Konflikte mit Alteingesessenen und eine Kultkneipe: Das tschechoslowakische Exil in Wien nach 1968

Historiker Klaas Anders

Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 bis zur Samtenen Revolution 1989 emigrierten Hunderttausende Menschen aus der Tschechoslowakei. Eine Anlaufstelle war für sie Wien. Der Historiker Klaas Anders forscht an der Universität in Bremen zum tschechoslowakischen Exil in Wien nach 1968. Ferdinand Hauser hat ihn ins Studio von Radio Prag International eingeladen.

Klaas, du bist Geschichtswissenschaftler und promovierst an der Uni in Bremen zum tschechoslowakischen Exil in Wien nach 1968. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

Jiří Pelikán | Foto: Jiri Pélikan - L'apatride/ina/madelen

„Das ist eine gute Frage, denn Dissertationsthemen fallen nicht vom Himmel. Der Standort Bremen spielte dabei eine zentrale Rolle. Denn dort hat die tschechische, tschechoslowakische und slowakische Geschichtsforschung Tradition – vor allem durch die Forschungsstelle Osteuropa. Dort wurden schon in den 1980er Jahren dissidentische Selbstzeugnisse gesammelt und es gibt einen Lehrstuhl zu diesem Thema. Im Archiv gibt es viele Samizdat- und Tamizdatquellen aus der Tschechoslowakei – vor allem den Nachlass von Jiří Pelikán. Der ist als Exilant nach Rom migriert und führte rege Korrespondenz mit seinen Freund*innen und Kolleg*innen in Prag und in Wien. Ich wollte mir von vornherein eine Stadt, einen urbanen Raum als Zielort der Migration anschauen. Rom war auch interessant, ich spreche nur leider kein Italienisch. Und so bin ich bei der Recherche auf diesen total spannenden Mikrokosmos Wien gestoßen.“

Was untersuchst du genau in deiner Doktorarbeit? Ich habe gelesen, es geht um die Bewältigung des Alltags im Exil…

Jan Patočka | Foto: Institut für das Studium totalitärer Regime

„Das kann man so sagen. Allerdings benutze ich den Exilbegriff gar nicht mehr so viel, weil ich ihn sehr aufgeladen finde. Das heißt, mir geht es gar nicht unbedingt um die Elite, die im großen Stil den politischen Dissens organisiert hat. Vielmehr untersuche ich, was das mit einer Stadt, mit einer Gesellschaft macht, wenn plötzlich eine sehr große Gruppe an Menschen aus einem Herkunftsland ankommt. Und es geht mir um Andersartigkeit und das ‚navigieren‘ von Widersprüchen. Man kann also etwa die Sprache nicht. Will man sie lernen? Muss man? Dabei schaue ich nicht darauf, was das Exil für die Tschechoslowakei bedeutet hat, denn das wird schon ganz viel untersucht – etwa, was das innere und das äußere Exil für den Dissens, die Charta 77 oder die großen Namen von Václav Havel bis Jan Patočka bedeutete. Mir geht es darum zu schauen, was das mit den Leuten macht, die gehen.“

Václav Havel | Foto: Post Bellum

Du hast das anhand von acht Personen untersucht, mit denen du Zeitzeugengespräche geführt hast. Wie hast du diese Menschen ausgewählt?

