EM in Prag: Saisonhöhepunkt der Kanuten ohne einige Etablierte

Foto: Jan Homolka, Archiv des tschechischen Kanusport-Verbandes

Die Coronavirus-Pandemie hat die laufende Saison in vielen Sportarten ziemlich ausgehöhlt. Das heißt, viele Wettkämpfe wurden ersatzlos gestrichen oder aber auf später verschoben. Im Wildwasser-Kanuslalom hat Prag von den Veränderungen profitiert, denn am vergangenen Wochenende fand hier die Europameisterschaft in dieser Sportart statt.

Prag ersetzt London als EM-Ausrichter und wird selbst Risikogebiet

Wildwasserkanal im Prager Stadtteil Troja (Foto: ČTK / Vít Šimánek)

Mit den Olympischen Sommerspielen in Tokio ist nicht nur das sportliche Highlight dieses Jahres entfallen, sondern ebenso eine Reihe von Qualifikationswettkämpfen für Olympia. Dazu zählte auch die europäische Qualifikation im Kanurennsport, die im nordböhmischen Račice ausgetragen werden sollte. Doch auch im Wildwasser-Kanuslalom habe man den Wettbewerbskalender für 2020 auf ein Minimum zusammengestrichen, sagte der Chef des tschechischen Kanusport-Verbandes, Jan Boháč, am vergangenen Donnerstag vor Journalisten in Prag. Die völlige Neuausrichtung der Saison sei schließlich Prag zugutegekommen, erläuterte der Direktor des EM-Organisationskomitees, Jiří Rohan:

Jiří Rohan (Foto: Archiv des tschechischen Kanusport-Verbandes)

„Die Europameisterschaft sollte im Frühjahr in London stattfinden. Wegen der epidemiologischen Lage in der Coronavirus-Pandemie haben die Briten die Titelkämpfe jedoch abgesagt. Wir sollten im September einen Weltcup ausrichten. Der Weltverband wollte diese Wettbewerbe aber in komprimierter Form erst im Oktober und November stattfinden lassen, was für uns ein Problem war. Denn zu dieser Zeit wollten wir schon einige Bauarbeiten am Areal des Prager Wildwasserkanals vornehmen. Deswegen haben wir dem europäischen Verband angeboten, als EM-Veranstalter einzuspringen. Unserem Antrag wurde stattgegeben.“

Und so kam es, dass der Wildwasserkanal im Prager Stadtteil Troja in relativ kurzer Zeit schon das zweite Mal zum Schauplatz einer Kanuslalom-Europameisterschaft wurde. In diesem Jahr allerdings aus den bekannten Gründen mit geringerer Beteiligung, informierte Rohan:

„Am Start sind 131 Kanuten aus 19 Ländern. Zum Vergleich: Bei der EM 2018 hatten wir 223 Starter aus 27 Ländern. Das war sicher um einiges mehr als jetzt. Aber in der schwierigen Situation, in der wir uns derzeit alle befinden, halte ich die aktuellen Zahlen für einen Erfolg.“

Foto: ČTK / Vít Šimánek

Ihre Teilnahme abgesagt hatten unter anderen drei Top-Nationen in dieser Sportart: Großbritannien, die Slowakei und Deutschland. Die deutsche Mannschaft entschied sich zu diesem Schritt erst an jenem Tag, als Prag von Seiten Berlins zum Risikogebiet erklärt wurde. Dazu sagte der Manager des tschechischen Kanuslalom-Teams, Stanislav Ježek:

„Unseren Informationen nach geschah dies, weil ein Großteil der Profisportler in einigen Ländern Angestellte von speziellen Sportabteilungen sind, die an nationale Sicherheitsorgane wie die Armee oder die Polizei angeschlossen sind. Und Angehörigen dieser Organe ist es verboten, in Risikogebiete zu reisen. Das war unseren Informationen zufolge in Deutschland der Fall.“

Tschechien gewinnt zehn Medaillen bei Heim-EM

Gabriela Satková (Foto: Jan Homolka, Archiv des tschechischen Kanusport-Verbandes)

