„Einfach nur gegen das Regime“ – Künstlerin Jetelová über Kunst im Kommunismus

Foto: Archiv Radio Prag

Jedes Jahr vergibt das Außenministerium Preise an Personen, die sich um die Tschechische Republik verdient gemacht haben. Bei der diesjährigen 17. Verleihung ging eine der Glaskugeln an die aus einer sudetendeutschen Familie stammende tschechische Künstlerin Magdalena Jetelová. Die Bildhauerin emigrierte 1985 nach Westdeutschland, nachdem sie die Niederschlagung des Prager Frühlings und die bleierne Zeit der Normalisierung in der Tschechoslowakei erlebt hatte. Nach ihrer Ausreise konnte sie ihre Arbeiten in renommierten Museen wie der Londoner Tate Gallery und dem Museum of Modern Art in New York vorstellen und nahm an der Sydney Biennale und der Documenta in Kassel teil. 1999 begann sie dann, an den Kunstakademien in Düsseldorf und München zu arbeiten.

Die Gratias-Agit-Preise ging auch an die Künstlerin Magdalena Jetelová (Foto: Archiv Radio Prag)
Frau Jetelová, sie haben heute aus der Hand des Außenministers den Preis Gratias Agit bekommen. Wie fühlen Sie sich?

„Ich muss ehrlich sagen, als ich den Preis aus den Händen von Karel Schwarzenberg bekommen habe, habe ich mich sehr wohl gefühlt. Von ihm weiß man, wie sehr er die Entwicklung in der Tschechoslowakei verfolgt hat. Seine Aktivitäten im Exil haben uns sehr gefreut und wir haben sie sehr unterstützt. Es ist eine sehr wichtige kulturelle Ebene, und weil mich Kultur interessiert, bin ich sehr begeistert über die Auszeichnung. Vor allem, weil es nicht so oft passiert, dass sich Tschechien an die Mitbürger mit deutscher Abstammung erinnert. Denn auch wenn mein Name sehr tschechisch klingt, stamme ich doch aus einer deutschen Familie.“

Sie haben in der kommunistischen Zeit in der Tschechoslowakei ein Kunststudium aufgenommen. In Prag haben Sie an der Akademie für Bildende Künste studiert und sind 1967 für ein Jahr nach Italien gegangen. War es kein Problem, das Land zu verlassen?

1968 wurde die Tschechoslowakei vom Warschauer Pakt überfallen (Foto: Archiv von Pavel Macháček)
„Wie Sie wissen, gab es in dieser Zeit den ersten politischen Frühling in der Tschechoslowakei. Es war das Beste, was uns eigentlich passieren konnte, nur leider ist es mit dem Jahr 1968 sehr schnell geendet. Die Tschechoslowakei wurde von den Truppen des Warschauer Paktes überfallen, daran erinnern sich noch viele Leute, und das hat unsere Freiheit wieder eingeschränkt.“

1968 führte ihr Weg dann zurück nach Prag, haben Sie die Ereignisse rund um den Prager Frühling mitbekommen? Waren Sie da aktiv?

„Ja, ich bin zurückgekommen aus Italien und konnte dann nicht mehr raus aus der Tschechoslowakei. Meine Familie war da schon weg, sie ist ausgereist, das war leider in diesen chaotischen Zeiten so. Ich sage aber immer, dass vieles Negative auch immer etwas Positives mitbringt. Diese ganze Bewegung, dieses Engagement für Kunst, wurde erst in dieser schwierigen Zeit verstanden. Deswegen waren bestimmte Künstler dann auch unerwünscht. Bestimmte Mechanismen erkennt man nicht in der Freiheit, sondern erst, wenn man unter einer despotischen Regierung lebt. Man kennt ja den Begriff der „entarteten Kunst“. Auch heute werden viele Künstler gefeiert, die unter despotischen Bedingungen arbeiten. Diese Leute werden zu Recht bewundert, denn es sind nicht die einfachsten Zeiten - und es geht ihnen nicht um Business, sondern um Engagement.“

Moma (Museum of Modern Art) in New York (Foto: hibino, Wikimedia CC BY 2.0)
1985 siedeln Sie nach Deutschland über, nach München...

„Das ist nicht ganz richtig. Ich bin zwar über Deutschland gegangen, aber die ersten Ausstellungen hatte ich in England. Dann kam die Documenta (in Kassel, Anm. d. Red.), das Moma (Museum of Modern Art) in New York und die Biennale in Sydney. Eigentlich hat man sich mehr in jenen Ländern bewegt, in denen man auch gearbeitet hat. Selbstverständlich war Deutschland für mich meine neue Heimat, und ich habe sie mit großer Freude akzeptiert. Ich muss schon sagen, dass ich viele meiner Installationen ohne Deutschland nicht hätte durchführen können, wie zum Beispiel die Ausstellung im Wiener Mak (Museum für angewandte Kunst) oder in Hannover die Translocation. Das waren einmalige Engagements, die man in Tschechien nie im Leben hätte verwirklichen können.“

Warum sind Sie erst 1985 gegangen? Gab es früher keine Möglichkeit?