Foto: Dáša Kubíková,  Tschechischer Rundfunk

„Am Anfang des Projekts hatte ich geplant, noch deutlich mehr Interviews zu machen. Aber dann bin ich in Wien auf gute Archivbestände gestoßen, mit denen ich viel arbeiten konnte. Mir war es dennoch wichtig, auch Oral-History-Quellen mit hineinzunehmen. Und das funktionierte dann nach dem klassischen Schneeballprinzip. Ich kannte ein paar Leute in Bremen, wo es auch eine kleine tschechoslowakische Migrationsgesellschaft gibt, ich war auch schon mehrere Male in Wien und hatte so ein paar Namen. Als ich diese Menschen dann traf, empfahlen sie mir weitere ihrer Freund*innen. Vor allem habe ich mit Menschen gesprochen, die nach 1977 als Unterzeichner*innen der Charta gegangen sind. Das war schon allein eine Generationsfrage. Denn diese Leute sind in einem Alter, in dem sie bereit und in der Lage waren, mit mir zu reden. Ich habe auch mit zwei Zeitzeugen gesprochen, die direkt 1968 als Teenagerinnen nach Wien gegangen sind. Das war total spannend, aber es ist eben deutlich schwerer, an solche Leute heranzukommen.“

Es gab sicherlich sehr mannigfaltige Motive, warum die Menschen die Tschechoslowakei verlassen haben. Aber was waren die Hauptgründe?

„Am einfachsten ist das bei den Leuten nachzuzeichnen, die im Januar 1977 die Charta unterschrieben haben. Etwa 400 von ihnen gingen nach Wien. Die Unterzeichner*innen wurden in der Tschechoslowakei sehr schnell mit Repressionen überzogen: Ihre Kinder wurden aus den Schulen herausgenommen, die Leute bekamen Berufsverbote und wurden strukturiert von der Staatssicherheit, dem StB, drangsaliert. Es gab den Versuch, die Menschen zur Migration zu drängen. Österreich sah natürlich, was dort passierte. Diejenigen, die die Charta initiiert und unterzeichnet hatten, waren große Namen, die in Europa bekannt waren, etwa eben Václav Havel. Also beschloss Österreich, alle, die das Dokument unterschrieben hatten, ins Land zu holen, da dies viel Prestige bringen und ein Signal senden würde, dass man national und international den Kommunismus bekämpfte. Alle Charta-Unterzeichner*innen bekamen sofort Asyl. Sie wurden von der Regierung Kreisky total gut aufgenommen, wurden am Busbahnhof abgeholt, wo ihnen direkt die Schlüssel für die eigene Wohnung und ein paar Tausend Schilling in die Tasche gesteckt wurden. Sie konnten sich direkt eine Existenz aufbauen. Das war ganz anders als bei vielen anderen, die teilweise monatelang in Flüchtlingslagern vor sich hinvegetierten. Zum einen sah dies alles der StB und beschloss, alle im Prinzip nach Österreich abzuschieben. Zum anderen gab es einen Netzwerkeffekt. Als erst einmal die ersten zehn, zwanzig namhaften Köpfe der Charta 77 in Wien waren, hörten die anderen davon und zogen nach.“

Und wie war das bei den Leuten, die schon eher gegangen sind?

August 1968 in Prag | Foto: archive of Pavel Macháček

„Bei denjenigen, die nach 1968 nach Wien kamen, spielten teils Gewalterfahrungen eine Rolle. Ich habe mit einer Person geredet, in deren Kinderzimmer in den ersten Tagen nach der Invasion (der Truppen des Warschauer Paktes, Anm. d. Red.) die Projektile eingeschlagen sind. Dann emigrierten oft Familien, in denen der Vater zum Beispiel in der Reformbewegung des Prager Frühlings aktiv war. Sie erkannten, dass diese Phase nun für absehbare Zeit beendet sein würde. Viele andere emigrierten auch aus ökonomischen Gründen, weil sie befürchteten, dass sich die wirtschaftliche Situation des Landes nach der Okkupation verschlechtern würde – was sich auch bewahrheiten sollte. Einige waren 1968 auch gerade im Urlaub, etwa in Jugoslawien. Sie bekamen über den Tschechoslowakischen Rundfunk mit, dass ihr Land besetzt wurde. Dann gingen sie erst einmal nach Österreich, um abzuwarten, was passierte. Die meisten sind später wieder in die ČSSR zurückgekehrt, viele sind aber auch weitermigriert oder in Wien geblieben.“

