Die Magie des Schattens: Grafiklegende Jiří Anderle wird 90

Jiří Anderle

Jiří Anderle feiert am 14. September seinen 90. Geburtstag. Als Meister des imaginativen Realismus hinterlässt er eine einzigartige Spur in der tschechischen Kunstlandschaft.

Jiří Anderle,  'Pavlíkov' | Foto: -Sbírky,  Národní muzeum - Rabasova galerie Rakovník,  CC0 1.0 DEED

Jiří Anderle, geboren 1936 in Pavlíkov u Rakovníka, ist ein vielseitiger tschechischer Maler und Grafiker. Sein Schaffen wurde maßgeblich durch sein Wirken im Schwarzlichttheater von Jiří Srnec geprägt: In den 1960er-Jahren bereiste er als Techniker und Schauspieler die ganze Welt. Die Theaterarbeit mit Illusionen sowie dem Kontrast von Licht und Schatten formte Anderles charakteristisches Chiaroscuro und seinen Umgang mit der Dunkelheit.

Sein Lebenswerk – von frühen Grafiken über existenzielle Motive bis hin zu figuralen und spirituellen Themen – wurde in diesem Frühjahr in einer großen Retrospektive im Prager Gemeindehaus gewürdigt. Die Ausstellung bot einen eindrucksvollen Querschnitt durch mehr als sechs Jahrzehnte seiner lyrischen Imagination.

Foto: Jan Čeled,  Obecní dům v Praze

Fantastische Welten und deformierte Realität

Jiří Anderle,  'Nostalgisches Poetikon' | Foto: Galerie Kodl

Jiří Anderle meidet den Realismus und arbeitet stattdessen mit visuellen Paradoxien, Deformationen und dem Ineinanderfließen von Dimensionen. Er gibt selbst zu, dass seine Imagination auch durch eine LSD-Erfahrung in den 1960er-Jahren beeinflusst wurde.

Seine Werke verweisen auf die Antike („Nostalgisches Poetikon“, „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, „Amor und Psyche“), die Vergänglichkeit (Zyklus „Vanitas“), die dunklen Ecken der menschlichen Seele („Das Auge“) sowie auf delirante Träume und orientalische Rauschmittel („Das Mädchen und das Opium“).

Jiří Anderle,  'Simonetta Vespucci',  1982 | Foto: Galerie Hollar

Existenzielle Angst und die Rückkehr zur Hoffnung

Jiří Anderle,  'Das Krokodil',  1982 | Foto: Galerie der Hauptstadt Prag

In zahlreichen grafischen und malerischen Zyklen verlieh Anderle der existenziellen Angst des Menschen Ausdruck – geprägt von Krieg, Krankheit, Altern und Einsamkeit. Seine Werke aus dieser Phase wirken wie visuelle Aufschreie, welche die menschliche Zerbrechlichkeit und den Aufruhr jener Epoche einfangen.

Später wandte er sich der Abstraktion zu und widmete sein Spätwerk versöhnlichen, christlichen Themen. Für die Prager St.-Matthäus-Kirche schuf er zwei Altarbilder, mit denen ihm der Weg von finsteren Visionen hin zum Licht gelang.

Jiří Anderle | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT

Jiří Anderle profilierte sich auch als Musiker und Autor: Er spielte Schlagzeug in der Band Grafičanka und moderierte die populäre Sendung „Láska za lásku“ (Liebe für Liebe) im Tschechischen Rundfunk. Im Laufe seiner Karriere blickt er auf etwa einhundert Einzelausstellungen zurück, wurde mit rund vierzig Preisen geehrt und ist in renommierten Institutionen wie dem Metropolitan Museum of Art in New York sowie dem Centre Pompidou in Paris vertreten.

Jiří Anderle,  'Ein alter Freund',  1985 | Foto: Galerie der Hauptstadt Prag
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