Olympia: Tschechien holt weiteres Bündel an Medaillen in Tokio

Lukáš Krpálek (links)

Etwas mehr als die Hälfte der 16 olympischen Wettkampftage waren in Tokio bis Sonntagabend absolviert, und das tschechische Olympia-Team hatte schon acht Medaillen erkämpft. Darunter wurden allein zwischen Freitag und Sonntag gleich drei goldene geholt.

Phantastischer Kanalritt von Wildwasserkanute Prskavec

Jiří Prskavec | Foto: Kirsty Wigglesworth,  ČTK / AP Photo

Am Freitag fieberten viele Menschen in Tschechien an den Fernsehgeräten mit. Sie wollten den Wildwasserkanuten Jiří Prskavec sehen. Denn der 28-Jährige ging als amtierender Weltmeister in die Entscheidung im Einer-Kajak:

Und Prskavec enttäuschte seine Fans nicht. Im Gegenteil: Nach Bronze 2016 in Rio holte er diesmal Gold in seiner Disziplin:

„Als Letzter in einem olympischen Finale zu starten, war immer mein Traum, und natürlich die Prüfung zu bestehen und mit der Bestzeit ins Ziel zu kommen. Wie ich dann die Herausforderung gemeistert und nach einem für mich nicht optimalen Start im weiteren Rennverlauf beschleunigt habe, war schon famos. Als Erster im Ziel zu sein, ist einfach herrlich!“

Jiří Prskavec mit seinem Vater | Foto: Ondřej Deml,  ČTK

Prskavec beschrieb anschließend auch das Kalkül, mit dem er in den Finallauf gegangen war:

„Ich habe mir gestern gesagt: Mein Ziel ist es, dass ich das Rennen mit der Freude eines Kindes und einem großen Herzen bestreite. Ich denke, das ist mir gelungen.“

Für sein großes Ziel, Olympiasieger zu werden, hat Prskavec auch vieles auf sich genommen. Er reiste sehr früh nach Tokio, weil er noch mehrere Male im olympischen Strömungskanal trainieren wollte. Und der Kanute aus Mělník schottete sich im olympischen Dorf konsequent ab, um sich nicht eventuell vor dem Wettbewerb noch mit dem Coronavirus anzustecken.

Jiří Prskavec | Foto: Ondřej Deml,  ČTK

„Der Weg bis auf den Olymp war enorm schwer und vor allem psychisch anstrengend. Dass ich mein Ziel erreicht habe, ist wunderschön. Das habe ich auch meiner Familie zu verdanken, die mich sehr unterstützt. Umso mehr tut es mir leid, dass sie jetzt nicht hier sein kann, was eine zusätzliche Erschwernis für mich war. Doch ich bin sehr froh, dass ich nicht mit leeren Händen heimkehre.“

Unwiderstehlich zum zweiten Olympiasieg: Judoka Lukáš Krpálek

Lukáš Krpálek | Foto: Ondřej Deml,  ČTK

Prskavecs bester Freund unter den tschechischen Athleten ist Judoka Lukáš Krpálek. Der 30-Jährige war dann auch der Einzige, mit dem sich der Kanute vor seiner goldenen Bootsfahrt im olympischen Dorf getroffen hat. Wie sein Kumpel kannte auch Krpálek nur ein Ziel – den Olympiasieg. Das bedeutete, dass er seinen Titel von Rio 2016 erfolgreich verteidigen wollte, wenn auch in einer anderen Gewichtsklasse. Als Krpálek nach dem Finalkampf am Freitag dann zum Sieger erkoren wurde, konnte er es kaum glauben:

„Ich weiß nicht, ob ich das je begreifen werde, denn es stimmt, dass ich mir dieses Szenario ungemein gewünscht habe. Meine Motivation war riesig, als ich mich dazu entschlossen habe, zum Schwergewicht zu wechseln. Ich wollte etwas Ähnliches erreichen, wie es mir in der niedrigeren Gewichtsklasse geglückt ist. Doch dass es mir nun tatsächlich gelungen ist, daran habe ich nie so recht geglaubt.“

Lukáš Krpálek und Guram Tuschischwili | Foto: Ondřej Deml,  ČTK

Vielleicht auch deshalb nicht, weil Krpálek in der Gewichtsklasse über 100 Kilogramm nicht selten gegen Kontrahenten antreten muss, die 30 oder 40 Kilo schwerer sind als er und die man wegen ihrer Körperfülle auch schlecht zu packen kriegt. Im Finale traf er dann aber auf einen Georgier, vor dem er vor allem wegen seiner sportlichen Klasse Respekt hatte:

„Mein Finalgegner Tuschischwili hatte mich zuvor zweimal besiegt, und die Kämpfe mit ihm liefen für mich nie nach meinen Vorstellungen. Von daher hatte ich vor dem erneuten Duell große Angst. Nichtsdestotrotz ist es mir gelungen, ihm meine Taktik aufzuzwingen und die ersten zwei Minuten gut zu überstehen. Danach hat man gesehen, wie der Georgier immer mehr abbaute, was ich für den Sieg ausgenutzt habe.“

Petr Lacina | Foto: Ondřej Deml,  ČTK

Nach dem Punktsieg über Tuschischwili hatte Krpálek etwas erreicht, was in der Welt des Judosports einmalig ist: Der Wahl-Prager ist nun zweifacher Olympiasieger und Weltmeister, und dies in zwei unterschiedlichen Gewichtsklassen! Sein Trainer Petr Lacina ist über ihn des Lobes voll:

„Es lässt sich nur mit einem Wort sagen: Das ist Krpálek! Er hat die Psyche eines Champions, sein Siegeswille ist unglaublich. Und er hat ein sehr großes Kämpferherz.“

Aber nicht nur das, wie Lacina noch ergänzt…

Lukáš Krpálek | Foto: Ondřej Deml,  ČTK

„Hinzu kommen seine physischen Parameter, die er mit einer sehr guten Leistung paart. Nicht zuletzt haben wir jeden Gegner bis ins kleinste Detail analysiert und eine perfekte Taktik zurechtgelegt. Lukáš hat dann auch keinen einzigen Fehler gemacht.“

Wie bei nahezu allen Sportlern, die an den Spielen in Tokio teilnehmen, hat der Tscheche in der Vorbereitung auf Olympia neue und ungewohnte Strapazen auf sich nehmen müssen. Wegen Corona wurde 2020 nicht nur der Event selbst um ein Jahr verschoben, sondern es fielen auch zahlreiche Wettkämpfe aus. Zu allem Überfluss musste Krpálek nach einer Corona-Infektion sogar noch zwei Wochen pausieren. Doch was er am meisten vermisste, war der fehlende Kontakt zu Menschen, weil der Sport seit über einem Jahr – wie jetzt ebenso in Tokio – vor leeren Rängen stattfindet. Auch deshalb hat Krpálek mit Olympia noch nicht ganz abgeschlossen:

Guram Tuschischwili und Lukáš Krpálek | Foto: Vincent Thian,  ČTK / AP Photo

„Bestimmt werde ich um das Olympiaticket für Paris kämpfen und versuchen, auch dort erfolgreich zu sein. Schon allein deshalb, damit endlich auch tschechische Fans meine Kämpfe sehen und meine Familie mich vor Ort anfeuern können. Ich weiß jedoch, dass dies große Anstrengungen erfordern wird. Denn die nächsten Spiele finden erst in drei Jahren statt, und meine Sportlerkarriere neigt sich so langsam dem Ende zu. Ich werde aber sicher alles dafür tun, um in Paris zu starten und dort erfolgreich zu sein.“

Gold und Silber für die tschechischen Tennisdamen

Kateřina Siniaková und Barbora Krejčíková | Foto: Ondřej Deml,  ČTK

Wenn hierzulande eine Sportart das Markenzeichen „Weltklasse“ verdient, dann ist es Tennis. Oder genauer gesagt: das Damentennis. In den zurückliegenden Monaten gab es nämlich so gut wie kein internationales Turnier, bei dem eine Tschechin nicht ihre Hand nach dem Pokal ausgestreckt hätte. Insbesondere das Damen-Doppel Barbora Krejčíková und Kateřina Siniaková konnte vor Tokio eine beeindruckende Bilanz vorweisen: Von 2018 bis 2021 gewann es drei Grand-Slam-Turniere und stand bei einem weiteren im Finale. Als diesjährige Gewinnerinnen der French Open gingen beide Spielerinnen dann auch mit der Favoritenbürde ins olympische Turnier. Sie hielten dem Druck stand und holten am Sonntag durch einen Zwei-Satz-Sieg im Finale gegen die Schweizerinnen Belinda Bencic und Viktorija Golubic die Goldmedaille. Kateřina Siniaková:

„Es ist das schönste Gefühl, das man haben kann. Ich weiß es extrem zu schätzen, dass wir jetzt Olympiasiegerinnen sind, denn viele Leute haben von uns nichts anderes erwartet. Doch der Weg dorthin war sehr schwer. Innerhalb einer Woche hatten wir mehrere knifflige Spiele, in denen wir hart um den Sieg gerungen haben. Wir haben es aber geschafft.“

