Libuše Černá: „Die Wende ist mein Schatz“

Libuše Černá

Libuše Černá lebt ein Leben zwischen Deutschland und Tschechien. 1953 in Prag geboren, emigrierte sie 1977 nach Bremen. Dort wurde sie nicht nur zur Rundfunkjournalistin, sondern später auch zur Kulturmanagerin. So gründete sie das Literaturfestival Globale, das in diesem Jahr sein 20. Jubiläum feiert. Zudem hob sie den Bremer Rat für Integration mit aus der Taufe. Vor zehn Jahren gründete sie mit Gleichgesinnten außerdem das Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit. Wie blickt Libuše Černá auf ihr Leben zurück? Ferdinand Hauser hat sie im April in Bremen getroffen und sich mit ihr zum Interview verabredet.

Frau Černá, Sie haben 1968 die Niederschlagung des Prager Frühlings miterlebt. 1969 sind Sie für zwei Monate nach London gegangen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Haben Sie überlegt, nicht wiederzukommen? Sie waren damals 15, 16 Jahre alt, das ist ja schon ein Alter, in dem man anfängt, das politische Weltgeschehen wahrzunehmen…

Libuše Černá am Piccadilly Square in London  (1969) | Foto: Archiv von Libuše Černá / Paměť národa

„Bereits im Juli 1968 war ich in Frankreich gewesen. Mehrere Leute meinten damals zu mir, dass ich nicht mehr zurückgehen solle, weil die Russen kommen würden. Ich habe das nicht geglaubt. Also bin ich Anfang 1968 zurück nach Prag gegangen und habe die Invasion miterlebt. Im Sommer 1969 war ich für zwei Monate in London, weil ich damals Englisch gelernt habe. Es stellte sich also wieder die Frage, ob ich dort nicht bleiben sollte. In London gab es eine sehr große tschechische Community, zu der ich Kontakt hatte. Alle meinten, ich solle da bleiben. Aber ich war sehr jung und konnte mir das nicht vorstellen. Denn ich habe dort auch viele Menschen erlebt, denen es psychisch nicht gut ging und die darunter gelitten haben, dass sie nicht zurückfahren konnten. Ich ging schlichtweg davon aus, dass ich das nicht schaffen würde. Deshalb bin ich wieder zurückgegangen.“

In Prag durften Sie zunächst nicht studieren. Später hatten Sie eine Anstellung und dadurch den Zugang zu einer Schreibmaschine. Sie haben auch Samisdat-Texte abgeschrieben. Wie sah diese Tätigkeit aus?

In der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften  (1973) | Foto: Archiv von Libuše Černá / Paměť národa

„Ich finde, dass man bestimmte Sachen aus dieser Zeit Menschen, die erst nach 1990 geboren wurden, extrem schwer vermitteln kann. Vieles kann man heute einfach nicht mehr nachvollziehen. Ich durfte damals jedenfalls nicht studieren. Ich legte eine Aufnahmeprüfung für englische Literatur an der Karlsuniversität ab. Die Professoren gingen davon aus, mich im Herbst wiederzusehen. Aber aus politischen Gründen wurde ich nicht angenommen. Ich musste also arbeiten gehen, denn es gab eine Arbeitspflicht. Ich fand eine Anstellung an der Akademie der Wissenschaften, am Institut für westeuropäische Literatur. Und das Besondere war tatsächlich, dass es dort eine Schreibmaschine gab. Die hatte damals nicht jeder zu Hause. Zudem hatte ich recht flexible Arbeitszeiten und konnte mich auch alleine in den Räumen aufhalten. Also habe ich Texte von Pavel Kohout abgeschrieben. Dafür wurde ganz dünnes Papier verwendet. Man musste wirklich fest auf die Tasten drücken, damit diese elf Kopien alle lesbar waren. Selbst habe ich nie etwas von diesen Texten behalten.“

Sie haben später einen Mann aus Deutschland kennengelernt und sind nach Bremen gegangen. Wann haben Sie entschieden, dass Sie die Tschechoslowakei verlassen wollen? Gab es noch einen anderen Auslöser?