Du hast schon gesagt, dass es eine Zweiklassengesellschaft unter den Flüchtlingen gab. Diejenigen, die die Charta 77 unterschrieben hatten, bekamen eine eigene Wohnung. Die anderen nicht…

„Man könnte fast sagen, dass es offiziell eine Dreiklassengesellschaft gab. Es gibt ein amtliches Dokument, in dem drei Kategorien aufgeführt sind: a – Charta-Unterzeichner*innen, b – Leute, die diesen gleichgestellt werden, die die Charta aber nicht unterzeichnet haben, also etwa namhafte Politiker*innen, und c – ‚sonstige Flüchtlinge‘. Kategorie a sollte eben Wohnungsbeschaffungsmaßnahmen bekommen, soziale Integration und Unterstützung bei der Arbeitssuche. Für Kategorie b gab es nur eingeschränkte Hilfe. Und für Flüchtlinge der Kategorie c kamen gar keine Hilfen vom Bundeskanzleramt. Diese Menschen mussten das normale Asylverfahren nach dem Völkerrecht durchlaufen. Wenn sie in Österreich bleiben wollten, mussten sie als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention anerkannt werden. Andernfalls galten sie als Arbeitsmigrant*innen und wurden sofort an Länder wie Kanada weitervermittelt, die Arbeitskräfte suchten. Die meisten Menschen erreichten Wien mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie kamen dann ins Flüchtlingslager Traiskirchen, die sogenannte Bundesbetreuungsstelle Ost. Es befindet sich in der Nähe von Wien, bei Baden, und existiert bis heute. Es ist immer noch chronisch überfüllt. Gebaut wurde das Lager 1956 als Provisorium nach der Fluchtwelle aus Ungarn. In den 1980er Jahren wurde die Situation der Menschen richtig schwierig, denn die Stimmung kippte, die gesellschaftliche Solidarität in Österreich nahm ab.“

Wie haben sich die Tschechoslowaken, die nach Wien kamen, mit denen vernetzt, die schon vorher, etwa nach 1948, nach Österreich gegangen waren oder dort schlichtweg lebten?

„Das ist ein ganz schweres Thema. Es gibt natürlich die Wiener Tschechen als große Minderheit. Es gab aber einen politischen Konflikt und vor allen Dingen einen krassen Generationskonflikt. Die Wiener Tschechen waren 1968 relativ überaltert. Die tschechische Schule, der Komenský-Schulverein, hatte nur noch einen Standort, da ihm die Kinder und damit Geld fehlte. Eigentlich war es also belebend für die Minderheit, dass nun so viele junge Familien kamen. Gleichzeitig waren das Leute, die im Sozialismus aufgewachsen und die teilweise überzeigte Sozialist*innen waren, die eben nur nicht mit der Moskauer Linie übereinstimmten. Die Komenský-Schule war zu mindestens 80 Prozent aus der ČSSR finanziert und es wurden auch Lehrer*innen von dort nach Wien entsandt. Die Kinder der Abweichler*innen wollte man dort nicht haben, und gleichzeitig wollten diese Eltern ihren Nachwuchs dort auch nicht unbedingt hinschicken. Hinzu kam, dass die traditionelle tschechische Wiener Minderheit schon in sich gespalten war. Es gab das Lager der Konservativen, die an Masaryk und die Erste Republik anknüpfen wollten. Das zweite Lager sagte sich: ‚Schön und gut mit der Demokratie, aber wir wollen schon auch weiter unsere Familien in der ČSSR besuchen können.‘ Sie wollten sich mit dem System arrangieren und so leichter an Visa kommen, sie waren also gewissermaßen Prag-treu. Die Migrant*innen, die nach 1968 ankamen, passten zu keiner der beiden Gruppen, sondern bildeten quasi eine eigene Fraktion. Bis 1989 war das Verhältnis wirklich sehr schwierig.“

Club Nachtasyl | Foto: Stadtbekannt Wien

Es gab verschiedene Orte, an denen die Menschen damals zusammenkamen. Einer davon war die Kneipe Nachtasyl, die du auch in der Arbeit erwähnst. Wir waren beide schon einmal dort. Wenn man dort hereinkam, wurde man erst einmal vom Zigarettenrauch überrollt, es gab tschechisches Bier vom Fass und an der Bar wurde tschechisch gesprochen. Welche Rolle hat dieser Ort damals gespielt? Und wann und warum ist er entstanden?

