Olympia: Tschechien holt die ersten zwei Medaillen in Tokio

Lukáš Rohan

Von den Olympischen Spielen möchten nahezu alle Teilnehmerländer mit Medaillen zurückkehren. Die einen sind schon mit ein bisschen Edelmetall zufrieden, andere Nationen wollen möglichst viel. Vor allem aber will man möglichst schnell erfolgreich sein. Tschechien ist das am dritten Wettkampftag gelungen – mit dem Gewinn von Silber im Kanuslalom und Bronze im Fechten.

Medaillengewinner Rohan und Choupenitch

Lukáš Rohan | Foto: Kirsty Wigglesworth,  ČTK / AP Photo

Der Wildwasserkanute Lukáš Rohan trat in große Fußstapfen. Sein Vater Jiří war ein herausragender Sportler seines Metiers, im Zweier-Canadier gewann er zehn WM-Medaillen, davon vier goldene. Und bei Olympia 1992 und 1996 eroberte er mit seinem kongenialen Partner Miroslav Šimek jeweils die Silbermedaille. Die erste gewann das Duo bei seinem olympischen Debüt in Barcelona. Nun ging Sohnemann Lukáš das erste Mal bei den Sommerspielen an den Start. Und der 26-Jährige enttäuschte nicht. Im Gegenteil: Wie sein Vater holte auch er Silber, und noch dazu allein im Einer-Canadier:

„Ich bin ungemein zufrieden mit meinem Finallauf. Das war der bisher beste Wettkampf meines Lebens. Ein wenig ärgert mich nur die geringfügige Berührung an Tor vier. Doch das hat mich noch mehr angestachelt, ich bin nicht nervös geworden, und jetzt bin ich hocherfreut darüber, wie es ausgegangen ist.“

Benjamin Savšek | Foto: Kirsty Wigglesworth,  ČTK / AP Photo

Die zwei Sekunden Zeitstrafe, die Rohan für die Stangenberührung erhielt, müssen ihn aber nicht grämen. Denn auf den Sieger und neuen Olympiasieger Benjamin Savšek aus Slowenien hatte er im Ziel einen Rückstand von fast vier Sekunden. Trotzdem warf er zunächst sein Stechpaddel ins Wasser, bevor er realisierte, wie gut die wilde Bootsfahrt tatsächlich gewesen ist:

„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich nach meiner Zieldurchfahrt getan habe. Ich weiß nur: Es war einfach eine spontane Reaktion, und ich habe an der Anzeigetafel gesehen, dass ich auf Platz zwei liege. Vor allem aber war ich zufrieden mit meiner Leistung. Ich habe alles rausgehauen, was in mir steckt, und jetzt bin ich nur noch begeistert.“

Jiří Rohan | Foto:  Tschechisches Fernsehen

Das ist auch sein Vater, der den Silberritt seines Sohnes im Tokioter Strömungskanal vor dem Fernseher verfolgte. Und der Oldie verriet ebenso, warum die interne Familientaktik auch diesmal bei Olympia aufgegangen ist:

„Wir haben uns im Vorfeld darauf verständigt, den olympischen Wettbewerb etwas reserviert anzugehen. Wir wussten, dass Lukáš bei einer fehlerfreien Fahrt den Vor- und Zwischenlauf locker überstehen müsste. Im Finale ist er dann voll auf Angriff gefahren, und das hat sich ausgezahlt. Ich bin glücklich darüber, und dass die Leistung zu einer Medaille gereicht hat, ist ideal.“

Lukáš Rohan | Foto: Jan Homolka,  Kanoe.cz

Doch eigentlich geht ja sogar noch mehr: Wenn ein Kanute mit dem Namen Rohan eines Tages sogar die Goldmedaille einfährt. An die nächsten Spiele 2024 in Paris wollte Lukáš in seinem Glücksgefühl aber noch keinen Gedanken verschwenden:

„Wie ich schon gesagt habe: Mir scheint, dass wir Rohans von einem – in Anführungszeichen – olympischen Fluch verfolgt werden. Das stört mich im Moment aber überhaupt nicht. Aber ganz im Ernst: Ich weiß jetzt nicht einmal, was in einer Woche sein wird. Und über Olympia in drei Jahren zu sprechen, ist fehl am Platze.“

Alexander Choupenitch | Foto: Andrew Medichini,  ČTK / AP Photo

Große Unterstützung durch seine Familie erfährt auch der Fechter Alexander Choupenitch. Seine Eltern stammen aus Belarus und sind beide Opernsänger. Sie ließen sich in Brno / Brünn nieder, unter anderem um leichter auf Europas Bühnen zu kommen. Sohn Alexander wurde dann auch in der mährischen Messestadt geboren und wuchs dort von klein auf als Tscheche auf. Was den heute 27-Jährigen aber stets ausgezeichnet hat, sind sein Ehrgeiz, seine Hartnäckigkeit und sein Trainingsfleiß. Und diese Tugenden haben sich jetzt ausgezahlt, denn im olympischen Florett-Turnier der Männer erkämpfte Choupenitch die Bronzemedaille:

„Meine Gefühle fahren gerade Achterbahn. Vor einer Weile habe ich noch vor Glück geheult, jetzt lache ich. Und es wird noch eine Weile dauern, bis ich alle Emotionen abstreife. Denn in diesen Erfolg habe ich enorm viel investiert. Wir haben sehr hart dafür gearbeitet, meine Trainer, Betreuer und ich. Am Ende ist es zwar nicht Gold geworden, doch in meinem Geist ist auch der dritte Platz Gold wert.“

Alexander Choupenitch | Foto: Andrew Medichini,  ČTK / AP Photo

Um aber nach vier anstrengenden Kämpfen und der unglücklichen Halbfinalniederlage gegen den späteren Olympiasieger Cheung aus Honkong wenigstens Bronze zu gewinnen, krempelte Choupenitch vor dem Kampf um Platz drei noch einmal alles um:

„Ich habe in der Pause vor dem kleinen Finale alles geändert, was möglich war. Ich habe die Klamotten gewechselt, das Trikot, die Hosen und auch das Florett. Ich habe etwas anderes getrunken und bin auf ein anderes Klo gegangen. Danach habe ich mich wie neu gefühlt und mir gedacht: ‚Jetzt kommt der Kampf, den du gewinnen musst.‘ Und ich bin ungeheuer froh, das Turnier mit einem Sieg beendet zu haben.“

Vilém Goppold von Lobsdorf | Foto:  Wikimedia Commons,  gemeinfrei

Mit seinem Husarenritt auf der Planche von Tokio hat Alexander Choupenitch zudem einen Methusalem gelöscht: Er ist nach 113 Jahren der erste Tscheche, der eine Olympiamedaille im Fechten gewonnen hat. Das war zuletzt 1908 in London Vilém Goppold von Lobsdorf gelungen, der damals für das selbständige Team der Böhmischen Länder antrat. Er gewann Bronze im Einzel und mit der Mannschaft im Säbelfechten.

Pechvögel Cink und Tomeček

Wo aber viel Licht ist, gibt es bekanntlich auch Schatten. Oder anders formuliert: Nicht alle Medaillenträume reifen, wenn Tausende Athletinnen und Athleten zu den Spielen fahren. Im tschechischen Olympia-Team gab es am Montag zwei große Pechvögel: Mountainbike-Fahrer Ondřej Cink und Sportschütze Jakub Tomeček.

Ondřej Cink | Foto: s.yuki,  Flickr,  CC BY 2.0

Der 30-jährige Cink ist in der Form seines Lebens nach Tokio gekommen. Daher fühlte er sich stark genug, um im olympischen XC-Rennen auf der anspruchsvollen Strecke in Izu nach einer Medaille zu greifen. Damit wollte er auch aus dem Schatten seines Landsmannes Jaroslav Kulhavý treten, der vor neun Jahren in London Gold und vier Jahre später in Rio Silber holte. Doch nach gutem Start war Cink im Peloton noch in der ersten Runde etwas eingeklemmt, sodass er zunächst fast eine Minute Rückstand auf die Spitze hatte. Nach und nach aber kämpfte sich der Mann aus Rokycany in Westböhmen nach vorn, und ausgangs der fünften Runde hatte er zu einer Dreiergruppe aufgeschlossen, die das Spitzenduo verfolgte. Cink fühlte sich prima, seine Beine waren noch locker, also setzte er sofort zum Überholen an:

„Mein Plan war, gleich nach dem Ende der Zielgeraden anzugreifen und die Gruppe am nächsten Hang zu sprengen. Denn ich spürte, dass meine Gegner am Berg nicht so stark waren. Doch dann passierte das Malheur – wirklich schade.“

Ondřej Cink | Foto: Tim Regan,  Flickr,  CC BY 2.0

Welches Missgeschick aber ist Cink zu Beginn der sechsten Runde widerfahren?

„Irgendwo bin ich mit meiner Hinterradfelge hart auf einen Stein aufgeschlagen, sodass sie gebrochen ist. In einer Kurve rutschte dann der Fahrradmantel über die Felge, und es knallte. Es war also nicht so, dass ich mir den Reifen zerstochen habe, doch mit dem Hinterraddefekt konnte ich nicht weiterfahren.“

Es war das Aus. Damit konnte Cink auch nicht seine bisherigen Olympiaplatzierungen verbessern: 2012 und 2016 wurde er jeweils 14., diesmal wurde er nicht gewertet.