In Chotíněves bei ihrer Hochzeit  (1977) | Foto: Archiv von Libuše Černá / Paměť národa

„Wie gesagt war ich 1968 in Frankreich und 1969 in London. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich wollte immer reisen und nicht nur in einem Land bleiben. Ich wollte nicht zwingend in einem anderen Land leben, aber ich wollte eben raus, und das war nicht möglich. Zudem hatte ich in diesem Alter keine Perspektive. Ich habe mich in Prag relativ erfolgreich durchgemogelt, aber eine längerfristige Lebensperspektive gab es für mich nicht. Und der Zufall wollte es wohl, dass ich meinen Mann kennengelernt habe. Wir haben innerhalb von 14 Tagen entschieden, dass wir heiraten werden. Bei der Hochzeit haben wir uns insgesamt sechs Wochen gesehen. Aber wir sind noch heute zusammen.“

In einem Interview habe ich gelesen, dass Sie an Ostern 1977 geheiratet haben und dass es geschneit hat…

Trauung,  Pfarrer Zdeněk Bárta und die Dolmetscherin  (9. April 1977) | Foto: Archiv von Libuše Černá / Paměť národa

„Ja. Es war April und es hat geschneit. Und das war nicht das einzige Besondere an dieser Hochzeit. Wir haben natürlich standesamtlich geheiratet, aber auch in einer Kirche in Litoměřice bei einem Pfarrer, der die Charta 77 unterschrieben hatte. Er durfte nicht mehr als Pfarrer arbeiten, aber uns war es wichtig, uns in dieser Kirche von ihm trauen zu lassen. Das haben wir auch gemacht. Die Kennzeichen der westdeutschen Autos mussten wir mit Kartoffelsäcken überhängen, damit nicht ersichtlich war, dass es dort so viele Autos aus dem Westen gab.“

Hochzeit in Chotíněves  (1977) | Foto: Archiv von Libuše Černá / Paměť národa

Sie sind dann nach Bremen gegangen. Wie wurden Sie hier aufgenommen? Und wie wurde hier damals die Tschechoslowakei gesehen? War etwa die Charta 77 ein Thema?

In der Redaktion des Bremer Blatt  (80er Jahre) | Foto: Archiv von Libuše Černá / Paměť národa

„Bremen ist eine alte Hansestadt, die seit jeher vor allem vom Überseehandel lebt. Deshalb waren in dieser Stadt die Kontakte nach Mittel- und Südamerika wesentlich stärker als jene in Europa. Man wusste mehr über Brasilien oder Chile als über die Tschechoslowakei. Ich war ein Exot, Menschen aus dem Ostblock kannte man hier nicht. Ich musste den Menschen wirklich erklären, dass ich aus einem europäischen Land mit einer langen europäischen Tradition komme.“

Sie haben später lange Jahre bei Radio Bremen gearbeitet. Wie sind Sie zur Journalistin geworden?

Als Reporterin beim Bremer Rundfunk  (1985) | Foto: Archiv von Libuše Černá / Paměť národa

„Ich habe zunächst bei einer Monatszeitschrift für Kultur angefangen. Ich bin angefragt worden, ob ich nicht ab und zu eine Theaterkritik schreiben möchte. Für diese Zeitschrift haben auch einige Mitarbeiter von Radio Bremen geschrieben. Es gab dort eine regelmäßige Sendung, die von drei Männern gemacht wurde. Aus unterschiedlichen Gründen gingen diese drei Redakteure aber mehr oder weniger zum gleichen Zeitpunkt weg. Sie wollten ihre Sendung retten und sich auch ein Hintertürchen offenhalten, um irgendwann zurückzukommen. Also haben sie mich angefragt, ob ich nicht als freie Mitarbeiterin einsteigen wolle. Es gab kein Vorstellungsgespräch und nichts dergleichen. Und ich habe mir gedacht: ‚Ich kann das zwar nicht, aber ich glaube nicht, dass mich jemand zum zweiten Mal fragt. Dann sage ich erstmal Ja und wenn sie mich rausschmeißen, habe ich es immerhin probiert.‘ Und so habe ich angefangen.“

Wie haben Sie von Bremen aus die Wende 1989 erlebt? Haben Sie sich sofort in den Zug nach Prag gesetzt?

„Nachdem ich sechs oder sieben Jahre lang freie Mitarbeiterin gewesen war, hatte man mir eine feste Stelle angeboten. Das war Anfang 1989. Ich war also festangestellte Redakteurin und hatte zunächst natürlich eine Urlaubssperre. Sie war sechs Monate lang. Und dann kam der November 1989. Ich wollte unbedingt nach Prag, habe auch nachgefragt, ob sie mich nicht hinschicken möchten. Aber da waren schon andere da, und als junge Journalistin hatte ich überhaupt keine Chance. Ich musste also erst noch abwarten, habe dann Urlaub eingereicht und am 10. Dezember 1989 stand ich in Prag auf dem Wenzelsplatz.“

In der Redaktion des Bremer Rundfunks  (1990) | Foto: Archiv von Libuše Černá / Paměť národa

Wie war das für Sie?