Die acht Konkurrenzen der Europameisterschaft – vier Einzel- und vier Staffelwettbewerbe – wurden also in kleinerer Besetzung und vor weniger Zuschauern als sonst in Prag ausgetragen. Allen Kanuten war jedoch anzumerken, wie froh sie sind, endlich wieder in einem internationalen Wettkampf und vor Zuschauern starten zu können. Und das tschechische Team wusste dabei noch mit dem Pfund des Heimvorteils zu wuchern. Das zeigte sich schon im ersten Rennen, dem Einer-Canadier der Frauen. Hier nutzte eine junge Tschechin die Gunst der Stunde: Gabriela Satková holte sich nach ihren zwei WM-Goldmedaillen bei den Juniorinnen nun auch ihren ersten Titel bei den Erwachsenen. Die 18-jährige Kanutin konnte ihr Glück kaum fassen:

„Für mich ist das wie ein großer Traum, der sich hier erfüllt hat. Doch ehrlich gesagt, plane ich nie etwas im Voraus, sondern genieße jeden Moment. Und was die Zukunft bringt, das wird sich zeigen.“

Jiří Prskavec (Foto: Jan Homolka, Archiv des tschechischen Kanusport-Verbandes)

Bei den Männern stand am Samstag das Finale im Einer-Kajak auf dem Programm. Und da war man vor allem auf ein Duell sehr gespannt: Jiří Prskavec traf auf den Slowenen Peter Kauzer. Prskavec ist mit zwei WM- und drei EM-Triumphen der beste Tscheche in dieser Disziplin, doch bei der Heim-EM vor zwei Jahren in Prag hatte ihm der Slowene den Titel vor der Nase weggeschnappt. Diesmal gelang ihm die Revanche. Dabei sei alles im sportlich fairen Rahmen verlaufen, verriet Prskavec anschließend nach seinem Sieg über den Freund und Konkurrenten:

Jiří Prskavec (Foto: Jan Homolka, Archiv des tschechischen Kanusport-Verbandes)

„Ich habe vor dem Start zu Peter gesagt: ‚Du kannst nicht das zweite Mal in Prag gewinnen, denn damit würdest du uns lächerlich machen‘. Und er antwortete mir: ‚Dann must du dich halt anstrengen‘. Als ich dann ins Ziel kam, habe ich ihn angelacht, und er lächelte zurück. Beide wussten wir, wie die Dinge so laufen. Das war ein wirklich schöner Moment.“

Amálie Hilgertová (Foto: ČTK / Vít Šimánek)

Bei den Frauen hatte Tschechien mit Štěpanka Hilgertová über Jahre ein echtes Aushängeschild im Einer-Kajak. Die Doppel-Olympiasiegerin und siebenfache Weltmeisterin aber hat ihre Karriere vor einiger Zeit beendet. Jetzt muss die jüngere Generation in ihre großen Fußstapfen treten. Dazu gehört mit Amálie Hilgertová auch die Nichte der großen Ausnahmeathletin. Amálie wurde 2019 Europameisterin, am Sonntag freute sie sich über die Bronzemedaille. Von den zwei Kanutinnen, die sich vor ihr platzierten, war Landsfrau Kateřina Kudějová die Beste. Die 30-Jährige war 2015 Weltmeisterin geworden, doch danach lief es lange nicht mehr so gut für sie. Deswegen war ihr die Begeisterung über die Rückkehr auf das Siegerpodest auch deutlich anzumerken:

Kateřina Kudějová (Foto: Jan Homolka, Archiv des tschechischen Kanusport-Verbandes)

„Ich bin verzückt. Ich wollte eine Medaille, denn es ist schon etwas länger her, dass ich das letzte Mal eine gewonnen habe. Der Titel ist für mich der verdiente Lohn für die ganze Schinderei in diesem Jahr.“

Kateřina Kudějová bewegen in diesem Jahr aber noch ganz andere, sehr persönliche Dinge. Sie und ihr Partner wollten im Frühjahr heiraten, die Corona-Pandemie aber hat eine entsprechende Feier damals verhindert. Daraufhin haben Kudějová und ihr Verlobter ihren Standesamt-Termin auf die Zeit nach der EM verschoben. Angesichts der epidemiologischen Entwicklung in Tschechien aber steht die Entscheidung noch aus, ob die Hochzeit im Herbst auch stattfinden wird:

„Das ist wirklich die Frage. Denn wir fürchten uns nahezu vor jedem Tag, weil immer neue Maßnahmen verordnet werden. Wir hoffen, dass wir unsere Hochzeit feiern können, denn wir wollen sie nicht noch einmal verschieben. Und wir wollen mit allen unseren Freunden feiern. Andernfalls würde mir das sehr leid tun.“

Lukáš Rohan (Foto: Jan Homolka, Archiv des tschechischen Kanusport-Verbandes)

