Interview-Buch „Dvojité agentky“ (Doppelagentinnen) erzählt vom Leben zwischen Tschechien und Deutschland

Zuzana Jürgens (links) und Zuzana Lizcová

Gespräche über das Leben zwischen Tschechien und Deutschland: So heißt der Untertitel eines Buches mit 15 Frauen und – als Bonus – mit vier Männern. Zuzana Jürgens und Zuzana Lizcová haben die Interviews geführt. Jürgens leitet den Adalbert-Stifter-Verein und ist Bohemistin, Lizcová leitet den Lehrstuhl für deutsche und österreichische Studien an der Prager Karlsuniversität und ist Journalistin. Radio Prag International hat mit beiden Autorinnen in den Räumen der Václav-Havel-Bibliothek gesprochen. Dort fand die Buchtaufe statt.

Zuzana Jürgens, Zuzana Lizcová, Sie haben gemeinsam ein Buch mit Interviews herausgegeben. Und zwar sind es Gespräche mit Frauen, die aus Tschechien stammen, aber mittlerweile in Deutschland leben. Der Titel des Buches lautet „Dvojité agentky“, auf Deutsch also Doppelagentinnen. Warum dieser Titel?

Zuzana Lizcová  (links) und Zuzana Jürgens | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Jürgens: „Den Namen hat sich eigentlich Zuzana Lizcová ausgedacht. Aber ich erkläre ihn gerne. Agentin bedeutet ja nicht nur Spionin, wie man es vielleicht im gängigen Sinn versteht. Sondern es ist jemand, der – man könnte sagen – ein Multiplikator ist. Jemand, der vermittelt und für irgendetwas steht. Das schien uns eine treffende Bezeichnung für diese Frauen, die Tschechinnen sind, aber durch das lange Leben in Deutschland mindestens etwas, in der Regel aber sogar ziemlich viel vom Deutschen aufgenommen haben. Wenn sie in Tschechien sind, dann erklären sie Deutschland. Und wenn sie in Deutschland sind, dann stehen sie für das Tschechische und müssen oder wollen auch Tschechien erklären und verteidigen.“

Lizcová: „Das ist zum einen bereichernd und zum anderen eine Herausforderung für die Frauen, weil sie diese zwei unterschiedlichen Kulturen in sich miteinander verbinden müssen. Es gibt dabei viele Fragen hinsichtlich der Sprache, der Erziehung der Kinder oder des Arbeitslebens, die sie klären müssen.“

Wie ist dieses Projekt entstanden? Warum haben Sie sich für die Interviews mit den insgesamt 15 Frauen entschieden?

„Wir wollten mit diesem Buch dem etwas entgegensetzen, was man üblicherweise hierzulande über Deutschland liest.“

Lizcová: „Die Idee stammt von Zuzana Jürgens. Sie hat mich angesprochen, ob ich an dem Projekt teilhaben will. Das war vor ungefähr zwei Jahren. Wir haben dann nach und nach die Interviews in der Tageszeitung Deník N veröffentlicht. Jetzt ist daraus ein Buch entstanden. Und als Bonus gibt es noch vier Interviews mit Tschechen, die längerfristig in Deutschland leben. Zuzana Jürgens hat sich das ausgedacht, weil sie in einer ähnlichen Rolle ist. Sie könnte ruhig unsere 16. Interviewpartnerin sein.“

Aus dem Vorwort des Buches habe ich herausgelesen, dass Deutschland zwar direktes Nachbarland und größter Handelspartner Tschechiens ist, aber trotzdem in einer gewissen Weise auch unbekannt…

Jürgens: „Wie Zuzana Lizcová bereits angedeutet hat, lebe ich schon seit 25 Jahren in Deutschland. Und ich konsumiere nicht nur deutsche Medien, sondern auch tschechische. Dabei merke ich: Würde ich nur das mitbekommen, was in den großen Medien über Deutschland gesagt wird, würde ich mich wahrscheinlich nicht mehr auf die Straße wagen. Und überhaupt würde ich mich fragen, warum ich in so einem Land leben will. Meine Erfahrung mit Deutschland ist aber anders. Durch den Alltag und die verschiedensten Orte, an denen ich gelebt habe, weiß ich, dass Deutschland wesentlich vielfältiger ist. Es ist ein freundliches Land. Wir haben viel gemeinsam, aber es bestehen auch einige Unterschiede. Wir wollten mit diesem Buch dem etwas entgegensetzen, was man üblicherweise hierzulande über Deutschland liest.“