Jakub Tomeček | Foto: Alex Brandon,  ČTK / AP Photo

Einen guten siebten Platz errang demgegenüber Sportschütze Tomeček im Skeet-Wettbewerb des Wurfscheibenschießens. Doch dies ist der erste Rang außerhalb des Finales, das nur die sechs Besten des Vorkampfs bestreiten. Nach nur einem Schießfehler am ersten Wettkampftag lag Tomeček auch bei der Fortsetzung am Montag gut im Rennen: Vor den beiden letzten Wurfscheiben hatte er das Ziel nur einmal verfehlt, doch dann passierte es:

„Die Entscheidung fiel kurz vor dem Ende der letzten Serie gegen mich. Noch kann ich es nicht ganz einschätzen, ob der siebte Rang für mich eine gute Platzierung ist. Doch das Finale war so nah. Der Erste unter dem Strich zu sein, ärgert mich natürlich.“

Jesper Hansen | Foto: Alex Brandon,  ČTK / AP Photo

Ausschlaggebend dafür war die dritte Null bei Tomečeks vorletztem Schuss. Hinter den nun feststehenden fünf Finalisten hatte der 30-Jährige allerdings noch die Möglichkeit, den sechsten Finalplatz durch einen Sieg im Ausschießen mit dem Dänen Jesper Hansen zu ergattern. Dies misslang jedoch. Der Schütze aus Kyjov / Geyen schildert das nervenaufreibende Duell:

„Erstaunlicherweise war Hansen ziemlich gelassen, auch wenn er sich nicht gut eingeschossen hatte. Daher rechnete ich damit, dass er den ersten Fehler begeht. Ich habe aber nicht auf ihn geschaut, sondern auf den Schiedsrichter, wann er endlich die Hand hebt und den Fehlschuss anzeigt. Ich selbst war von mir überzeugt, nicht als Erster vorbeizuschießen. Doch leider habe ich mich getäuscht.“

Eine Ära vor dem Ende, eine andere beginnt womöglich

Petra Kvitová und Tomáš Satoranský als Fahnenträger für die Eröffnugsfeier in Tokio | Foto: Ondřej Deml,  ČTK

Petra Kvitová ist die erfolgreichste tschechische Tennisspielerin des zurückliegenden Jahrzehnts. Mit ihren zwei Wimbledon-Siegen (2011 und 2014), einer Finalteilnahme bei den Australian Open (2019) und der Beteiligung an allen sechs Fed-Cup-Gewinnen des tschechischen Damenteams zwischen 2011 und 2018 hat sie Maßstäbe gesetzt. Zudem hat die Athletin aus dem mährischen Fulnek bei den Spielen vor vier Jahren in Rio mit Bronze eine Einzelmedaille für den tschechischen Tennissport gewonnen. Von daher war es kein Wunder, dass sie zusammen mit dem Basketballer Tomáš Satoranský zu den Fahnenträgern des tschechischen Olympia-Teams für die Eröffnungsfeier in Tokio gewählt wurde. Ihre langjährige Konkurrentin Maria Sharapova aus Russland twitterte sogar: „Keiner hat sich diese Ehre mehr verdient als Du, Petra“.

An den Erfolg von Rio wollte die 31-Jährige nun auch in Tokio anknüpfen, doch schon in der zweiten Runde kam für sie das Aus: Sie unterlag der Belgierin Allison van Uytvanck in drei Sätzen mit 7:5, 3:6 und 0:6. Besonders auffällig dabei: Nach ihrer 3:2-Führung im zweiten Satz verlor Kvitová zehn Spiele in Folge! Diesen Einbruch erklärte sie im Tschechischen Rundfunk so:

Petra Kvitová | Foto: Seth Wenig,  ČTK / AP Photo

„Meine Beine verkrampften, ich weiß aber nicht wieso. Zudem verlor ich das Timing in meinen Schlägen, oft habe ich die Bälle nur wenige Zentimeter neben die Linie gesetzt. Dazu braucht man eine bessere Beinarbeit, aber die hatte ich nicht mehr gegen Allison.“

Für Petra Kvitová war es die nächste von mehreren frühen Turnierniederlagen in den letzten Wochen. Sie wirkt ausgepowert und gab zu, dass ihr die vielen Corona-Turniere, bei denen man sich ständig nur in der sogenannten Bubble bewegt, immer mehr zusetzen. Ob sie in drei Jahren nochmals bei Olympia antreten werde, ließ Kvitová daher vorerst noch offen.

Adam Ondra | Foto: Camille Montagnon,  Radio Prague International

Während Kvitová nach dem Aus nun binnen 48 Stunden schon die Heimreise antreten muss, ist ein anderer Medaillenkandidat aus Tschechien erst am Montag in Tokio angekommen. Die Rede ist vom hochtalentierten Sportkletterer Adam Ondra, der sich als erster Athlet seines Metiers überhaupt in die Siegerliste der Spiele eintragen könnte – denn seine Sportart ist neu im olympischen Programm. Der 28-Jährige dämpft indes die hohen Erwartungen:

„Ich fühle mich gewiss nicht als der absolut größte Favorit, und das sollte mir psychisch helfen. Sicher habe ich meine Ambitionen, doch ich werde sie hier nicht kundtun. Es kann alles passieren, und der Wettkampf wird wohl auch eine Nervenschlacht werden. Doch darauf habe ich mich vorbereitet.“

Der Wettbewerb in der Disziplin „Olympic Combined“ (Lead, Bouldern, Speed) beginnt für Ondra am Dienstag kommender Woche mit der Qualifikation.

Autoren: Lothar Martin , Lukáš Michalík , Jaroslav Plašil , Tomáš Petr , Jakub Kanta
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