Eine sportliche Frage positiv für sich beantwortet hat Lukáš Rohan, der Sohn von EM-Organisationschef Jiří Rohan. In der Disziplin Einer-Canadier belegte er hinter dem Slowenen Benjamin Savsek den zweiten Platz und sicherte sich damit das Ticket für Olympia. Dazu sagte der 25-Jährige:

„Das war mein Ziel und in gewisser Weise auch mein Traum. Für mich wird es ein großes Erlebnis, mit dem tschechischen Team in Tokio dabei zu sein, den Athleten aus aller Welt zu begegnen und vor allem bei der feierlichen Eröffnung im Stadion zugegen zu sein. Sollten die Olympischen Spiele allerdings ohne Zuschauer stattfinden, dann würden sie für mich ihren Sinn verlieren.“

Václav Chaloupka (Foto: Jan Homolka, Archiv des tschechischen Kanusport-Verbandes)

Überglücklich war aber schließlich auch Václav Chaloupka. Der 22-jährige Tscheche, der vor zwei Jahren Nachwuchs-Weltmeister im Einer-Canadier wurde, hat in Prag nun Bronze gewonnen. Es ist seine erste Medaille im Seniorenbereich:

„Es ist irgendwie irreal, denn ich habe nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt in den Medaillenkampf eingreifen kann. Ich bin mir natürlich dessen bewusst, dass führende Kanuslalom-Nationen wie die Slowaken oder die Briten nicht am Start waren. Doch meiner Freude tut das keinen Abbruch.“

Tschechien war mit fünf Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen die erfolgreichste Nation bei der Europameisterschaft in Prag. Doch bei diesen Titelkämpfen war der Kampf um die Medaillen nicht das Ausschlaggebende, denn gewonnen haben eigentlich alle, die daran teilgenommen haben. Das bestätigte auch die Österreicherin Corinna Kuhnle, die im Einer-Kajak Sechste wurde, in einem Gespräch für Radio Prag International.

Corinna Kuhnle: Nehme aus Prag mit, dass ich nach wie vor ganz vorne dabei bin

Corinna Kuhnle (Foto: ČTK / Vít Šimánek)

Wie froh sind Sie, dass die Europameisterschaft sozusagen als kleiner Höhepunkt des Jahres überhaupt stattgefunden hat?

„Ich bin natürlich froh, dass wir wieder Rennen fahren konnten, denn es ist jetzt schon ein ganzes Jahr her, als ich das letzte Mal an der Startlinie gestanden bin. Gegenwärtig herrschen natürlich schwierige Bedingungen, und es ist schade, dass nicht alle Länder teilnehmen konnten. Große Nationen wie Deutschland und Großbritannien sind nicht am Start, und so ist es natürlich schade, wenn die Besten der Welt nicht alle zusammenkommen können.“

Hatten Sie die Befürchtung, dass die EM aufgrund der zuletzt in Prag stark gestiegenen Infektionszahlen vielleicht noch abgesagt werden könnte?

Corinna Kuhnle (Foto: ČTK / Vít Šimánek)

„Natürlich hat man so etwas im Hinterkopf. Ich bin bei der Bundeswehr im Heeres-Sportzentrum angestellt. Wir haben die Anweisung bekommen, wenn Österreich Prag als Risikogebiet einstuft, dann müssen wir abreisen. Dem war zum Glück nicht so.“

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Vorstellung bei der EM?

„Im Semifinale ist mir gleich am Anfang der Strecke ein großer Fehler passiert. Das hat sehr viel Zeit gekostet, aber der restliche Lauf war dann gut. Im Finallauf habe ich nicht so richtig in das Rennen hineingefunden. Mir sind einige kleinere Fehler passiert, die zu Torstangenberührungen geführt haben. Daher bin ich mit dem Finallauf nicht ganz zufrieden, aber grundsätzlich habe ich bewiesen, dass ich eine Top-Form habe. Ich hoffe, dass ich diese Form über den Winter mitnehmen kann in das nächste Jahr.“

Apropos mitnehmen. Was nehmen Sie generell von der EM in Prag mit? War es für Sie auch eine wichtige Prüfung auf dem Weg zu Olympia?

„Ich nehme mit, dass ich nach wie vor ganz vorne dabei bin. Und ich hatte selten so viel Spaß beim Paddeln, wie ich es jetzt in den letzten Wochen gehabt habe.“

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Autor: Lothar Martin
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