Freiwilligenarbeit in Budweis: Ludwig Domrös über seine Arbeit für Aktion Sühnezeichen

Ludwig Domrös (links)

Wer in Deutschland den Dienst an der Waffe verweigern wollte, musste bis vor einem Jahr noch den Zivildienst absolvieren. Das bedeutete: ein Jahr Dienst für die Allgemeinheit, häufig in Krankenhäusern. Für die Zivis, aber auch andere Freiwillige, gibt es aber auch die Möglichkeit, einer Tätigkeit im Ausland nachzugehen. Ludwig Domrös ist einer derjenigen, die diese Möglichkeit nutzen wollte. Seit zehn Monaten lebt und arbeitet er nun in Südböhmen, in České Budějovice / Budweis. Im Interview sprach er über seine Motive und seine Tätigkeit.

Ludwig Domrös
Ludwig, du bist ASF-Freiwilliger. Was genau ist ASF?

„Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ist eine Organisation, die Jugendlichen die Möglichkeit bietet ein Jahr im Ausland zu arbeiten, also eine Art Friedensdienst zu leisten. Das macht die Organisation jetzt bereits seit über 50 Jahren. Sie hat sich damals auf der Idee gegründet, dass nach dem zweiten Weltkrieg eine Sühne, sprich eine Wiedergutmachung, geleistet werden sollte. Heute bietet Aktion Sühnezeichen eben solche Dienste im Ausland an. Es ist eine NGO, eine Nichtregierungsorganisation. Das heißt, sie wird nicht von der Regierung getragen. ASF bietet in 13 unterschiedlichen Ländern diese Dienste an.“

Wie bist du auf die Idee gekommen, das zu machen?

ASF-Webseite
„Ich wollte damals nicht zur Armee gehen. Ich bin dann auf ASF gekommen, weil das bei uns in der Familie eine bekannte Organisation war. Mein Großvater kannte Aktion Sühnezeichen aus seiner Tätigkeit als Pfarrer und mein Onkel war ebenfalls Freiwilliger. Ich habe mich dann näher mit der Organisation befasst und konnte mich mit ihren Grundsätzen identifizieren. So bin ich dann dazu gekommen, mich dort zu bewerben.“

Warum oder wie genau bist du in Tschechien gelandet?

„Es ist so bei ASF, dass man ganz viele Seminare vorher hat, bevor man den Freiwilligendienst antritt. Dabei wird getestet, ob man für diesen Dienst geeignet ist. Ich habe mich für ein paar Projekte beworben, und letzten Endes haben die finale Entscheidung andere Leute getroffen - ich wurde also nach Tschechien gesandt.“

České Budějovice
Was machst du jetzt in České Budějovice?

„Ich arbeite mit der Organisation ‚Živá paměť’ zusammen. Das ist eine Organisation, die sich mit Opfern des zweiten Weltkrieges beschäftigt, zum Beispiel Zwangsarbeiter, Juden oder andere Geschädigte dieser Zeit. Und einige dieser Leute betreue ich eben.“

Was genau macht Živá paměť? Ich kenne es nur als Internetseite, auf der Gespräche mit Zeitzeugen veröffentlicht werden. Machst du so etwas auch?

Ludwig Domrös interessiert sich u. a. für Zwangsarbeiter (Foto: ČT 24)
„Ja, wenn ich die Leute besuche, reden wir relativ häufig über ihre Vergangenheit. Ich werde da bald ein Interview mit einigen Leuten machen. Die konkrete Arbeit von ‚Živá paměť’ ist es, das alles zu organisieren. Dass die Leute betreut werden, sich treffen können und kulturelle Aktivitäten durchführen können. Es gibt zum Beispiel alle 2 Wochen ein Treffen, bei dem alle Klienten von ‚Živá paměť’ zusammenkommen, Kaffee trinken und sich einem kulturellen Programm widmen können. Da bin ich auch immer dabei und organisiere das mit.“

Wie viele Leute betreust du?

Ludwig Domrös besucht die Opfer des zweiten Weltkrieges
„Eigentlich habe ich 10 Leute zu betreuen, aber es häufig so, dass einige im Krankenhaus sind, also praktisch 7-8 Leute.“

Wie ist der Alterdurchschnitt der Menschen?

„Von 75 bis 80 Jahren aufwärts. Teilweise haben wir auch über 90-jährige Menschen.“

Ist das ein Problem für diese Menschen, mit einem deutschen Jugendlichen den Tag zu verbringen und Gespräche zu führen?

