Von Zlín nach Wien und dann nach Lissabon: Der Schriftsteller Stanislav Struhar
Der Schriftsteller Stanislav Struhar ist 1988 im Alter von 24 Jahren nach Österreich emigriert. Bis heute lebt er in Wien. Seine Romane, in denen es häufig um Familiengeschichten geht, schreibt er mittlerweile auf Deutsch. In dieser Woche hat er in Prag eine tschechische Übersetzung eines seiner Romane vorgestellt.
Herr Struhar, Sie wurden in Gottwaldov, dem heutigen Zlín, geboren. Wann kam der Moment, in dem Sie sich gesagt haben, dass Sie weg aus der Tschechoslowakei wollen?
„Als ich Teenager war. Ich habe mit 17 Jahren angefangen, meine ersten literarischen Texte zu schreiben. Und gleichzeitig habe ich zu dem Zeitpunkt auch erstmals die Politik richtig wahrgenommen. Da kam bereits der Wunsch auszureisen auf. Ein Jahr später habe ich meine Frau kennengelernt, und wir haben die Flucht geplant. Diese ist uns aber erst einige Jahre später gelungen. Wie häufig damals sind auch wir nach Jugoslawien gefahren und von dort über die Berge nach Österreich. Das war alles sehr abenteuerlich und dramatisch. Dann haben wir um politisches Asyl ersucht. Wir mussten einige Monate darauf warten, auch auf unseren Sohn, der damals drei Jahre alt war. Mit unserem Kind hätten wir nämlich nicht ausreisen dürfen, es war eine Bedingung, dass er zurückbleibt. Wir hatten zuvor recherchiert und erfahren, dass Kinder mithilfe des Roten Kreuzes innerhalb von drei Monaten zu den Eltern gebracht werden. Im Flüchtlingslager Traiskirchen haben wir dann aber erfahren, dass die Tschechoslowakei in diesem Jahr – 1988 – nicht mehr mit dem Roten Kreuz zusammenarbeitet. Das war ein Schock, denn wir konnten ja auch nicht mehr zurück. Wir haben sehr gekämpft, uns haben Leute von der Charta 77 unterstützt, ein österreichisches Ministerium, auch Menschen wie Karel Schwarzenberg. Aber es hat alles nichts gebracht, die tschechische Seite hat eine Familienzusammenführung ignoriert. Stattdessen haben Sie uns angezeigt, weil wir uns nicht um unser Kind kümmern würden. Diese Anzeige wurde natürlich sofort abgewiesen.“
Warum wollten Sie gerade nach Wien gehen?
„Weil unser Kind in der Tschechoslowakei geblieben ist, war Wien die beste Stadt für uns, um unserem Sohn so nah wie möglich zu sein.“
Sie haben ihn dann erst nach der Wende wiedergesehen?
„Genau. Erst dann durfte er ausreisen. Aber auch nicht gleich. Einige Beamte haben wahrscheinlich gehofft, dass die Lage wieder umkippt und das kommunistische System zurückkehrt. Wir haben ihn dann erst Mitte Jänner 1990 bekommen. Das einzige Positive war, dass unser Sohn zuvor bei den Großeltern war – in einer Umgebung, die ihm vertraut war, weil wir dort sowieso häufig am Wochenende Zeit im Garten verbracht haben. Wir konnten mit ihm telefonieren und wussten, dass bestens um ihn gesorgt ist.“
Hatten Sie in Wien damals viel Kontakt zu anderen Tschechen, die aus der Tschechoslowakei emigriert waren?
„Ja, eben zu Dissidenten und politischen Flüchtlingen. Nach ein, zwei Jahren haben wir aber beschlossen, uns eher zu bemühen, uns in Österreich zu integrieren und die Sprache zu lernen. Das ist uns auch gelungen. Irgendwann hatte ich nur noch deutschsprachige Freunde um mich herum. Von denen habe ich sehr viel gelernt. Doch kreativ mit der Sprache zu arbeiten, das war wieder etwas anderes. Für zehn weitere Jahre schrieb ich weiter in meiner Muttersprache. In dieser Zeit entstanden zwei Romane und eine Erzählung. Aber ich befand mich am Rand der Literaturszene. Ich habe eigentlich gar nicht als Autor existiert, weil ich eben auf Tschechisch schrieb. Ich hatte keine Möglichkeit, meine Texte zu zeigen, sie vorzutragen, ich konnte keine Stipendien erhalten oder an Wettbewerben teilnehmen. Deshalb war ich eigentlich gezwungen, die Sprache zu wechseln. Und das war eine Qual. Zunächst habe ich beim Schreiben weiterhin auf Tschechisch gedacht, das waren am Anfang fast schon übersetzte Texte. Aber die intensive Beschäftigung mit dem Deutschen und die Lektüre deutschsprachiger Literatur haben mir geholfen. Ich habe mit der Zeit auch meine Abneigung gegenüber dieser Sprache abgelegt. Denn ich muss gestehen, dass sie mir am Anfang nicht besonders gefallen hat. Mittlerweile finde ich das Deutsche aber nicht mehr so kühl und hart. Ich denke heute, dass diese Sprache auch zart ist und man wunderbare Bilder mit ihr schaffen kann.“
Haben Sie die beiden Sprachen mitunter auch vermischt – etwa in Gedichten?
„Nein, das habe ich nicht gemacht. Ich muss auch zugeben, dass das Tschechische ein bisschen in den Hintergrund geraten ist. Denn ich arbeite fast 70 Stunden in der Woche intensiv mit der deutschen Sprache. Deshalb ist mein Tschechisch eingeschränkt und nicht mehr so reich wie früher.“
Haben Sie nach der Wende überlegt, in die Tschechoslowakei zurückzugehen?
