Hochentwickelt und breit angelegt: Tschechische Entwicklungshilfe in Afrika

Jan Lipavský am Rednerpult; Gomes Cravinho und Árnadóttir auf dem Podium

Vergangene Woche veranstaltete das Außenministerium schon zum zweiten Mal die Tschechischen Entwicklungstage. Dazu wurde die Öffentlichkeit am Freitag in den Garten des Czernin-Palais' eingeladen, wo Infostände und wichtige Akteure über die entwicklungspolitischen Projekte und humanitäre Hilfe der Regierung informierten. Zuvor fand in den Räumen des Ministeriums der Afrika-Tag statt, bei dem sich Experten, Diplomaten, Investoren und NGOs gemeinsam zu aktuellen Fragen und Aufgaben der Entwicklungspolitik austauschten.

Petr Gandalovič | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Afrika ist ein geopolitischer Player mit stetig wachsender Bedeutung. Dies konstatierte der tschechische Außenminister, Jan Lipavský (parteilos), zum Auftakt des Afrika-Tages. Weil der Kontinent hierzulande als vielversprechender Partner für die Zukunft angesehen wird, widmete ihm das Ressort einen ganzen Tag mit hochkarätig besetzten Podiumsdiskussionen und thematisch angelegten Runden Tischen.

Wiederholt war dabei zu hören, dass zur Zeit tiefgreifende Veränderungen stattfinden – und das sowohl in Afrika als auch in Europa. Nur sei sich Afrika dessen womöglich mehr bewusst, analysierte João Gomes Cravinho, der EU-Sonderbeauftragte für die Sahelzone. Im Interview mit Radio Prag International konkretisierte dies Petr Gandalovič, Abteilungsleiter für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe beim tschechischen Außenministerium:

João Gomes Cravinho am Rednerpult | Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums

„Diese Veränderungen sind eindeutig historisch, sei es der starke Anstieg der afrikanischen Bevölkerung oder die deutlich wachsenden Ambitionen dieser Länder. Ebenso gibt es dabei aber eine Menge Risiken, etwa durch den Klimawandel oder die Migration sowie Sicherheitsrisiken. Afrika stellt eine riesige Chance dar – sowohl für die eigenen Bewohner, als auch für uns Nachbarn. Damit sind natürlich gewisse Herausforderungen verbunden, über die wir gemeinsam mit Afrika sprechen müssen.“

Und dafür böten die Tschechischen Entwicklungstage eine gute Gelegenheit, fügt Gandalovič hinzu. Bei der Podiumsdiskussion sprach etwa die Direktorin des OECD-Entwicklungszentrums, Ragnheiður Elín Árnadóttir, von der strahlenden Zukunft Afrikas. Entsprechend wurde vielfach betont, dass der Kontinent heute ein gleichberechtigter und selbstbewusster Partner Europas sein müsse. Dazu Petr Gandalovč im Interview:

João Gomes Cravinho,  Jan Lipavský und Ragnheiður Elín Árnadóttir | Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums

„Wir wollen uns gegenseitig versichern, dass Entwicklung nicht nur ein einseitiges Instrument und nur die Hilfe für Afrika ist. Es ist ein beidseitiger Prozess unter Partnern. Zudem wollen wir in den einzelnen Diskussionsrunden zeigen, dass Entwicklungszusammenarbeit auch auf den fortgeschrittensten Gebieten stattfinden kann – etwa bei Satellitenaufnahmen, Analysen und Planungen für das Landschaftsmanagement. Dies sind entwickelte Branchen, die weit darüber hinausgehen, was man sich üblicherweise unter Afrika-Hilfe vorstellt.“

Der Bevölkerung diese Fortschritte in der internationalen Entwicklungshilfe vorzustellen, ist dann auch ein Ziel der öffentlichen Einladung, die das Außenministerium nun schon im zweiten Jahr ausgesprochen hatte. So ging es am Freitag im Garten des Czernin-Palais' etwa um die sechs Schwerpunktländer Tschechiens, von denen zwei – Äthiopien und Sambia – eben in Afrika liegen.

Tiefgreifende Veränderungen in Afrika

Tunesien steht zwar nicht im unmittelbaren Fokus der aktuellen Regierungsstrategie für internationale Entwicklungszusammenarbeit, hat aber traditionell enge Beziehungen zu Tschechien. So war Yosra Souiden, die tunesische Botschafterin in Prag, beim Afrika-Tag ebenfalls auf das Podium geladen. Gegenüber Radio Prag International führte sie aus:

Yosra Souiden am Rednerpult; Gomes Cravinho und Árnadóttir auf dem Podium | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Unsere diplomatischen Beziehungen zu Tschechien bestehen seit fast 70 Jahren. Wir wollen sie weiter vertiefen, damit die ökonomischen Kontakte einen Vorteil für beide Seiten bringen. Erst im April war Minister Lipavský in Tunesien, in Begleitung von zahlreichen Wirtschaftsvertretern. In Tunis hatten wir darum ein wichtiges Business-Forum organisiert, bei dem die Bereiche des gegenseitigen Interesses im Mittelpunkt standen. Dies sind etwa Luftfahrt, Pharmazeutik, Tourismus oder Textilindustrie. Wir versuchen also, unsere Beziehungen mit solchen Kontakten auf politischer und auf wirtschaftlicher Ebene zu kennzeichnen.“