Lizcová: „Meine Rolle in Tschechien ist die einer Deutschland-Expertin. Medien rufen mich an, wenn etwas in Deutschland passiert. Und meist wendet man sich an mich, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Denn in Tschechien wird nur wenig über die Lösungen berichtet, die das Nachbarland anbietet. Auch nicht über die Kultur oder über Sachen, die wir gemeinsam haben. Genau das wollten wir in unserem Buch aber hervorheben.“

Zuzana Lizcová  (links) und Zuzana Jürgens | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Ihre Interviewpartnerinnen sind teils sehr bekannt – wie etwa die Opernsängerin Dagmar Pecková, die in einem kleinen Dorf nahe Freiburg lebt –, teils aber auch gar nicht. Manche sind stark verwurzelt, so wie Daňa Horáková, andere denken bereits über ihre Rückkehr nach Tschechien nach, wie etwa die Handballerin Veronika Malá. Nach welchen Kriterien haben Sie die Frauen ausgewählt? Und warum nur Frauen?

Jürgens: „Frauen deswegen, weil wir der Meinung sind, dass ihre Stimmen immer noch zu wenig gehört werden. Und außerdem gibt es tatsächlich mehr Tschechinnen als Tschechen, die nach Deutschland gehen und dort einen deutschen Partner haben und heiraten. Die Zahl der männlichen Tschechen, die eine deutsche Partnerin haben, bewegt sich im Bereich eines statistischen Fehlers. Des Weiteren wollten wir möglichst unterschiedliche Regionen abdecken, um zu zeigen, was in Tschechien auch nicht so bekannt ist: dass Deutschland wirklich ein großes Land ist. Dass es sehr verschiedene Regionen gibt, sowohl was die Natur betrifft als auch die Struktur der Bevölkerung oder etwa den Lebensstandard. Gleichzeitig wollten wir Frauen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen und Generationen porträtieren.“

Wie haben Sie diese Frauen gefunden?

Lizcová: „Von einigen wussten wir bereits. Wir wollten aber kein Who is Who der Tschechinnen in Deutschland machen. Deswegen haben wir bewusst nicht mit Frauen gesprochen, die schon öfters in den tschechischen Medien ihre Lebensgeschichte geschildert haben. Wir wollten einen Mix haben aus bekannteren und weniger bekannten Frauen. Und das nicht nur aus akademischen Berufen, was uns aber auch ein Anliegen war. Ebenso befinden sich die Frauen in unterschiedlichen Situationen – ob sie in Deutschland kleine Kinder haben, ob sie verheiratet sind oder ob sie noch vor der Wende nach Deutschland gekommen sind und daher für eine ziemlich lange Zeit nicht einfach zurückkehren konnten, was heutzutage hingegen möglich ist.“

Gibt es denn irgendwelche Gemeinsamkeiten, die Sie aus den Gesprächen herausfiltern konnten? Oder ist es doch individuell sehr verschieden?

Jürgens: „Doch, es gibt Gemeinsamkeiten. Das sind die starken Beziehungen zu Tschechien. Alle haben das betont. Diejenigen, die Kinder haben, haben ihnen Tschechisch beigebracht. Es bestehen Kontakte mit den Großeltern und regelmäßige Fahrten nach Tschechien oder Aufenthalte hierzulande. Eine Gemeinsamkeit, über die die Frauen indes nicht sprechen, ist meiner Meinung nach, dass dieser Umzug nach Deutschland für alle neue Möglichkeiten eröffnet hat. Ich weiß das auch aus meiner eigenen Erfahrung. Wäre ich in Tschechien geblieben, hätte ich etwas komplett Anderes gemacht als heute. Und ich glaube, das trifft auf fast alle zu. Das ist vielleicht auch natürlich, wenn man Herausforderungen meistern und danach suchen muss, worin man gut ist und sich noch weiterentwickeln kann. Mich hat neulich jemand gefragt, warum wir nicht auch jemanden haben, der gescheitert ist. Keinesfalls war es unsere Absicht, nur Frauen oder Männer zu zeigen, die es geschafft haben. Aber sie haben gekämpft und ein Leben aufgebaut und Familien gegründet. Und nun haben sie eben einen Teil ihrer Wurzeln in Deutschland und den anderen in Tschechien.“

