Ein Roman für den Poeten: Mit Martin Reiner auf den Spuren von Ivan Blatný

Ivan Blatný (Foto: ČT24)

Martin Reiner ist der diesjährige Träger des bedeutendsten tschechischen Literaturpreises, Magnesia Litera. Verliehen wurde er am vergangenen Dienstag. In seinem Werk „Der Dichter. Roman über Iván Blatný“ portraitiert Reiner einen Mann, der in Tschechien als tragisches Opfer der Zeitläufe gilt. Das einstige literarische Wunderkind Ivan Blatný setzte sich 1948 nach England ab und verbrachte die längste Zeit seines Lebens in psychiatrischen Einrichtungen. Unglücklich sei er dennoch nicht gewesen, sagt Martin Reiner. Denn am Ende war Blatný, was er immer sein wollte: ein Dichter.

„Básník – der Dichter“ (Foto: Verlag Torst)
„Básník – der Dichter“, so heißt das tschechische Buch des Jahres. Es folgt dem Leben von Ivan Blatný und beschreibt zugleich ein Panoptikum der tschechischen Literatur des 20. Jahrhunderts – in der Tschechoslowakei und in der Emigration. Ungewöhnlich für einen Roman: Es enthält ein Register mit mehreren hundert Namen. Dennoch ist das Werk keineswegs wissenschaftlich trocken, sondern liest sich spannend wie ein Kriminalroman. Für Martin Reiner muss ein Roman vor allem unterhaltsam sein:

„Er kann sich um eine todernste, völlig seriöse Sache drehen, aber er muss sich an den Leser richten, und nicht nur nach ganz abgeschlossen nach innen. Ich habe eine ideale Form gesucht, und ideal erschien mir schließlich eine Collage verschiedener Genres. Es gibt in dem Buch nun essayistische Passagen, dann aber wieder sehr romanartige Kapitel. Andere Passagen erscheinen fast wie Fachliteratur. Was ich versucht habe, ist das Ganze in ein Gleichgewicht zu bringen, damit es am Ende für den Leser interessant ist. Denn wenn man wissenschaftlich etwas über die Poesie von Ivan Blatný schreibt, wer lässt sich darauf wirklich längere Zeit ein? Auf der anderen Seite ist es unmöglich, über ihn zu schreiben und gewisse Dinge nicht zu erwähnen. Es ging darum, all diese Ingredienzen gut zu verbinden, damit etwas entsteht, das gut lesbar ist. Wie man das nennt, ist mir völlig egal.“

Martin Reiner (Foto: ČTK)
„Der Dichter“ ist der dritte Roman des 50-jährigen Martin Reiner. Bereits in den 1990ern hatte er einen eigenen Verlag gegründet, und sich auch als Organisator von Literaturveranstaltungen einen Namen gemacht. Der Erfolg beim Literaturpreis Magnesia Litera hatte sich angedeutet:

„Mir war natürlich klar, dass ich gewinnen könnte, denn das Buch hatte vorher schon zwei andere Preise erhalten, alle Zeitungen schrieben, es sei der Favorit. Das heißt, es wäre ein wenig komisch, wenn ich vollkommen überrascht getan hätte. Zugleich habe ich mich innerlich bereits mit einem Schutzwall versehen, damit ich nicht zu enttäuscht bin, wenn ich doch verliere. Schließlich gewinnt jeder lieber als zu verlieren. Ich habe mir das ein wenig vom Leibe gehalten, und dann war ich sehr glücklich.“

Ivan Blatný (Foto: ČT24)
600 Seiten umfasst der Roman, er ist das Ergebnis einer fast 30 Jahre währenden Beschäftigung mit dem Dichter Ivan Blatný. Reiner kommt aus Brno / Brünn – wie Ivan Blatný. Schon früh wandte er sich der Poesie zu – wie Ivan Blatný. Doch Mitte der 1980er Jahre, als Reiner seine ersten Schritte als Dichter wagte, war ihm dieser Mann völlig unbekannt.