Tunesien sei der viertwichtigste Handelspartner für Tschechien in Afrika, ergänzt die Diplomatin. Als größte Herausforderung des gesamten Kontinentes benannte Souiden in der Podiumsdiskussion die junge Altersstruktur und damit verbunden die Frage der Bildung und der Arbeitsplätze. Derzeit liegt das Durchschnittsalter in ganz Afrika bei knapp über 19 Jahren – in Europa hingegen bei etwa 42 Jahren. Zudem ist Afrika weltweit der Kontinent mit dem schnellsten Bevölkerungswachstum. Dies betreffe alle dortigen Staaten, unterstreicht die tunesische Botschafterin im Interview:

Yosra Souiden | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

„Alle unsere Länder wissen, dass wir dieses Problem angehen müssen. Die jungen Menschen brauchen eine sehr gute Bildung und Jobaussichten. Dies ist die Diagnose, und es gibt auch schon Symptome: nämlich die Arbeitslosigkeitsraten in vielen afrikanischen Länder. Wir müssen nun gegen die Wurzeln dieses Problems vorgehen, die meiner Ansicht nach hauptsächlich in der Wirtschaftslage liegen, im Wachstum und in der Bildung.“

So gebe es etwa eine Zusammenarbeit mit den Universitäten in Tschechien. Im März hätten sich Vertreter Afrikas mit dem hiesigen Bildungsminister Mikuláš Bek (Stan) getroffen, berichtet Souiden weiter. Und er habe zugesagt, die etwas ins Stocken geratene Ausbildung von afrikanischen Studenten wieder ankurbeln zu wollen.

„Um diese Themen anzugehen und sich der Herausforderung zu stellen, kann die Wissenschafts- und Wirtschaftsdiplomatie ein wichtiges Instrument sein. In der Afrika-Strategie der tschechischen Regierung von 2022 liegen die Schwerpunkte auf Austauschprogrammen im Wissenschaftsbereich, auf dem Technologietransfer und auf einer stärkeren Zusammenarbeit bei Bildung und Praktika. Dies sind die Hauptthemen in der Strategie Tschechiens, und sie kommen den Bedürfnissen der afrikanischen Länder entgegen.“

Umweltschutz als Frage der Menschenrechte

Beim Afrika-Tag war dann auch einer der Runden Tische der inklusiven Bildung und Jugendprogrammen gewidmet. Eine weitere interne Diskussionsrunde hatte das Thema „Unterstützung der Zivilgesellschaft und unabhängiger Medien“. Eine der Referentinnen war Marcela Černochová von der tschechischen Umweltorganisation Arnika. In einem sauberen und gesunden Umfeld zu leben, gehöre zu den grundlegenden Menschenrechten, begründete Černochová ihren Auftritt bei den Entwicklungstagen:

„Zudem können Umweltprobleme mitunter komplexe Veränderungen hervorrufen, wenn sie von der örtlichen Bevölkerung wahrgenommen werden. Dies kann etwa eine problematische Fabrik sein, die das Umfeld verschmutzt und negative Folgen für die Gesundheit der Anwohner hat. Wenn die Leute anfangen, sich dafür zu interessieren, weckt sie das auf. Sie beginnen, Fragen zu stellen. Dies kann ein Anfang sein für den Einsatz für die Menschenrechte.“

Marcela Černochová | Foto: Martin Dorazín,  Tschechischer Rundfunk

Černochová selbst ist für Arnika in der Ukraine tätig. Die NGO ist dort bereits seit 2017 aktiv und unterstützte zunächst örtliche Initiativen für eine bessere Luftqualität. Mit dem Beginn der Invasion durch russische Truppen 2022 habe sich die Arbeit für Arnika verändert, berichtet die Projektkoordinatorin. Zum einen habe die tschechische Organisation in bestimmten ukrainischen Orten ein Warnsystem für die Strahlungsbelastung in der Luft installiert. Zum anderen gehe es jetzt viel um Umweltschäden, die durch den Krieg verursacht würden, sagt Černochová, sowie um die Hilfe für Gemeindeverwaltungen bei den Wiederaufbauarbeiten.

Damit beteiligt sich Arnika an der Umsetzung der Ukraine-Strategie des tschechischen Außenministeriums. Die NGO bezieht teilweise auch Gelder aus entsprechenden öffentlichen Töpfen. Für 2025 sieht der Staatshaushalt Tschechiens für die Finanzierung der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe 942 Millionen Kronen (37,9 Millionen Euro) vor. Černochová kommentiert:

Afrika-Tag | Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums

„Allgemein gilt, dass die Tschechische Republik ihre internationalen Verpflichtungen zur Höhe dieses Beitrags nicht erfüllt. Allerdings muss ich sagen, dass vor allem tschechische NGOs ein gutes Beispiel dafür sind, wie trotzdem effektiv gearbeitet werden kann. Und das auch an Orten, an denen die großen internationalen Institutionen nicht funktionieren. Wir müssen auch mit sehr geringen Budgets auskommen. Darum schaffen wir es, sozusagen viel Musik für wenig Geld zu machen.“

Als Mitglied der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sollte Tschechien jedes Jahr eigentlich 0,3 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in diesen Bereich investieren. Nach den zuletzt erhobenen Zahlen waren es 2023 aber nur 0,11 Prozent, Tendenz rückläufig.

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