Die Prager Drogenhilfe Drop-In

Eine negative Begleiterscheinung der samtenen Revolution war die explosive Zunahme des Drogenkonsums. Für Dr. Ivan Douda kamen die Probleme mit bis 1990 unzugänglichen Rauschmitteln wie Heroin nicht unerwartet. Bereits 1991 wurde auf seine Initiative die Drogenhilfe Dropin gegründet. Jörn Nuber hat sich mit ihm Unterhalten:

Dropin arbeitet mit staatlichem Auftrag, ist aber relativ unabhängig von der Bürokratie. In den gemütlichen Räumlichkeiten in der Prager Altstadt sind neue Nadeln, Präservative und Vitamine erhältlich. Etwa hundert Süchtige nehmen an einem Methadonprogramm teil. Außerdem trifft man sich hier zum Tee, um gemeinsam ein wenig zu Lachen. Weil den Abhängigen der Schritt in die Hilfe möglichst leicht fallen soll, ist der Besuch von Dropin an keine Auflagen gebunden. Anonym, ohne Ausweispapiere, ohne ärztliche Empfehlung steht das Haus jedem Bedürftigen offen. Auch ein ständiger Telefondienst wurde eingerichtet. Dropin arbeitet zudem mit Streetworkern zusammen, die sich in der Szene auskennen und insbesondere Hepatitiskranke ansprechen. Eines der Hauptprobleme für die Arbeit von Dropin, sieht Gründer Douda in dem von Politik und Medien betriebenen Missbrauch des emotionsgeladenen Themas: "Wenn eine Gesellschaft gute Gesetze hat, gut über Drogen informiert und die Repräsentanten aufgeschlossen sind, so sind das Bedingungen für weniger Drogenmissbrauch. Ich denke, gewisse Experimente mit Drogen sind ganz natürlich und junge Menschen wissen das. Aber in der westlichen Kultur ist die Diskussion über Drogen zu hysterisch, und andere Gefahren, wie zum Beispiel der Autoverkehr oder eine ruinöse Ernährung werden viel mehr toleriert als Drogen. Drogen sind ein beliebtes Thema bei den Medien, da gibt es Blut, das Risiko, gesellschaftliche Skandale und so weiter. [...] Auf der anderen Seite nutzen auch Politiker das Thema für politische Interessen. Aber das ändert sich. Vielleicht brauchen wir noch ein oder zwei Politikergenerationen, bis auch hier verstanden wird, dass man das Thema pragmatischer und weniger ideologisch angehen muss. [...] Man kann das Problem nicht mit Polizeimaßnahmen regeln." Weil Information ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von Dropin ist, kommt der Dropin-Bus zu bestimmten Bars oder Großveranstaltungen und klärt über Drogenmissbrauch auf. Douda, der auch als Berater des Gesundheitsministers tätig war, sieht einen Grund für die große Attraktivität von Drogen, im gesellschaftlichen Klima. Besonders junge Leute leiden unter den derzeitigen sozialen Bedingungen in Tschechien: "Der gesellschaftliche Druck ist höher hier, und das ist auch der Grund, warum junge Leute mehr in Drogen und Alkohol Zuflucht finden als anderswo. Aber es ist vielleicht nur eine Frage von ein, zwei Generationen, bis man sich an das europäische Niveau angeglichen hat. Das liegt an den gesellschaftlichen Werten und das Geld hat den höchsten Wert. Das ist natürlich im Westen genauso, aber hier in Tschechien ist es zur Zeit viel brutaler. Die Familienstrukturen und die Art und Weise, wie Politik gemacht wird, sind ungünstig. Nicht die qualifizierteren Leute sind erfolgreich. Wenn man kein Geld hat und sieht, dass jemand offenbar mit kriminellen Mitteln reich geworden ist und die Politik nicht in der Lage ist, ihn zu bestrafen, dann ist das frustrierend. Im Westen übernehmen die Menschen einfach mehr Verantwortung." Die erschwerten Lebensbedingungen für Süchtige sind der Grund, warum Douda und seine Mitarbeiter sich zum Ziel gesetzt haben, besonders denjenigen schadensbegrenzend zu helfen, die den Ausstieg aus der Droge nicht schaffen.

Autor: Jörn Nuber
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