„Für die Leute, die ich besuche, ist das nicht problematisch. Ich höre manchmal von ihnen, dass Bekannte zu ihnen sagen: ‚Wie kann du das machen? Das ist doch ein Deutscher? Die haben dir doch früher so etwas angetan!’ Aber meine Klienten und die Leute von ‚živá paměť’ haben die Einstellung, dass wir nun eine andere Generation sind. Eine Generation, die das sozusagen wieder gut machen und erfahren will, wie es ihnen damals ging. Mir ist da viel Offenheit und Freundlichkeit begegnet.“

Ludwig Domrös (links)
Worüber unterhält man sich mit diesen Menschen? Kommen Gespräche über die Vergangenheit eher zufällig auf?

„Das ist unterschiedlich und hängt vom Charakter des Menschen ab. Wir reden natürlich nicht die ganze Zeit über dieses Thema sondern auch über das Wetter oder den Tagesablauf. Ich habe auch Leute, die wollen über ihre Vergangenheit gar nicht sprechen. Sie haben mir das gesagt, als ich sie darauf angesprochen habe. Ich akzeptiere das dann auch. Andere wiederum erzählen gleich ihre ganze Lebensgeschichte am ersten Tag und sind für Fragen offen. Bei wieder Anderen ist es so, dass ich erst nachhaken muss, bis sie was erzählen.“

Die Arbeit ist ja sehr sprachlastig, du musst ja viel reden. Nun sind es ja Tschechen. Sprecht ihr Deutsch oder hast du Tschechisch gelernt, kannst du Tschechisch?

„No jo, už trošku umím…! Ein bisschen Tschechisch kann ich schon. Das genügt, um sich zu unterhalten. Ich besuche nur 2 Klienten, die überhaupt kein deutsch sprechen. Mit denen kann ich mich gut auf Tschechisch unterhalten. Die meisten sprechen deutsch, vielleicht weil sie das früher gelernt haben. Manche wollen auch unbedingt mit mir deutsch sprechen, damit sie ihre Kenntnisse nicht verlernen. Ich möchte eigentlich eher tschechisch sprechen, aber die Gespräche werden immer wieder ins Deutsche umgelenkt.“

Du machst in deiner Freizeit ja noch ein weiteres Projekt, sozusagen Freiwilligenarbeit nach der Freiwilligenarbeit.

„Das mache ich jetzt seit etwa vier Wochen. Ich gehe in ein Projekt, bei dem wir Romakindern Nachhilfe anbieten und einen Klub anbieten. Wir geben dort Nachhilfeunterricht für die Grundschule. Den bekomme ich dann auch mit meinen Tschechischkenntnissen hin. Danach gehen wir dann manchmal Spielen oder setzen uns mit den Problemen der Kinder und Jugendlichen auseinander. Wir beschäftigen uns einfach mit diesen Menschen.“

Wie wird das von den Kindern angenommen?

„Die freuen sich, dass jemand aus Deutschland kommt, die sind sehr interessiert an mir. Es ist erstaunlich, dass ich dort 11-jährige Kinder getroffen habe, mit denen ich mich auf Englisch unterhalten kann. Sie sind herausfordernd, aber es sind gute Kinder.“

Warum genau ein Roma-Projekt? Wie bist du darauf gekommen?

„Ich habe gemerkt, dass hier in Tschechien den Roma mit sehr viel Rassismus begegnet wird. Diese Situation spitzt sich zu und es gibt keinen richtigen Ausweg. Ich persönlich wollte Roma kennen lernen und etwas dazu beitragen, diese Einengung der Roma in diesem rassistischen Muster aufzulockern. Helfen, ihnen Möglichkeiten zu geben, aus dieser Situation herauszukommen.“

Zehn Monate deines Freiwilligenjahrs sind vorbei, es bleiben noch zwei Monate. Wenn du zurückblickst: hat es sich gelohnt, war es eine gute Erfahrung?

„Es war durch und durch eine gute Erfahrung. Aber es war natürlich auch sehr häufig problematisch. Oftmals habe ich mir die Frage gestellt, ob es Sinn macht was ich hier mache und ob es mich weiterbringt. Gerade jetzt, wo ich so einigermaßen die Sprache beherrsche und besser in Kontakt mit Tschechen komme, wird es eindeutig besser. In den ganzen 10 Monaten gab es aber immer wieder Momente, in denen ich mir gedacht habe, das ist doch doof. Auch weil ich immer mal wieder alleine war oder einfach nicht richtig wusste, ob das dass Richtige ist, was ich hier mache. Zurückblickend kann ich aber sagen, dass es richtig gewesen ist.“