„Die Mariborhypnose“: Preisgekrönte tschechische Autorin Dora Kaprálová im Interview
Dora Kaprálová wurde für den Roman „Die Mariborhypnose“ mit dem Europäischen Literaturpreis 2026 ausgezeichnet. Die Erzählerin reist darin in die slowenische Stadt Maribor, um einen Reiseführer zu schreiben, beschließt jedoch stattdessen, die Stadt aus der Perspektive einer Fliege kennenzulernen. Die Liebesgeschichte des Hypnotiseurs Leo Svengali und seiner Assistentin Elis steht im Mittelpunkt. Gestalten der Gegenwart sowie historische Figuren des 20. Jahrhunderts treten auf, Fakten und Fiktion verflechten sich miteinander, sodass ein kaleidoskopisches Bild entsteht. Unser Interview mit Dora Kaprálová entstand auf der Frankfurter Buchmesse.
Zwischen Lügen und Illusionen
Frau Kaprálová, „Die Mariborhypnose“ ist ein schmales Buch, das aber einen riesigen Erfolg hat, sowohl bei den Lesern als auch, was die Preise betrifft. Es wurde mit dem tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera geehrt und auch mit dem Literaturpreis der Europäischen Union. Können Sie dieses Buch ein bisschen vorstellen? Worum geht es?
„Ich würde sagen, dass ich dieses Buch aus einer reinen, fröhlichen Beklommenheit heraus geschrieben habe – einfach, weil ich nicht wusste, wie ich in Zeiten überleben soll, in denen ich diese Beklommenheit spüre. Davon abgesehen wollte ich mich auch selbst belustigen. Ich wollte einen Roman schreiben, der von unschuldigen Illusionen und heimtückischen Lügen handelt.“
Und worauf basiert diese Beklommenheit? Was genau ist die Ursache, was quält Sie so sehr?
„Wir leben in unsicheren Zeiten. Ich spüre tief, dass wir den Ausweg nur über liebevolle Beziehungen
finden können – durch mehr Liebe und auch durch ein vernünftiges Denken: das Wissen, dass wir nicht allein sind, sondern in einer Gemeinschaft der Menschlichkeit leben. Es klingt pathetisch, was mir eigentlich ein bisschen fremd ist. Aber ich wollte in dieser Ära der Desinformation auch über Desinformationen schreiben und gleichzeitig zeigen, wie die Liebe helfen kann – oder vielmehr eine radikale Zärtlichkeit. Deswegen geht es in meinem Buch nicht nur um den Hypnotiseur Svengali und seine Partnerin Elis, sondern auch um Josip Broz Tito, den einstigen Diktator Jugoslawiens. Ich wollte diesen mitteleuropäischen Raum im Wandel des Jahrhunderts zeigen und gleichzeitig etwas Hoffnungsvolles und Fröhliches für die Zukunft mitgeben.“
Reiseführer wäre zu langweilig
Die Entstehung des Romans geht auf ihren Aufenthalt in Slowenien zurück. Wie ist dieser zustande gekommen?
„Das war ein Zufall – obwohl für mich eigentlich alles im Leben Schicksal ist. Ich wurde ursprünglich dorthin geschickt, um einen Reiseführer zu schreiben. Aber für mich war das eine etwas langweilige Aufgabe. Deshalb habe ich mich entschieden, lieber einen Roman zu schreiben.“
Das Werk hat also als Reisebericht oder Reiseführer begonnen, sich schließlich aber zu einem Liebesroman entwickelt. Im Zusammenhang mit dem Buch spricht man auch vom ‚Magischen Realismus‘. Könnten Sie das Genre Ihres Buches beschreiben?
