Kampf für die Republik – Tschechoslowaken im Spanischen Bürgerkrieg

Spanischer Bürgerkrieg (Foto: Public Domain)

Auf der einen Seite linke Kräfte, auf der anderen Seite die Ultrarechten: Vor 80 Jahren formte sich in Spanien der erste blutige Konflikt entlang der politischen Spaltung im damaligen Europa. Auch viele Freiwillige aus der ganzen Welt fuhren auf die Iberische Halbinsel und kämpften dort. Unter den rund 40.000 sogenannten Interbrigadisten, die die Spanische Republik verteidigen wollten, waren auch einige Tschechen und Slowaken. Über sie und ihr Schicksal nun im Folgenden mehr.

Spanischer Bürgerkrieg  (Foto: Public Domain)
Spanien ist in den 1930er Jahren ein zerrissenes Land: das Armenhaus Westeuropas, mit einer Republik, die wankt und schwankt. Dazu kommen separatistische Tendenzen. Bei den Wahlen zu Beginn des Jahres 1936 siegt die Volksfront, ein Mitte-Links-Bündnis. Doch am 17. Juli des Jahres kommt es zum Putsch. Die rechtsradikale Militärführung übernimmt zunächst in Spanisch-Marokko die Macht, in den folgenden Tagen fallen auch große Teile des Mutterlandes an die schwerbewaffneten Faschisten. Für die Demokraten beginnt der verzweifelte Kampf ums Überleben gegen die von Franco geführten Putschisten.

Vladimír Nálevka  (Foto: ČT24)
Der Spanische Bürgerkrieg beginnt. Er spaltet auch Europa. Auf der einen Seite stehen das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien, auf der anderen die bolschewistische Sowjetunion. Frankreich und Großbritannien geben sich neutral. Der Historiker Vladimír Nálevka, tschechischer Experte für den Spanischen Bürgerkrieg, erläuterte vor einiger Zeit in einer Radiosendung:

„Die tschechoslowakische Diplomatie nahm offiziell auch eine neutrale Haltung ein. Tatsächlich stand aber ein Großteil der tschechoslowakischen Gesellschaft auf der Seite der Volksfront-Regierung in Spanien. Das offizielle Prag schaute auch weg, als Freiwilligenverbände für den Bürgerkrieg zusammengestellt und nach Spanien geschickt wurden. Auf der anderen Seite entwickelte ein Teil der politischen Rechten nach und nach Sympathien für das nationalistische Spanien, vor allem die Agrarier und Katholiken. Dieser Teil befürchtete eine mögliche Ausbreitung des kommunistischen Einflusses.“

„Sechs Reisekarten nach Zürich“

Adolf Vodička  (Foto: ČT24)
Es sind vor allem die Sozialistische und die Kommunistische Partei in der Tschechoslowakei, die Freiwilligenverbände organisieren. Auch Adolf Vodička aus einem kleinen Ort bei Žatec / Saaz in Nordböhmen lässt sich begeistern. Der junge Mann aus einer jüdischen Familie sympathisiert mit den Kommunisten. 2009 erzählte er als einer der letzten damals noch lebenden tschechischen Zeitzeugen sein Spanienschicksal:

„Ich habe 1936 die ganze Zeit gelesen und im Radio gehört, was in Spanien los ist. Dann habe ich gehört, dass Freiwillige aus der ganzen Welt dort gegen den Faschismus kämpfen, darunter auch unsere Tschechoslowaken. Und deren Motto sei: ‚Bei Madrid kämpfen wir auch für Prag.‘ Zuvor war ich dreimal gemustert worden, wurde aber jedes Mal für untauglich befunden. Ich sei zu klein und schwach. Aber ich sagte mir, in Spanien werde ich zu etwas nützlich sein.“

Adolf Vodička  (Foto: Archiv Paměť národa)
Dass die tschechoslowakische Regierung ein Auge zudrückt bei den Freiwilligen, bedeutet aber nicht, dass die Behörden ihnen keine Steine in den Weg legen. Adolf Vodička braucht zwei Anläufe, um auszureisen. Beim ersten wird er von einem tschechischen Polizisten aufgegriffen. Dann gelingt ihm die Fahrt über Wien nach Basel. Dort überrascht ihn jedoch, dass er sofort als Spanienfahrer erkannt wird, als er auf Deutsch die Fahrkarte nach Zürich kauft.

„Ich sage: ‚Sechs Reisekarten nach Zürich.‘ Mir tönt ‚Salut‘ entgegen. Ich schaue dumm: Wird hier Spanisch gegrüßt? Die wussten, wo wir hinwollten, und wir haben bei uns darüber schweigen müssen. In Zürich wurden 2000 Freiwillige in einem großen Saal empfangen. Und der Bürgermeister hielt eine Ansprache: ‚Helden des Kampfes gegen den Faschismus, ich wünsche Ihnen eine gute Reise nach Spanien‘, begann er. Und das sagte er öffentlich.“

Jiří Rajlich  (Foto: Dominika Bernáthová)
Das sogenannte „Rote Zürich“ der 1930er Jahre ist allerdings die Ausnahme. Auch in Frankreich dürfen sich die Spanienfahrer nicht zu erkennen geben. Für die meisten läuft die Reise über Paris, die französischen Kommunisten sorgen dann für den geheimen Transport an die Pyrenäen. Dort werden die Freiwilligen von Einheimischen durch die Berge geführt, auf die spanische Seite der Grenze.