Magdalena Jetelová (Foto: Archiv Radio Prag)
„Das ist genau das Problem: Die Grenzen waren zu. Und ich bin auch eigentlich nicht freiwillig gegangen, man wollte uns ja auch loswerden. Das war eine Strategie, die man aber erstmal erkennen musste. Und zunächst konnte ich auch nicht raus, meine Familie war schon weg, aber die Grenzen waren zu. 1985 war das dann eigentlich eher eine Flucht.“

Wir hören immer von der schlimmen Zeit der Normalisierung. Wie haben Sie das als Künstlerin erlebt? Hatten Sie die Möglichkeit zu arbeiten und auszustellen oder war Ihnen das untersagt?

„Nach 1968 hat sich die Gesellschaft ja sehr gespalten. Einmal in jene, die dieses alte, despotische System wieder aufbauen wollten - das kennt man in Deutschland ja auch aus der faschistischen Zeit. Und zum anderen waren da wir, die gegen diesen Absolutismus waren. Wir waren ja nicht links oder rechts, wir waren einfach nur gegen dieses totalitäre Regime. Und das wurde oftmals falsch verstanden, das haben wir in Deutschland oft erlebt. Es ging ja nicht darum, den Kommunismus zu unterstützen oder nicht. In der Tschechoslowakei bestand ja kein Kommunismus sondern ein totalitäres Regime. Der Eiserne Vorhang hat da exzellente Arbeit geleistet: Die Informationen im Westen waren sehr beschränkt und reduziert auf simple Erklärungen.“

Stuhl von Magdalena Jetelová (Foto: Archiv Radio Prag)
Aber wie war es für Sie persönlich, wenn Sie zum Beispiel eine Installation machen wollten? War das möglich, oder ging das nur im Untergrund?

„Das war überhaupt nicht möglich. Wir konnten überhaupt keine Ausstellungen bekommen. Deswegen haben wir auch betrogen, und deswegen ist mein Projekt mit dem Stuhl (Jetelová wurde bekannt für ihre monumentalen Holzskulpturen in Stuhlform, zum Beispiel der ‚Descending chair‘ aus dem Jahr 1979, Anm. d. Red.) auch so bekannt geworden. Dort, wo Ausstellungen mit Stühlen oder anderen Dingen waren, haben wir das System zerstört und in Prager Hinterhöfen Aktionen gemacht. Erst dadurch haben wir eigentlich die Resonanz erhalten, dass es sehr wichtig ist, sich auch im öffentlichen Raum zu verwirklichen. Das hat durchaus zu einer neuen Form der Kunstdarstellung geführt. Bei offiziellen Ausstellungen hatten wir einfach keine Chance. Ich habe deswegen damals ein Projekt namens ‚Underground City’ (ein Land-Art-Projekt in einem Plattenbauviertel, Anm. d. Red.) in der Prager Südstadt gemacht. Das war rund anderthalb Kilometer lang und ist dann aber leider in Vergessenheit geraten.“

Düsseldorf (Foto: Dirk Hartung, Wikimedia CC BY-SA 2.0)
Sie sind auch nach der Revolution 1989 im deutschsprachigen Raum geblieben. Hatte eine Rückkehr keinen Reiz für Sie?

„Wie Sie sehen, bin ich gerne hier, und wenn ich hier arbeite, dann bin ich mit großer Freude in Tschechien. Meine Familie und meine Kinder habe ich aber in Deutschland. Außerdem: Wir sind eben eine deutsche Familie, und meine Verwandten leben nicht mehr in Tschechien.“

Sie leben in Düsseldorf, in Westdeutschland. Das ist geografisch weit von Tschechien entfernt. Ist das für Sie ein Problem, oder ist es vielleicht auch ganz gut, dass man manchmal Abstand hat?

Magdalena Jetelová: Tatort (Foto: Archiv der Kunstmuseum in Olmütz)
„Ich sage immer: Ich erlebe eine Multiplizierung der Freude. Ich freue mich immer wahnsinnig, wieder zurück nach Prag zu kommen. Genauso freue ich mich, nach kurzer Zeit wieder nach Deutschland zurückzukehren. Für Künstler ist wahrscheinlich diese Möglichkeit, andere Länder mit eigenen Arbeiten zu einer Kommunikation zu bringen, eine große Befriedigung. Ich rechne eigentlich nicht mehr mit Deutschland oder Tschechien, sondern mehr mit den Ansichten und Philosophien von anderen Kontinenten. Wenn man diese erkennt und die Chance zu Begegnungen hat, ist das die größte Belohnung in meinem Leben. Ich bin sehr froh, dass ich mir die Mühe gemacht habe, diese nationalistischen Einstellungen zu ignorieren. Ich lebe mit großer Freude in Deutschland als tschechische Künstlerin, und ich lebe auch in England und anderen Teilen der Welt als Tschechin – ich weiß nicht, ob es eine Vorschrift gibt, immer dort zu bleiben, wo man geboren ist.“