Josef Holub: „Der rote Nepomuk“

Josef Holub: „Der rote Nepomuk“
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Der Geschichtenerzähler Otfried Preußler hat zwar Kindergeschichten geschrieben, deren Stoff oft aus seiner alten Heimat, dem Sudetenland, stammt. Über die Nazizeit schweigt er aber. Beim Jugendbuchautor Josef Holub ist das anders. In seinem Buch „Der rote Nepomuk“ erzählt er von einer Freundschaft, die sich gegen den endgültig ausbrechenden deutsch-tschechischen Konflikt zur Wehr setzen muss.

Josef Holub: „Der rote Nepomuk“
Christian, Du stellst heute das Buch „Der rote Nepomuk“ vor. Geschrieben hat es Josef Holub. Das klingt nach einem tschechischen Autor.

„Könnte man vermuten, Holub ist Tschechisch und heißt Taube. Josef Holub ist aber ein Deutscher aus dem Böhmerwald, aus Neuern, heute Nýrsko. Nach der Vertreibung hat er im Schwäbischen gelebt. – hat, sage ich, denn er ist vor wenigen Wochen fast 84-jährig gestorben.“

Was ist das für eine Geschichte, die Josef Holub im „Roten Nepomuk“ erzählt?

„Vorab muss man sagen: Der rote Nepomuk ist ein Jugendbuch, aber ich habe es schon zum zweiten Mal mit Freude gelesen. Kurz und bündig gesagt: Es geht um eine unzertrennliche Freundschaft zweier Jungen. 12 Jahre sind sie alt, der eine ist Deutschböhme, der andere Tscheche. Der eine heißt Josef oder auch Pepitschek, wie die Tschechen sagen, und der andere heißt Jirschi. Beide leben in einer Kleinstadt im Böhmerwald und erleben im Jahr 1938, wie ihr ´Paradies´ langsam aber sicher im Konflikt zwischen Tschechen und Deutschen zermalmt wird. 1938 war das Jahr, in dem Hitler durch internationalen Druck auf die Tschechoslowakei, einen Anschluss der Sudetengebiete an das Deutsche Reich erwirkt hat. Das ist der historische Rahmen, in dem sich die Geschichte der beiden Jungen und dieser dörflich geprägten Gegend im Böhmerwald abspielt.“

Josef Holub
An welcher Stelle kommt denn der heilige Nepomuk ins Spiel, der ist ja der Titelgeber der Geschichte?

„In Böhmen steht auf jeder Brücke ein Nepomuk – der Brückenheilige. Mit diesem Satz beginnt das Buch. Der blecherne Nepomuk, der die Karwanbrücke in der Stadt beschützt hat aber noch einen Kollegen bekommen: Seit kurzem ist ein Maschinengewehr auf der Brücke installiert. Wenn das Gewehr schießt, kann auch der Hitler nicht über die Brücke kommen, sagt der kindliche Ich-Erzähler Josef. Das Gewehr ist der Vorbote einer unheilvollen Zukunft. Die Geschichte beginnt im Frühjahr zur Schneeschmelze, wenn große Eisschollen über den Fluss treiben. Josef und sein hartgesottener Kamerad Lutsch spielen einem vorbeikommenden Tschechenjungen – eben diesem Jirschi - einen Streich: Sie setzen ihn ohne Stock zum Staken auf eine Eisscholle. Der treibt schließlich auf das Wehr zu und ist in Lebensgefahr. Wie durch ein Wunder kann er sich retten. Josef hat sich vor Angst, er würde zum Mörder werden, in die Hose gemacht und muss sich bald darauf vom Tschechenjungen verprügeln lassen. Damit sind beide quitt und werden dicke Freunde. Auf einer Insel im Fluss finden die beiden böhmischen Indianer ihr Paradies.“

Tschechische Ausgabe des Buches
Ein Paradies auf Zeit, denn 1938 war die Situation zwischen Tschechen und Deutschen in der Tschechoslowakei ja schon angespannt.

„Richtig. Das Gewehr wird von der Brücke gestohlen und jeder verdächtigt jeden. Gestohlen haben es die Hitler nahe stehenden Henlein-Anhänger, allen voran der Lehrer Großkopf. Die Aufregung ist groß. Und das Geschehen nimmt seinen Lauf. Die beiden Jungs entdecken das Maschinengewehr in einer alten Scheune und kriegen es mit der Angst zu tun. Denn sie wissen, wer es geklaut hat. Und sie erleben auch, wie Lehrer Großkopf und seine Kumpanen mit dem Gewehr Schießübungen auf den heiligen Nepomuk veranstalten, um sich für den Kampf gegen die tschechischen Nachbarn und die ´Sozi´ zu rüsten. Die beiden Jungs greifen ein. Sie bergen den durchlöcherten heiligen Nepomuk aus dem Fluss, den die Männer dort versteckt hatten und versenken dafür das Maschinengewehr. In diesem langen Sommer, den die Josef und Jirschi gemeinsam erleben, steht die Zeit still, wenn sie in ihrem Paradies auf der Insel sind. Aber der Konflikt in der Stadt zwischen den Tschechen und den Deutschen, die immer unverhohlener auf Hitler warten, zeigt, dass der Herbst, dass die Katastrophe, sich nicht aufhalten lassen. Es gibt viele Situationen, in denen es brenzlig wird für die Freundschaft von Josef und Jirschi. Aber beide entscheiden sich ganz bewusst zusammenzuhalten– obwohl die ganze Welt sich zwischen sie zu werfen scheint.“

Aus dem Theaterstück „Der rote Nepomuk“ auf der Bühne in Ústí nad Labem (Foto: www.ct24.cz)
Klingt fast wie ein Märchen. Ist das Buch autobiografisch? Ist der junge Josef also Josef Holub?

„Der Autor hatte das in Interviews bestätigt. Manche Episoden sind sicher erfunden. Aber einer der Henlein-Anführer, der im Buch eine Rolle spielt, war zum Beispiel später in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Mitglied in der FDP. Holub hat seinem Namen nur einen kleinen Buchstaben hinzugefügt. Dass Holub in dieser untergegangenen Welt gelebt hat, das spürt man auch an der Sprache. Die Sprache der Jungen ist derbe. Da ist von ´Njemceschwein´ und ´Sauböhmack´ die Rede, da fliegen dem Gendarm des Ortes Olmützer Quargeln an den Helm. Und Holub verwendet auch einige tschechische Ausdrücke. Die werden hinten in einem ´Verzeichnis der seltsamen Wörter´ erklärt. Insgesamt ist es die unverblümte Sprache eines heranwachsenden Jungen, zugleich aber sehr zärtlich in der Beschreibung der Sommertage im Böhmerwald.“

Josef Holub: „Der rote Nepomuk“
Ist das Buch eine Neuerscheinung?

„Nein, es wurde schon Anfang der 1990er Jahre im Beltzverlag veröffentlicht und hat viele Preise eingeheimst. Unter anderem den Peter-Härtling-Preis. Das Erstaunliche ist: Holub hatte das Buch schon in den 50er Jahren geschrieben und im Schreibtisch verschwinden lassen: Er hatte sich damals, im Kalten Krieg, nicht vorstellen können, wer sich für eine Freundschaft zwischen einem deutschen und einem tschechischen Jungen interessiert.“

Service:

Holub, Josef: Der rote Nepomuk. Mit einem Nachwort von Peter Härtling. Beltz & Gelberg 1997. 196 S., € 6,90.