Böhmische Spuren in München

Quelle: Volk Verlag
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München war und ist seit vielen Jahrzehnten ein Magnet für Menschen aus den benachbarten böhmischen Ländern. Ein Buch, das nun vom Adalbert-Stifter-Verein und dem Volk-Verlag herausgegeben wurde, spürt den gegenseitigen Einflüssen nach. Ereignisse wie das Münchner Abkommen, Persönlichkeiten wie Rainer Maria Rilke oder Alfred Kubin, Institutionen wie das Sudetendeutsche Haus oder die Ackermann-Gemeinde werden ebenso in den Fokus gestellt wie die Wechselwirkungen in Literatur, Kunst, Musik, Architektur. Ein Interview mit der Leiterin des Adalbert-Stifter-Vereins Zuzana Jürgens.

Foto: Katerina Lepic, Archiv des Adalbert-Stifter-Vereins

Quelle: Volk Verlag
Frau Jürgens, der Adalbert-Stifter-Verein hat den Band „Böhmische Spuren in München“ herausgegeben. Das Buch enthält 16 Beiträge, in denen sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart behandelt werden. Welches sind dabei die Schwerpunkte?

„Das Buch wurde zwar vom Adalbert-Stifter-Verein veröffentlicht, aber der Herausgeber und Ideengeber des ganzen Projekts ist unser ehemaliger Mitarbeiter Jozo Džambo. Er hat auch selbst einige Beiträge verfasst. Die Schwerpunkte sind zum einen Literatur, zum anderen Kunstgeschichte und Musik, dazu kommen natürlich auch Radio Freies Europa und überhaupt das tschechische Exilleben in München. Und das Kulinarische darf man auch nicht vergessen.“

Seit wann bestanden Kontakte zwischen München und den böhmischen Ländern? Welches sind die ersten Spuren?

„In dem Band gehen wir etwa bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Die Kontakte ließen sich aber sicher noch viel weiter zurückverfolgen, wir haben uns jedoch für diesen Zeitraum von etwa 200 Jahren entschieden. Die ersten Kontakte beginnen mit Reisen. So war zum Beispiel der Dichter Ján Kollár zu Gast in München und hat darüber in seinem Reisebericht geschrieben. Auch der Dichter und Journalist Jan Neruda reiste sehr viel und sehr gerne. Aus heutiger Sicht ist es fast unterhaltsam, was er schrieb. Für ihn war damals München eher eine kleine, fast provinzielle Stadt, das entsprach wahrscheinlich auch der Wirklichkeit.“

„Kleine, fast provinzielle Stadt“

Rainer Maria Rilke (Foto: Wikimedia Commons, CC0)
Wodurch war München in dieser Zeit für Menschen aus dem Nachbarland interessant?

„Zunächst war die Stadt mehr oder weniger eine Station auf der Reise. Ján Kollár interessierte sich aber auch für die Staatsbibliothek, die schon damals eine große Büchersammlung mit böhmischem und tschechischem Schwerpunkt hatte. Ein bisschen später war es vor allem die Kunst. München war um die Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert eine Stadt der Künste, mit seiner Akademie, an der auch sehr viele Studenten aus dem Ausland eingeschrieben waren. Zu ihnen gehörten relativ viele Tschechen, so etwa Alfons Mucha und František Drtikol. Es tat sich hier auch die tschechische Karel-Škréta-Vereinigung zusammen.“

Es gab mehrere Gruppierungen tschechischer Künstler in München. Wie war es aber in anderen Bereichen, etwa der Literatur und der Musik?

„Bei der Literatur kommen wir gerade in den früheren Zeiten um zwei Namen nicht herum. Das ist zum einen Rainer Maria Rilke, der eine Zeit lang in München gewohnt hat. Die Stadt hat auch in seinen Texten eine Spur hinterlassen. Jozo Džambo widmet ihm im Buch einen separaten Artikel. Der andere ist Franz Kafka. München war gerade für deutschsprachige Literaten aus den böhmischen Ländern auch deshalb interessant, weil hier mehrere Verlage ansässig waren. Insbesondere der Kurt-Wolff-Verlag hat etliche Bücher der deutschsprachigen Literatur aus Böhmen, aber auch Übersetzungen herausgebracht. In der Musik hat sich der Autor des entsprechenden Beitrags, Franz Adam, auf zwei Persönlichkeiten konzentriert, die allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach München kamen: Fritz Rieger als Sudetendeutscher und Rafael Kubelík als tschechischer Dirigent im Exil. Adam hat ihre Spuren und auch die Verwicklungen und Begegnungen verfolgt. Es ist eine unglaubliche Geschichte, die eher wenig bekannt ist.“

Tschechische Künstler und deutschböhmische Dichter

Foto: Katerina Lepic, Archiv des Adalbert-Stifter-Vereins
Da sprechen wir schon von der jüngeren Zeit, von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Blicken wir aber noch einmal zurück in das 19. Jahrhundert beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts. Für wen war München eigentlich interessanter: die Deutsch-Böhmen der die Tschechen?