„Das ist eine reine Mischung der Genres, weil ich glaube, dass wir in der Literatur wirklich frei sind und auch frei bleiben sollten. Ich schätze diese innere Freiheit sehr. Und trotzdem glaube ich, dass ich beim Schreiben ganz diszipliniert bin. Das Buch ist spielerisch geschrieben, fragmentarisch sozusagen – es hat viele Facetten, wie die vierdimensionalen Augen einer Stubenfliege. Aber trotz all dieser Fragmente geht es am Ende um eine echte Geschichte.“
Ihr Aufenthalt in Maribor dauerte zwei Wochen. Haben Sie dort direkt mit dem Schreiben begonnen, oder haben Sie in dieser Zeit erst einmal nur Material gesammelt? Wie lief der eigentliche Schaffensprozess ab?“
„In Maribor habe ich summa summarum eigentlich nur gesummt, viel gesehen und war sehr wach – obwohl ich dort auch hervorragend schlafen konnte. Aber das eigentliche Schreiben kam erst danach: Als ich zurück in Berlin war, habe ich das gesamte Buch innerhalb von zwei bis zweieinhalb Monaten am Stück niedergeschrieben.“
Unter Selbsthypnose
Die zentrale Handlung dreht sich um den Hypnotiseur Svengali und seine Assistentin Elis. Wie sind Sie auf ihn gestoßen?
„Das war auch ein kleiner Zufall – wobei ich heute glaube, dass ich schon immer einen Roman über einen Hypnotiseur schreiben wollte. Es passierte so: In Maribor regnete es, und es herrschte eine enorme Hitze. Aus diesem Grund bin ich irgendwann im Bibliothekarchiv gelandet und habe dort zufällig einen kleinen Artikel in einer sehr alten Zeitung entdeckt. Das war ein Bericht über einen Hypnotiseur namens Svengali, der tatsächlich dort gelebt hatte. Aber ich muss dazusagen: Er ist sehr weit weg von meiner Figur. Mein Svengali ist eine reine Literaturfigur.
Und welche Rolle spielt die Hypnose? Sie steht ja schließlich im Titel…
„Sie spielt im Grunde die Hauptrolle. Ich spüre, dass Hypnose ganz viel mit dem Schreiben zu tun hat, denn auch wenn wir schreiben, befinden wir uns in einer Art Hypnose. Ich wollte durch diesen Zustand eine Parallelwelt zeigen, die aber gleichzeitig fest auf dem Fundament unserer langweiligen Wirklichkeit steht. Das wäre übrigens auch eine wunderbare Frage für meine Übersetzerin Nataša von Kopp. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Übersetzerinnen Dinge sehen, die mir selbst verborgen bleiben. Man muss dieser Arbeit viel Aufmerksamkeit schenken, denn das Übersetzen ist selbst ein magischer, fast hypnotischer Prozess.“
Können Sie etwas dazu sagen, Nataša?
Nataša von Kopp: „Ich glaube, jeder kreative Schaffensprozess ist mit einer Art Selbsthypnose verbunden – ganz egal, ob man schreibt, übersetzt, Bilder erschafft oder wie auch immer. Man begibt sich in eine Trance und wird ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Genau das ist mir beim Übersetzen dieses Buchs auch passiert.“
Dora spielt in ihrem Roman stark mit den Worten und ihrem Klang. Das merkt man besonders bei den Lesungen, zum Beispiel bei der Aufnahme für den Tschechischen Rundfunk. War es überhaupt möglich, das ins Deutsche zu übertragen?
Nataša von Kopp: „Man kann ein solches Werk natürlich nie eins zu eins übersetzen. Aber man kann versuchen, so nah wie möglich am Original zu bleiben. Wenn der Text im Tschechischen einen bestimmten Rhythmus hat, sucht man im Deutschen nach einem ähnlichen Rhythmus. Ich habe versucht, die Klangfarben nachzuahmen und die sprachliche Verspieltheit sowie die Bilder im Deutschen lebendig zu machen. Eine Herausforderung waren dabei die unzähligen Wortspiele rund um die Fliege – die es im Deutschen einfach nicht gibt. Das Übersetzen ist letztlich ein Prozess, der nie richtig aufhört. Selbst jetzt, wenn ich das höre, denke ich sofort, ich hätte das noch anders machen können.“
Die Metaphysik der Stubenfliege
Nataša hat jetzt die Fliege erwähnt, von der wir eigentlich noch nicht gesprochen haben. Mit den Fliegen fängt in dem Roman eigentlich alles an...