„Ich habe damals Gedichte geschrieben. In Brünn gab es einen Klub, in dem ein Mann unveröffentlichte Gedichte von Nachwuchsautoren vortrug, er hieß Mirek Kovářík. Ich war also dort, er las meine Gedichte, und nach der Veranstaltung sagte er zu mir, dass sie ihn an Ivan Blatný erinnerten. Das war ein lustiger Moment. Denn ich hatte vier Jahre zuvor mein Abitur mit einer Eins in Tschechisch abgelegt. Ich mochte tschechische Literatur sehr gern, und war der Meinung, dass ich viel darüber wüsste. Doch von Blatný hatte ich nie zuvor gehört.“

Josef Kainar (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Denn Ivan Blatný hatte sich abgesetzt, nach England. Einen Stipendienaufenthalt kurz nach dem kommunistischen Umsturz vom Februar 1948 nutzte er zur Flucht. In der Tschechoslowakei wurde Blatný daraufhin für tot erklärt. Nach und nach erschloss sich Reiner, was das für ein Mann war, den sein Heimatland verstoßen hatte. Vladimír Bařina, ein Bewunderer von Blatný, lieh ihm einen Gedichtband des Künstlers:

„Es waren wunderbare Verse, total faszinierend – vor allem im Kontext dessen, was ansonsten in dieser Zeit erschienen ist. Es war ein ganz anderes Universum. Und dann habe ich diese faszinierende Geschichte gehört. Vor seiner Emigration zählte Blatný gemeinsam mit Jiří Orten und Josef Kainar zu den größten Dichter-Stars ihrer Generation, mit Blatný an erster Stelle. Und auf einmal ist er verschwunden und hat vierzig Jahre nicht existiert. In diesem Moment wurde mir klar, dass nicht nur Herr Bařina, sondern eine ganze Reihe seiner Bekannten in Brünn leben, in der gleichen Stadt wie ich. Und dass ich bei ihnen an der Tür klingeln kann und mit ihnen über Blatný reden. Es wurde für mich zu einer Art Krimi, und auf diese Weise nahm alles seinen Anfang.“

Lev Blatný
Wer war also dieser Blatný? Geboren ist er 1919. Als Sohn des Dichters Lev Blatný schien der Weg in die Literatur vorgezeichnet. Seine Eltern starben früh. Der große tschechische Dichter Vitezlav Nezval nahm den einnehmenden, hochsensiblen Blatný unter seine Fittiche, zudem war er beeinflusst von der Gruppe der Brünner Surrealisten um František „Fana“ Povolný. Er studierte Literatur, mit 21 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband. Ein Jahr darauf, 1941, gewann Ivan Blatný einen Literaturwettbewerb mit der Sammlung „Melancholische Spaziergänge“ (Melancholické procházky). „Das war bereits zur Zeit des Protektorats. Die Stimmung des Bandes ist also eher trist. Aber es war noch unter Neurath, das heißt es war nicht so schlimm wie später unter Heydrich. Man konnte noch leben. Aber wir waren natürlich besetzt, das heißt, es war nicht gerade eine fröhliche Zeit. Diese Sammlung ist sehr faszinierend. Sie transportiert so eine starke, melancholische Stimmung. Als das Buch herauskam, war klar, dass Blatný ein dichterischer Gigant ist.“

Ivan Blatný (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Um Geld musste sich Blatný keine Sorgen machen. Mit 15 erbte er das Optikgeschäft seines Großvaters in Brünn. Doch für praktische Arbeit war er nicht geschaffen, genauso wenig für die Politik. Nach 1945 trat er wie viele der jungen, idealistischen Dichter der kommunistischen Partei bei. Die Enttäuschung folgte schnell, es reifte der Entschluss zur Emigration. In England angekommen, informierte er über die BBC über die Zustände in der Tschechoslowakei, die Säuberungen, die rigide Herrschaft der Kommunisten von Beginn an:

„Ivan Blatný war einer der ersten, der das laut gegenüber der ganzen Welt verkündete. Darauf schlug ihm in der Tschechoslowakei wirklich enormer Hass entgegen. Ich denke, er war selbst davon schockiert, denn er war niemals ein Homo politicus. Und plötzlich fand er sich inmitten schweren Beschusses. Die tschechoslowakischen Zeitungen wurden selbstverständlich auch von den Emigranten im Ausland gelesen. Die Angriffe auf ihn waren furchtbar. Daran wären auch stärkere Personen zerbrochen.“

Klinik in englischem Ipswich (Foto: Snowmanradio, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Ivan Blatný verschwand von der Bildfläche. Im Herbst, wenige Monate nach seiner Ankunft in England, kam er zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik. Er fühlte sich verfolgt, hatte Angst, dass ihn die Kommunisten aufspüren könnten. Mit einer Unterbrechung von drei Jahren in den Jahren 1951 bis 1954 verbrachte Ivan Blatný sein restliches Leben in psychiatrischen Einrichtungen. Die Diagnose lautete „paranoide Schizophrenie“. Ein zerstörtes Leben war es dennoch nicht, glaubt Reiner:

„Eine Sache, die ich mit diesem Roman geraderücken wollte, sind die Klischees, die über ihn kursieren. Hier wurde immer nur über den berühmten, von allen geliebten Dichter gesprochen, der dann auf einmal ohne Geld im Irrenhaus geendet ist. Das ist einfach Blödsinn. Denn wenn er nicht emigriert wäre, wäre es für ihn hier bei uns nicht gut ausgegangen. Auf keinen Fall. Er wäre entweder im Gefängnis, in einer psychiatrischen Anstalt oder als Selbstmörder geendet. Und nach der Emigration? Dieses typische Leben eines Emigranten war für ihn nicht vorstellbar. Dafür war er nicht geschaffen. Das heißt, er hat sich einfach ein ruhiges Leben gesucht, an einem Ort ohne Gefahren. Er las dort, konnte ohne Pause fernsehen. In mancherlei Hinsicht hatte er ein sehr bequemes Leben. Er konnte sich seinen intimen Kreis schaffen, er war, wie er schreibt, am Ende auch glücklich.“

Josef Škvorecký (Foto: Public Domain)
Blatný richtete sich ein in seinem abgeschiedenen Exil, in verschiedenen Krankenhäusern in der Küstenstadt Ipswich. Erlaubt wurde ihm das auch durch das vergleichsweise humane und großzügige System der englischen Psychiatrie. Und Blatný schrieb weiter. Aus den Jahren 1948 bis etwa 1969 ist nichts erhalten. Doch Ende der 1970er Jahre fädelte Vladimír Bařina von Brünn aus die Veröffentlichung von Blatnýs Spätwerk ein. Durch Vermittlung einer englischen Krankenschwester gelangten die Gedichte nach Kanada, zum Exilverlag von Josef Škvorecký.

„Natürlich hat er das nicht geahnt. Aber vielleicht stand es schon in den Sternen, dass er von Anfang an Dichter sein sollte und nichts anderes. Und nach 30 Jahren des Schweigens erhob sich wieder die unzerstörte Stimme eines wunderbaren Dichters. Er gab ein Buch heraus, das seine Umgebung verblüfft hat. Er hat einfach erfüllt, was er erfüllen musste.“

Foto: Verlag Druhé město
Nach der Veröffentlichung des Bandes „Stará bydliště“ (Alte Wohnsitze) im Jahr 1979 wurde Blatný als Literat wiederentdeckt. Auch der deutsche Journalist Jürgen Serke spürte ihn auf, 1981 veröffentlichte er im Stern den Artikel „Flucht ins Irrenhaus“. Und auch Martin Reiner hatte schließlich die Gelegenheit, Ivan Blatný zu treffen. Es war kurz vor der Samtenen Revolution im Herbst 1989, als er ihn in in Clacton on Sea besuchte. Dort verbrachte Blatný die letzten Jahre bis zu seinem Tod.

„Das Treffen war eine ziemlich peinliche Angelegenheit. Ich hatte große Erwartungen, was er mir alles sagen könnte. Ich war wie ein Forscher, hatte drei Jahre lang über Blatný aus Sekundärquellen gelesen, dann stehe ich ihm auf einmal gegenüber und erwarte, dass er mir erzählt, wie alles wirklich war. Das war eine naive Vorstellung. Denn es stellte sich heraus, dass er schon weit weg war von der Realität, abgeschnitten auch von seinem eigenen Leben. Er sagte, er erinnere sich nur an wenig, er wolle nicht darüber reden. Er hatte auch ein wenig Angst, wenn jemand aus der Tschechoslowakei kam. Denn er war vor den Kommunisten geflüchtet und konnte sich nie ganz von der Paranoia befreien, verfolgt zu werden. Es war also keineswegs begeistert, dass jemand aus seinem Heimatland gekommen ist – ganz im Gegenteil. Außerdem war er bereits sehr krank. Es war ein Dreivierteljahr vor seinem Tod. Das Schönste war also, dass wir uns wirklich gegenübersaßen, dass ich ihm die Hand geben, ihn berühren konnte. Es war überhaupt nicht von Nutzen, aber ich bin natürlich sehr froh, dass ich es noch geschafft habe.“


Gedichtband „Alte Wohnsitze“
Der Roman „Básník. Román o Ivanu Blatném“ ist in Tschechien bei Torst erschienen. Eine englische Übersetzung ist in Vorbereitung, eine deutsche bislang noch nicht. Als deutsch-tschechische Ausgabe ist 2005 Ivan Blatnýs der Gedichtband „Alte Wohnsitze“ in Übersetzung von Christa Rothmeier erschienen.

Autor: Annette Kraus
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