„Unglaublich. Und absolut prägend für den Rest meines Lebens. Man hatte das nicht geglaubt, konnte sich das nicht vorstellen. Es ist nach wie vor ein Wunder, dass plötzlich dieses alte Regime, das man für unumstößlich hielt, einfach weg war. Das ist eine Lebenserfahrung. Das ist mein Schatz.“

Haben Sie damals überlegt, dauerhaft in die Tschechoslowakei zurückzugehen?

„Natürlich. Ich hatte zu dem Zeitpunkt aber schon eine Familie, und für meinen Mann, der bis heute nicht richtig Tschechisch spricht, wäre es schwierig gewesen, einen Job zu suchen. Wir haben wirklich viel darüber nachgedacht und uns dann dagegen entschieden.“

In Bremen haben Sie unter anderem das internationale Literaturfestival Globale mitgegründet. Wie ist es dazugekommen? In diesem Jahr findet das Festival ja bereits zum 20. Mal statt…

„Als ich hier neu war, wurde ich im Prinzip sehr freundlich aufgenommen. Ich musste aber auch bestimmte Prozeduren über mich ergehen lassen, und das betraf andere Menschen, etwa die Gastarbeiter, genauso. Ich musste etwa zum Gesundheitsamt gehen und meinen Bauch und meine Zähne zeigen. Das war demütigend und hat mich emotional mit all den anderen Menschen verbunden. Wenn meine Mutter zu Besuch kam, musste ich zur Ausländerpolizei gehen und eine Genehmigung abholen, die aber nur mein Mann unterschreiben durfte. Das waren Erfahrungen, die Millionen von Menschen in diesem Land gemacht haben. Bei Radio Bremen wurde über die Themen Migration und Integration im Prinzip nur negativ berichtet. Es ging um Kriminalität und die Belastung für das Sozialsystem. Das hat mich geärgert. Ich habe einen sehr realistischen Blick auf die gesamte Situation, ich würde das Thema nie durch die rosarote Brille betrachten. Aber ich wollte zeigen, dass Migration auch etwas Positives mit sich bringt. Also fiel mir ein, dass es in diesem Land – und das war vor 20 Jahren noch ein bisschen anders als heute – sehr viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen gab, die eine andere Muttersprache hatten, aber auf Deutsch schrieben und die deutschsprachige Kultur bereicherten. Und das war der Ausgangsgedanke des Festivals.“

Libuše Černá | Foto: Marvin Dreblow,  Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit

Sie waren auch lange Vorsitzende des Bremer Rates für Integration. Hat sich die Debatte in den letzten 20 Jahren verändert?

Libuše Černá | Foto: Tschechische Zentren

„Es hat sich viel verändert, aber es ist auch extrem viel gleich geblieben – etwa der defizitäre Blick auf die Menschen, die von anderswo kommen. In Deutschland guckt man häufig darauf, was die Leute nicht können. Man beschäftigt sich aber nicht damit, was sie mitbringen und in welchen Bereichen diese Menschen vielleicht mehr wissen als andere. Das interessiert keinen.“

Wie sehr ärgert es Sie als Journalistin, dass Tschechien in den deutschsprachigen Medien nicht immer so präsent ist? Oder wird etwa ausreichend berichtet?

Libuše Černá | Foto: Marvin Dreblow,  Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit

„Auf keinen Fall. In den Zeitungen erfahren die Menschen nichts oder nur sehr wenig. Wenn sie etwas erfahren, ist es häufig negativ. Zudem können die Leute die Informationen oft nicht einordnen, weil so wenig über die Tschechische Republik berichtet wird. Natürlich ärgert mich das. Aber ehrlich gesagt: Was wissen die Leute über Rumänien? Über Belgien oder Luxemburg? Sehr, sehr wenig. Man erfährt immer nur, wenn es problematische Wahlen gibt. Dann wird berichtet. Aber der Rest ist nicht präsent.“

Wie fühlen Sie sich heute, wenn Sie über die Grenze nach Tschechien fahren? Macht das etwas mit Ihnen?

„Wenn man derzeit mit dem Auto in die Tschechische Republik fährt, merkt man gar keine Grenze. Denn dort wird nicht kontrolliert. Wenn man zurück nach Deutschland will, kommen die Kontrollen. Davon abgesehen liebe ich den Anblick, wenn man von Dresden kommt und sich dieses Mittelgebirge bei Litoměřice ausbreitet. Ich liebe diese Landschaft. Heutzutage ist dort auch gute Luft, das war früher nicht der Fall. Man sieht diese Hügel, diese kleinen alten Vulkane. Das ist sehr schön, ein schönes Gefühl. Aber ich habe eine doppelte Staatsangehörigkeit, also fühle ich mich sowohl hier als auch da sehr wohl.“

Libuše Černá | Foto: Manja Herrmann,  Festival globale
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