Festival "Prager Jahrmarkt": Folklore öffnet Grenzen

Roman Veverka

Volkskunst aus aller Herren Länder lässt sich in der kommenden Woche auf dem Ovocny trh, dem Obstmarkt in der Prager Altstadt erleben. Zum vierten Mal lädt dort bereits das Folklorefestival "Prazsky jarmark - Prager Jahrmarkt" zu einer folkloristischen Entdeckungsreise ein - quer durch Tschechien und rund um die Welt...

Nicht nur mährische Zimbal-Musik wird ab dem kommenden Dienstag über den Prager Obstmarkt klingen. Eine knappe Woche lang bietet der vierte Jahrgang des "Prager Jahrmarkts" hier an jedem Nachmittag ein buntes Programm: Volkstanz und -gesang, Folklore aus den tschechischen Regionen und aus aller Welt. 25 Ensembles und mehr als 1200 Teilnehmer werden erwartet. Eingeladen hat der Tschechische Folklore-Verband. Präsident Zdenek Psenica ist sich sicher: die Zuschauer erwartet ein Programm der Höhepunkte:

"Einer der Schwerpunkte liegt natürlich darauf, die besten tschechischen Ensembles zu präsentieren, so dass die gesamte Breite des Landes vorgestellt wird. Dann geht es aber auch um internationale Vielfalt. Wir haben zum Beispiel Gäste aus Mexiko, Portugal, Serbien und Bulgarien - für dieses Festival haben wir wirklich die Folkore-Großmächte ausgewählt."

Sogar ein Hauch fernöstlicher Exotik wird durch die Gassen der Prager Altstadt wehen, ergänzt Verbandsvize Jan Slajs:

"Einer der Glanzpunkte in diesem Jahr stellt eine Gruppe aus China dar, die sich mit ihren traditionellen chinesischen Drachen dem Publikum vorstellt, und das nicht nur auf der Bühne, sondern auch bei dem Umzug."

Der Trachtenumzug aller Teilnehmer am Mittwoch ist unbestrittener Höhepunkt des Festivals - mit Gesang und Tanz geht es vom Altstädter Ring quer durch das historische Prag zu der Festivalbühne auf dem Obstmarkt. Hier warten noch weitere folkloristische Attraktionen, verrät Co-Organisator Jan Slajs.

"Die Besucher können an dreißig Ständen, die wir in diesem Jahr aus den verschiedensten Kunsthandwerken ausgesucht haben, selbst ausprobieren, wie verschiedene Dinge hergestellt werden. Sie können mit Naturkork arbeiten, Holz drechseln, auf Seide malen und ihre Kreationen dann natürlich auch mit nach Hause nehmen. Sie können Kerzen gießen, hinter Glas malen, Lebkuchen verzieren, Ostereier bemalen, Karamellfiguren modellieren und vieles mehr."

Der Prager Jahrmarkt mit Musik, Volkstanz und bunten Trachten bleibt aber nicht nur auf die Innenstadt beschränkt. Erstmals trägt das Festival die Folklore auch in die Vorstädte, mitten zwischen die Plattenbauten nach Prag-Repy - ein Experiment auch für Cheffolklorist Zdenek Psenica:

"An diesem Jahrgang beteiligt sich auch der 17. Prager Stadtbezirk. Ein paar Schritte vom Bezirksamt entfernt wird einer der Veranstaltungsorte des Prager Jahrmarkts sein - hier treten vier Ensembles auf."

Ein besonderer Teil des Programmes ist schließlich den Kinderensembles vorbehalten, die stets am frühen Nachmittag ihren großen Auftritt vor dem Prager Publikum haben. Überhaupt hat der Nachwuchs einen bedeutenden Stellenwert in der tschechischen Brauchtums-Pflege, wie Verbandspräsident Psenica unterstreicht:

"In Deutschland ist Volkskunst und Folklore vor allem eine Sache der älteren Generationen. In Tschechien und in der Slowakei ist das demgegenüber in großem Maße eine Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen. Schauen sie nur unseren Folklore-Verband an - wir sind die drittgrößte Kinder- und Jugendorganisation im Lande! Unter unseren 412 Gruppen sind mehr als 200 Kinder- und Jugendensembles; 80 Prozent unserer Mitglieder sind jünger als 26 Jahre. Natürlich denken wir auch an die Senioren, aber die Folklore ist bei uns mehr oder weniger eine Sache der jungen Menschen."

Im vierten Jahrgang hat sich das Folklorefestival "Prager Jahrmarkt" bereits im Prager Veranstaltungskalender etabliert. Dass es klappen kann, traditionelle Folklore und die moderne Großstadt zusammenzubringen, das war aber nicht von vorneherein klar. Ganz im Gegenteil, erinnert sich Zdenek Psenica:

"Mir, und nicht nur mir, haben Kollegen aus dem Folkloreverband gesagt: In Prag wird niemals ein bedeutendes Folklorefestival entstehen können. Ich freue mich natürlich, dass sie sich geirrt haben. Das war auch ein Ergebnis von günstigen Umständen. Es haben sich Leute hier aus dem ersten Prager Bezirk zusammengetan, darunter auch Bürgermeister Vihan, und wir haben ausgemacht, dass wir den ersten Jahrgang des Folklorefestivals auf die Beine stellen, gewissermaßen als Versuch."

"Unser Gedanke war, ein nicht-kommerzielles Festival zu machen, das den Pragern ausgezeichnete Ensembles aus der Region, aber auch aus dem Ausland vorstellen soll. Weil wir als Folkloreverband Kontakte in 121 Länder der Welt haben und einen regen Austausch unterhalten, haben wir natürlich auch unsere Partner aus Lateinamerika und China eingebunden. Für sie ist das hier auch ein interessantes Ziel, denn Prag ist schließlich eine der schönsten Städte."

Folklore und Brauchtum, das ist die Botschaft, haben nichts zu tun mit einem engstirnigen und ausgrenzenden Heimatstolz. Indem man das Eigene pflegt, öffnen sich vielmehr die Grenzen zu dem Anderen, erklärt Folklorist Zdenk Psenica:

"Tschechien ist Mitglied der Europäischen Union, wir sind ein Teil Europas. Und auch über diese Grenzen hinaus meinen wir, dass Folklore verbindet. Es ist egal, ob jemand aus einer mexikanischen oder bulgarischen Gruppe kommt - Tanz und Gesang haben eine enorme verbindende Kraft!"

Und das beweist nicht zuletzt die Erfolgsgeschichte des Prager Jahrmarkts selbst:

"Der ´Prazsky jarmark´ ist zwar noch ein junges Festival, aber es ist zugleich bereits eine der größten Folklore-Veranstaltungen und eines der bedeutendsten Festivals im ganzen Land. Wenn die Unterstützung unserer Partner weiter so anhält, dann kann es bald auch Europaweit zu den bedeutendsten Veranstaltungen seiner Art gehören. Das klingt jetzt sehr selbstbewusst, aber Prag hat das Zeug dazu, und die Folklore-Ensembles in Tschechien auch."