Lizcová: „Mehrmals wurde auch die tschechische Sprache thematisiert. So betonen einige der Interviewpartnerinnen, die Tschechisch unterrichten, dass wir in Tschechien unnötigerweise Angst vor der deutschen Sprache hätten und sie als schwer empfänden. Aber das ist eigentlich nicht der Fall, weil sich die beiden Sprachen kulturell nahestehen. Und in den Interviews wurde immer wieder der tschechische Humor erwähnt. Das ist eine der Sachen, die die Tschechinnen in Deutschland vermissen.“

Gab es vielleicht besondere Momente aus den Gesprächen, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind? Das stellt sich auch ein bisschen die Frage, wie die Interviews stattfanden – ob vor Ort oder online…

Jürgens: „Sowohl als auch. Besondere Momente? Zum einen waren wir beide positiv überrascht, dass alle angesprochenen Frauen bereit waren, mit uns zu reden. Und das in dem Wissen, dass die Gespräche in Tschechien veröffentlicht werden. Wir haben zudem immer wieder die Frage gestellt: Meinen Sie, dass Sie vielleicht einmal nach Tschechien zurückkehren? Die einzige Ausnahme war Veronika Malá, die Sie schon erwähnt haben, denn sie hat einen tschechischen Partner. Und ich glaube, das spielt eine wesentliche Rolle in ihrer Überlegung, nach ihrer Karriere als Handballerin in Deutschland wieder nach Tschechien zu gehen. Aber ansonsten sagen alle, dass es für sie angenehm sei, diese doppelte Rolle und dieses Doppelleben zu haben.“

„Wir bereiten eine deutsche Übersetzung vor, in die aber nicht alle Gespräche aufgenommen werden, sondern nur eine Auswahl.“

Lizcová: „Ich fand an den Interviews sehr schön, mal nicht selbst antworten zu müssen, sondern fragen zu dürfen. Und sie waren eine Gelegenheit, neue Ecken Deutschlands kennenzulernen. Ich bin wegen eines Interviews zum Beispiel nach Zittau gefahren. Dann war ich zusammen mit meiner Mutter und meinen Kindern auch in Hamburg. Der Anlass war zwar das Interview, aber wir haben daraus einen schönen Familienausflug gemacht. Es war durchaus eine sehr angenehme Angelegenheit.“

Das Buch gibt es bisher nur auf Tschechisch. Hätte eine Übersetzung denn Sinn? Oder müsste man dafür nicht eher Deutsche in Tschechien interviewen?

Jürgens: „Tatsächlich haben wir auch darüber nachgedacht. Aber ich glaube, dass wir eine Pause brauchen, um ein bisschen durchzuatmen. Es ist natürlich eine interessante Perspektive. Und meines Wissens sind es gerade deutsche Frauen, die tschechische Männer geheiratet haben und hierzulande leben – das wäre eine Möglichkeit. Doch wir bereiten tatsächlich eine deutsche Übersetzung vor, in die aber nicht alle Gespräche aufgenommen werden, sondern nur eine Auswahl. In Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung soll das Buch im Herbst zur Frankfurter Buchmesse erscheinen.“

Wo Tschechien ja Gastland sein wird…

Lizcová: „Genau. Und falls alles gut klappt, fahren wir dann mit dem Buch nach Frankfurt.“

Buchtaufe mit Taufpatin Radka Denemarková | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International
Autor: Till Janzer
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