„Im Bereich der Bildenden Kunst zog es eigentlich eher die Tschechischsprachigen nach München. Ich glaub nicht, dass die Sprache damals ein Problem war, man konnte meist einfach auch Deutsch. Aus den anderen Bereichen kamen sehr wenige Künstler hierher, um sich hier auch tatsächlich niederzulassen, das hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg geändert. Viele Unternehmer kamen aber nach München, um hier ihre Firmen zu gründen. Das betraf vor allem Deutsch-Böhmen, aber auch deutschsprachigen Künstlern ging es so: Sie schlossen ihre Ausbildung in den böhmischen Ländern ab und zogen dann einfach weiter, um ihre berufliche Karriere hier zu starten. Das kann man im Buch ganz gut in jenem Teil sehen, der sich ‚70 Biografien‘ nennt.“

Exilleben: Radio Freies Europa

Eine besondere Etappe in der Geschichte der gegenseitigen Einflüsse ist die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damals wurde München Zufluchtsort für viele Emigranten aus der Tschechoslowakei, sowohl nach dem Zweiten Weltkrieg als auch nach 1968. Warum kamen die Tschechen gerade nach München?

Jozo Džambo (Foto: Katerina Lepic, Archiv des Adalbert-Stifter-Vereins)
„Ein Grund dafür ist ganz bestimmt ‚Radio Freies Europa‘, das seit 1951 aus München seine Sendungen ausstrahlte. Bei diesem Rundfunksender fanden sehr viele Intellektuelle eine Anstellung, das mussten auch nicht immer Journalisten sein.“

Hat die tschechische Minderheit in München auch ein eigenes Leben gepflegt? Gab es etwa bestimmte Treffpunkte für Tschechen?

„Interessant ist, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur die tschechischsprachigen Exulanten, sondern auch recht viele vertriebene Sudetendeutsche nach München kamen. Aus dem Buch geht unter anderem hervor, dass es in München tatsächlich ein ‚böhmisches Leben‘ gab. Das heißt, es kam zu Begegnungen zwischen den beiden Gruppen, die durch ihre verlorene Heimat verbunden waren. Ein Begegnungsort war zum Beispiel das leider nicht mehr existierende Restaurant ‚Goldene Stadt‘, sehr zentral in München gelegen mit einer durchaus böhmischen Küche, an das sich alle sehr gut erinnern. Dann gab es in München auch das ‚Haus der Begegnungen‘. Dies war eine Einrichtung, in der man sich, wie Urzidil sagte, ‚hinternational‘ traf – also sowohl die tschechischsprachigen Tschechen als auch die deutschsprachigen Böhmen.“

„Goldene Stadt“, Gedenktafeln, Straßennamen

Gedenktafel für Rainer Maria Rilke, Ainmillerstraße 34, München (Foto: Rufus46, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Findet man heute noch Spuren, die an die Tschechen beziehungsweise der Deutschen aus den böhmischen Ländern in München erinnern? Ich meine damit konkrete Orte, Institutionen, Denkmäler…

„Ganz bestimmt. Das Buch war zuerst als eine Art Kulturführer durch die Stadt gedacht. Es gibt diverse Denkmäler, zum Beispiel für Adalbert Stifter, aber auch etwa einen Gedenkstein in Allach, wo Lagerbaracken für Vertriebene und für Flüchtlinge waren. Das Gebäude von ‚Radio Freies Europa‘ steht nach wie vor, das frühere Generalkonsulat, diverse Gedenktafeln, zum Beispiel an den Häusern, in denen Rainer Maria Rilke gelebt hat. Und natürlich auch Statuen, Gemälde, einzelne Werke böhmischer Künstler in der Stadt. Das alles lässt sich leicht finden. Zudem existieren recht viele Straßennamen mit böhmischem Bezug. Das hängt mit der hohen Zahl von Sudetendeutschen hier in der Stadt zusammen, an die man damit erinnern wollte.“