis auf eine Ausnahme, und das ist die Windmühle da oben, die in der Nähe von hier, in Librantice stand. Heute gibt es sie nicht mehr. Aber es war eine Rarität, in dieser Region waren hölzerne Windmühlen nicht so üblich, und in diesem Fall hielten es die Autoren nicht aus und schufen die Mühle von Librantice. Aber sonst würden wir hier kein einziges Gebäude, keinen Turm, keinen Brunnen oder etwas finden, um sagen zu können, ja, hier hat man sich durch Hohenbruck inspirieren lassen."

Die Krippe wurde schon während der 40 Jahre ihrer Entstehung für die Nachbarn ausgestellt, in einem Schuppen im Probost-Haus, und erfreute sich einer großen Beliebtheit. Probost stellte sich jedoch vor, damit durch das ganze Land zu fahren, die Krippe auszustellen und aus Eintrittsgeld Finanzen zurückzugewinnen, die er in die Krippe investierte - mitunter auch zu Lasten der Familie. Das hat er jedoch nicht mehr geschafft. Nach seinem Tode fiel die Krippe in Vergessenheit. Die Familie, der sie viel Entbehrung brachte, hatten kein enges Verhältnis dazu. Auch die Stadt war am Einkauf des einzigartigen Werkes damals nicht interessiert. Und so kauften es 1934 zwei Hohenbrücker Bürger, und zwar für die Tschechoslowakische hussitische Kirche. Sie wollten eine Gebethalle auf der Anhöhe Oreb über der Stadt errichten, wo die Krippe ständig, quasi als ein Altar stehen würde. Dieses Vorhaben wurde nicht verwirklicht und nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Krippe nur gelegentlich gezeigt. Dann kam aber das Jahr 1967 und die Expo-Ausstellung in Montreal.

"Das war eine weitere Episode im Leben der Krippe von Trebechovice. Nach vielen Jahren, als sie nur in Tschechien ausgestellt worden war, kam der damalige Vorsitzende des Nationalen Ausschusses in Hohenbruck, Karel Hoffmann, auf die Idee, die Krippe für die entstehende Expo-Ausstellung in Montreal anzubieten. Und es gelang, dass die Krippe wirklich nach Kanada reiste und dort einen riesigen Erfolg erntete und von mehreren Millionen Besuchern der Expo-Ausstellung besichtigt wurde."

Dem Welt-Erfolg folgte endlich die Entscheidung, ein Krippenmuseum in Trebechovice pod Orebem zu errichten. Seit 1972 kann man dort alljährlich nicht nur die Probost-Krippe, sondern auch eine Ausstellung aus der Sammlung von etwa 300 Krippen aus allen möglichen Regionen und Materialien besichtigen. Für die heutige Führung durch das Museum und für ihr Erzählen über die mechanische Krippe Josef Probosts danke ich der Museumsdirektorin Zita Zemanová.