Markéta Vondroušová | Foto: Seth Wenig,  ČTK / AP Photo

Und ihre kongeniale Partnerin fügte hinzu:

„Der Olympiasieg ist der Lohn für die ganze Schinderei und all die guten Turniere, die wir als Doppel in den letzten Jahren gespielt haben. Auch hier in Tokio haben wir gutes Tennis geboten, was mich freut. Ich wusste aber nicht, dass die Medaille so schwer ist.“

Sie wiegt wohl auch deshalb so viel, weil es die erste Goldmedaille für das tschechische Tennis ist, seitdem diese Sportart 1988 nach jahrzehntelanger Pause wieder in das olympische Programm aufgenommen wurde. Silber und Bronze gab es seitdem zwar reichlich, aber eben kein Gold. Markéta Vondroušová ist es im Übrigen zu verdanken, dass in Tokio die insgesamt vierte Silbermedaille hinzugekommen ist. Die 22-Jährige spielte ein starkes Turnier und unterlag erst im Endspiel des Damen-Einzels Belinda Bencic aus der Schweiz nach großem Kampf in drei Sätzen:

„Ich denke, dass wir beide heute ein tolles Finale gespielt haben. Wir hatten schon einige Begegnungen in dieser Dauerhitze in den Knochen, und trotzdem haben wir noch einmal alles aus uns herausgeholt. Wir haben wirklich unsere letzten Körner auf dem Court gelassen.“

Neben einmal Gold und vier Mal Silber hat Tschechien bei olympischen Tennisturnieren noch fünf Mal Bronze gewonnen.

Laufbahn zu Ende: Simona Kubová verabschiedet sich von Olympia

Simona Kubová | Foto: Idobi,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0

Simona Kubová, besser bekannt unter ihrem Mädchennamen Simona Baumrtová, war im zurückliegenden Jahrzehnt die Vorzeigeathletin im tschechischen Schwimmsport. Mit ihren Leistungen, vor allem im Rückenschwimmen, näherte sie sich der Weltspitze wie keine zweite Tschechin. Sie gewann mehrere Medaillen, darunter eine bronzene bei der EM 2012 und eine zweite bronzene bei der Kurzbahn-WM 2012, jeweils über 100 Meter Rücken. 2018 heiratete sie ihren Physiotherapeuten Kryštof Kuba, doch seitdem hat sie wiederholt auch gesundheitliche Probleme. Die 29-Jährige war daher froh, in Tokio noch ihre dritten Spiele bestreiten zu können. Als sie nach ihrem letzten olympischen Wettkampf aus dem Becken stieg, war sie völlig aufgewühlt:

Simona schluchzte und bat um Verzeihung für ihre Tränen. Im nächsten Atemzug aber fügte sie an:

Simona Kubová | Foto: David Sedlecký,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0

„Ich bin natürlich mit ganz anderen Ambitionen hierhergekommen, vor allem was die Disziplin über 100 Meter Rücken betrifft. Der Wettkampf ist aber nicht nach meinen Vorstellungen gelaufen, was seine Gründe hatte. Mein Trainer und Vater sagte, er wäre nicht verärgert, falls ich mich nicht gut fühlte und dann nicht über die 200 Meter antreten würde. Doch ich dachte mir, dass dies mein letzter olympischer Wettkampf und womöglich auch der letzte meiner Karriere sein könnte. Also wollte ich starten. Jetzt, nachdem es vorbei ist, bin ich einfach nur traurig, denn ein Lebensabschnitt von 20 Jahren ist auf einmal zu Ende.“

Und etwas später, als sie sich schon wieder etwas gefasst hatte, resümierte Simona Kubová:

„Ich denke, dass ich mich für nichts schämen muss. Viele Menschen in Tschechien würden es nicht schaffen, dreimal bei Olympia zu starten so wie ich. Und ich bin glücklich, dass ich wenigstens bei den Spielen in London überzeugt habe, wo mir nur ein Zehntel zur Finalteilnahme fehlte.“

Martin Fuksa  (rechts) | Foto: Darron Cummings,  ČTK / AP Photo

In dieser Woche werden aber noch viele weitere olympische Geschichten geschrieben. Und aus tschechischer Sicht haben insbesondere Sportkletterer  Adam Ondra und Rennkanute Martin Fuksa sehr gute Medaillenchancen.

Autoren: Lothar Martin , Kamil Jáša , Petr Kadeřábek , Martin Charvát
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