„Das ist ein total spannendes Thema. Denn man kann die verschiedenen Gruppen innerhalb der tschechischsprachigen Minderheit gut an diesen Orten ablesen. Es gab in Wien schon immer böhmische Gastronomie. Das Schweizerhaus im Wurstelprater wurde seit dem Zweiten Weltkrieg von einer tschechischen Familie geführt. Die Menschen, die nach 1968 kamen, wollten einen eigenen Ort und gründeten die Böhmische Kuchl. Das Restaurant in der Nähe der Uni sieht mit den alten Landwirtschaftsgeräten heute aus wie ein Landeskundemuseum. Auch dort gab es tschechisches Essen und Bier, das Lokal war aber etwas konservativer. Und Anfang der 1980er Jahre kamen eben die Unterzeichner*innen der Charta, die sich selbst zum tschechoslowakischen Underground zählten. Sie waren 20, 30 Jahre jünger als die anderen, hatten lange Haare und lange Bärte, hörten die Plastic People und Velvet Underground und schrieben surrealistische Poesie. Sie wollten auch einen Verein haben, einen Ort, an dem sie sich treffen können. Eine treibende Kraft in diesen Bestrebungen war Jiří Chmel, der schließlich das Nachtasyl gründete. Eigentlich wollte er einen Verein aufmachen, aber durch Zufall wurde dann eben eine Kneipe daraus. Er hatte über Verbindungen davon erfahren, dass ein Lokal nahe er Mariahilfer Straße, also in bester Lage, pleite gemacht hat. Also ist er hin, fand das cool und bekam dann relativ schnell einen Kredit, was eben auch nur ging, weil er zur Gruppe der privilegierten Migrant*innen gehörte. 1987 stampfte er die Kneipe aus dem Boden.“

Plastic People of the Universe | Foto: Tschechisches Fernsehen

Wie kann man sich diesen Ort vorstellen?

Nachtasyl | Foto: Tschechisches Fernsehen

„Es war eine dunkle Kellerkneipe. Es gab tschechisches Bier und jedes Wochenende Konzerte oder Lesungen, etwa von Dáša Vokatá oder anderen namhaften Künstler*innen. Václav Havel rühmte sich immer damit, dass seine erste Dienstreise als Präsident nach Wien quasi direkt ins Nachtasyl ging. Es war der Umschlagplatz für den tschechoslowakischen Underground in Mitteleuropa. In der Nähe gab es auch ein besetztes Haus, weshalb öfters die Punks aus der Nachbarschaft vorbeikamen. Und einmal in der Woche war Tequila-Mittwoch, dann gab es die Spirituose sehr günstig, was stadtbekannt war. Während der Corona-Pandemie hat das Nachtasyl leider zugemacht. Aber bis dahin war es das schlagende Herz des tschechoslowakischen Undergrounds.“

Was ist dann 1989 passiert? Sind die Menschen eher in ihre Heimat zurückgekehrt oder eher geblieben?

„Das ist so allgemein natürlich schwer zu sagen. Aber ich denke, der Trend war tatsächlich, zu bleiben, da sich die meisten schon eine Existenz aufgebaut hatten. Bei der Underground-Szene ist zu beobachten, dass sich viele im Laufe der 1990er und Nullerjahre für wenig Geld einen Zweitwohnsitz in Tschechien auf dem Land anschafften – oft nahe der österreichischen Grenze. Ich würde sagen, das sind Zwischenexistenzen, die Wien nie ganz verlassen haben, die aber etwa den Sommer über in Tschechien leben.“