„Ja, das stimmt. Ich glaube, dass das Auftauchen dieser Fliege eine glückliche Fügung war – ein göttliches Geschenk, würde ich fast sagen. Sie hat es mir ermöglicht, diesen Roman aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und Dimensionen zu schreiben. Eigentlich geht es im Buch nicht vorrangig um die Fliege als solche, sondern darum, wie ich ihre vielseitigen Augen nutze. Diese Augen bilden die Basis für die stroboskopische Perspektive des gesamten Romans.“
Wie kam es zu der Idee, die Fliege in die Geschichte einzubinden und ihre Perspektive zu nutzen? Entstand das spontan während des Schreibens, oder hatten Sie dies schon im Voraus im Kopf?
„Unbewusst ganz sicher. Ich weiß gar nicht genau, wieso und wann dieser Impuls kam. Ich fabuliere einfach immer wieder über diese Fliege. Ich wollte dazu nur noch ergänzen: Später habe ich als Leserin viele meiner Lieblingsbücher noch einmal zur Hand genommen. Und dabei habe ich entdeckt, dass in fast jeder wirklich guten, existenziellen Geschichte irgendwo eine Fliege summt! Diese Fliege hat einfach etwas zutiefst Metaphysisches an sich. Sie hat mir letztendlich dabei geholfen, diese ganze Erzählung als existenzielle Parabel aufzubauen.“
Das Lachen als Überlebenswaffe
Sie sprechen von vielen Perspektiven und formalen Mitteln. Zudem verbinden Sie im Roman auch viele Figuren aus völlig unterschiedlichen Zeiten: Gestalten der Gegenwart – wie die Erzählerin, ein Metall-Fan aus Maribor, ein US-Tourist und eine alte Dame namens Daša, die eine sehr wichtige Rolle spielt – treffen auf historische Persönlichkeiten wie den Diktator Tito, den Russen Rasputin oder den österreichischen Dramatiker Wedekind. Nach welchem Schlüssel haben Sie diese Figuren miteinander verknüpft?
„Danke für diese raffinierte Frage. Ich habe darauf leider keine Antwort. Die Figuren sind während des Schreibens einfach wie in einem Hypnosezustand aufgetaucht und wieder gegangen – das war kein bewusster Wille meinerseits. Bei Frank Wedekind war es beispielsweise so, dass ich sein Drama ‚Frühlings Erwachen‘ schon immer unheimlich gerne gelesen und auf der Bühne gesehen habe. Auch wenn das Stück heutzutage vielleicht ein bisschen altmodisch oder unschuldig wirkt, steckt in ihm doch immer noch etwas sehr Provokatives. Und ich dachte mir: Warum sollte ich seine Energie nicht in meine Liebesgeschichte einfließen lassen? Hinzu kommt, dass Wedekind im letzten Jahr seines Lebens nationalistische Züge zeigte. Mir war es wichtig, genau solche kleinen, historischen Nuancen in den Text einzuweben. Sie sind für das Publikum vielleicht nicht auf den ersten Blick sichtbar, aber für mich sind sie es – und manchmal reicht das völlig aus.“
Der Roman wird nicht ganz ernst erzählt, der Humor ist mit dabei. Welche Bedeutung hat der Humor für Sie in der Literatur?
„Ich schätze Humor sehr – gerade weil er im Grunde etwas sehr Ernstes, ja, etwas sehr Trauriges ist. Eigentlich mag ich nur den hochmelancholischen Humor: Wenn wir kurz davor sind zu weinen, lachen wir stattdessen. Nicht unbedingt laut, aber das Lachen ist wie eine Waffe, um zu überleben. Das gilt für das Leben an sich – und für die Literatur erst recht.“
Für alles sei es zu spät, nur nicht für die Liebe, lautet die zentrale Botschaft des Buches und der Autorin Dora Kaprálová. Der Roman „Die Mariborhypnose“ ist im Verlag mikrotext erschienen, ins Deutsche übersetzt von Nataša von Kopp. Der bekannte deutsche Literaturkritiker Denis Scheck wählte das Buch unter die 20 besten Übersetzungen des Jahres in seiner persönlichen Bestenliste.
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