„Nein. Wir hatten uns damals schon eingelebt und beschlossen, neu anzufangen. Und wir hatten schon begonnen, eine neue Heimat zu finden. Wir haben uns auch aufgenommen gefühlt. Wenngleich es immer wieder auch Erfahrungen gab, in denen man sich nicht willkommen gefühlt hat. Bei mir war das eben die Literaturszene, in der ich aufgrund meiner Muttersprache keinen Platz gefunden habe. Das war Anfang der 1990er Jahre. Heutzutage wäre das wahrscheinlich anders, aber damals hat man wirklich zu spüren bekommen, dass man ein Ausländer ist.“
Sie schreiben heute überwiegend Prosa, keine Lyrik mehr wie früher. Gibt es ein Motiv, ein Thema, das sich durch Ihre Literatur durchzieht?
ZUM THEMA
„Meine ersten literarischen Versuche waren wie gesagt Gedichte, die ich noch in der Tschechoslowakei geschrieben habe. Wir haben damals am Stadtrand von Zlín, dem damaligen Gottwaldov gewohnt. Ich hatte die Möglichkeit, in die Natur zu gehen. Schon damals gab es in meinen Texten viele Motive wie Licht, Schatten, Farben und Melodien, die mich umgaben wie das Rauschen der Blätter. Diese Motive sind bis heute geblieben. In meinem neuen Lissabon-Roman gibt es Passagen, die im Park spielen, wo Farben, Licht und Schatten immer wieder auftreten. Mit Prosa habe ich erst in Österreich angefangen. Meine Romane schöpfen von Poesie, deshalb habe ich bislang kein Bedürfnis gehabt, wieder Gedichte zu schreiben.“
Die Stadt Lissabon spielt in Ihrem Werk eine große Rolle – auch in ihrem Buch „Das Gewicht der Stille“, dessen tschechische Übersetzung unlängst im Verlag Volvox Globator erschienen ist. Woher kommt Ihre Leidenschaft für Lissabon?
„Der neue Roman ist mittlerweile der zweite, der in dieser Stadt spielt. Viele meiner Erzählungen und Romane haben einen Österreich-Bezug. Immer wieder spielen aber auch diverse andere europäische Länder eine Rolle: Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, Tschechien. Portugal war eine Neuentdeckung. Als ich Lissabon das erste Mal sah, wusste ich: Hier werde ich schreiben. Es war das Stadtbild, die Architektur, die genauso vielfältig ist wie die Menschen, die in der Stadt leben. Es waren diese wunderbaren, üppigen Parks mit ihren exotischen Bäumen und Pflanzen. Und es war das klare, intensive Licht, das ich nie zuvor gesehen habe. Ich würde es natürlich nie wagen, aus der Sicht eines Portugiesen zu schreiben. Aber ich nahm eine Sicht ein, die mir vertraut ist: die eines Fremden – eines Menschen, der zugewandert ist. Mittlerweile haben auch Portugiesen die beiden Romane gelesen. Sie waren der Meinung, dass ihre Stadt darin in einem völlig neuen Bild erscheint, das aber real ist. Sie meinten, dass sich darin viele Nuancen befinden, die sie nicht mehr so stark wahrnehmen, weil diese für sie alltäglich sind.“
Ihre Bücher werden mittlerweile auch ins Tschechische übersetzt. Lesen Sie sie vor der Veröffentlichung durch?
„Ich habe natürlich den Vorteil, dass ich die Übersetzungen lesen kann. Das würde wahrscheinlich jeder Autor und jede Autorin nutzen, und natürlich mache ich das auch. Allerdings möchte ich so wenig wie möglich eingreifen. Denn die Übersetzung ist das Werk der Übersetzerin. Sie hat sich viel Mühe gemacht, mit Leidenschaft mit dem Text gearbeitet. Ich versuche deshalb, nur auf Dinge aufmerksam zu machen, die wirklich notwendig sind. Und natürlich diskutieren wir dann über die Möglichkeiten, damit die Übersetzung möglichst gut gelingt.“
Sie sind ein sehr produktiver Autor. Zuletzt erschien von Ihnen jedes Jahr ein neuer Roman. Werden Sie dieses Tempo beibehalten? Oder werden Sie ein wenig herunterfahren und dann eher länger an einem Werk arbeiten?
„In den nächsten Jahren werde ich weiterhin so produktiv sein. Jetzt erscheint gerade ein neuer Roman, der in Valencia spielt, und dann geht darin die Handlung wieder nach Lissabon. Zudem habe ich noch einen Roman in Arbeit, der in Südfrankreich spielt, in Montpellier. Und es gibt auch schon Skizzen und Rohfassungen für Erzählungen, die wieder in Lissabon spielen. Es geht also weiter. So lange ich die Vorstellungskraft – oder überhaupt die Kraft – habe, zu schreiben, muss ich dies nutzen. Denn ich bin jetzt 62 Jahre alt.“
Stanislav Struhars neuer Roman „Das Licht der Fremde“ erscheint in diesem Monat im Verlag Wieser. Am 21. und am 29. Mai stellt der Autor seine Bücher in Lissabon vor. Die erste der beiden Veranstaltungen findet um 17 Uhr im Kaffeehaus Lisboa statt, die zweite um 19 Uhr in der tschechischen Botschaft.