Laut dem Historiker Jiří Rajlich schließen sich insgesamt 2200 Tschechen und Slowaken den sogenannten Interbrigaden an, die auf republikanischer Seite kämpfen:

Interbrigaden  (Foto: Public Domain)
„Obwohl die Interbrigaden von der Komintern und den kommunistischen Parteien der einzelnen Länder organisiert wurden, kam dort ein bunter Haufen zusammen. Aus der Tschechoslowakei waren dies neben Kommunisten auch Sozialdemokraten und Volkssozialisten. Dazu kamen aber auch viele Abenteurer, Arbeitslose und Menschen, die vor ihrer eigenen Vergangenheit flohen, so wie das in allen Freiwilligen-Armeen ist.“

Begegnung mit Hemingway

Teruel  (Foto: Public Domain)
Adolf Vodička kommt in Spanien als Erstes ins Ausbildungslager der Interbrigaden nach Albacete. Weil er schnell Spanisch lernt, übernimmt er dort recht bald logistische Aufgaben. Dann soll er an die Front, doch er wird nicht einer der tschechoslowakischen Einheiten zugeteilt, sondern einer polnischen. Bei der Stadt Teruel, knapp 200 Kilometer östlich von Madrid, unterstützt die Brigade die Republikaner bei ihrer Offensive.

„Ich bin mit den Polen an die Front gegangen, doch Teruel haben wir nicht eingenommen. Das war für uns zu schwer. Wir hatten hohe Verluste, und ich habe dort meine Feuertaufe an der Front erlebt. Das werde ich nie vergessen, viele der Jungs sind gefallen. Auch ich habe nur gewartet, bis ich an die Reihe komme.“

Ernest Hemingway  (Foto: Lloyd Arnold,  Public Domain)
Adolf Vodička überlebt jedoch, und seine Einheit wird von dem Frontabschnitt abgezogen. Beim Rückzug kommt es zu einer Begegnung, die Vodička in Erinnerung geblieben ist. Die Interbrigadisten treffen auf eine Gruppe Spanier, die auf einer Trage einen schwerverletzten jungen Mann schleppen. Er muss in ein Krankenhaus gebracht werden auf der anderen Seite des Flusses Ebro. Plötzlich hält ein Jeep mit sechs Männern in Zivil. Journalisten aus der Schweiz, Frankreich, Großbritannien und den USA. Der Amerikaner spricht auch Deutsch, Adolf Vodička sagt ihm, wer sie seien.

„Dann sagte der britische Journalist: ‚Zwei von uns gehen zu Fuß mit der Truppe, und der Verletzte kommt zu uns in den Jeep.‘ Einer der beiden Franzosen protestierte etwas. Da schrie ihn der Amerikaner zusammen: Ob er wolle, dass der junge Mann sterbe. Später fragte ich den Schweizer auf Deutsch: ‚Wer ist denn das?‘ Und er: ‚Das ist der amerikanische Schriftsteller Hemingway.‘“

Adolf Vodička wird im weiteren Kriegsverlauf von einer Artilleriegranate verletzt. Er muss ins Krankenhaus. Dort verpasst er die Auflösung der internationalen Brigaden, die der Völkerbund zum 24. September 1938 durchsetzt.

Interbrigadisten steigen im Parteiapparat auf

Im Januar 1939 gelangt Adolf Vodička nach Frankreich, er kommt wie Tausende andere ins Internierungslager Saint-Cyprien. Mit Stacheldraht umgeben, aber mit hölzernen Baracken zum Schlafen, so beschreibt er das Lager. Vodička gehört dann zu jenen, deren weiteres Schicksal der Historiker Rajlich schildert:

Václav Nosek  (Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime)
„Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs traten 300 bis 400 der Spanienfahrer der tschechoslowakischen Armee bei, die in Frankreich entstand. Bei den Rückzugsgefechten wurde der Großteil nach Großbritannien evakuiert – das Land, das als einziges Nazi-Deutschland zu dem Zeitpunkt die Stirn bieten konnte.“

In Großbritannien steht Adolf Vodička unter Kommunismusverdacht und wird nach Schottland in ein Kriegsgefangenlager gesteckt. Gerade aber der kommunistische Teil der tschechoslowakischen Exilregierung in London interveniert. Auch Vodička kommt frei und wechselt ins Zivile. Er findet eine Anstellung bei Václav Nosek, einem kommunistischen Politiker. Nach dem Krieg kehrt er in seine Heimat zurück und macht dort weiter Karriere. Historiker Nálevka:

„Die früheren Interbrigadisten bildeten eine der Machteliten in der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, die sich nach dem Krieg neu formierte. Und nicht zufällig besetzten sie bereits vor der Machtübernahme der Kommunisten im Februar 1948 einige Schlüsselpositionen in dem Teil des Machtapparats, der gerade von den Kommunisten kontrolliert wurde – das war vor allem im Bereich der Sicherheit und der Nachrichtendienste.“

Osvald Závodský  (Foto: Archiv ABS)
Adolf Vodička kommt wegen seiner Sprachkenntnisse in den militärischen Abschirmdienst. Ende der 1940er, Anfang der 1950er wird aber auch die KPTsch nach sowjetischem Vorbild gesäubert. Die Spanienfahrer geraten dabei ins Fadenkreuz, weil sie einige Zeit außerhalb des Zugriffs des kommunistischen Parteiapparats gewesen waren. Sie werden verhaftet, einige auch nach Schauprozessen ermordet. Dazu gehört etwa Vodičkas Vorgesetzter Oswald Závodský, der 1954 als Letzter gehenkt wird. Adolf Vodička verliert seine Arbeit und schlägt sich mit unterschiedlichen Jobs durch. Erst in den 1960er Jahren werden die Interbrigadisten rehabilitiert. Einige gehen dann wegen ihrer Spanischkenntnisse nach Kuba, um Fidel Castro zu helfen, darunter auch Vodička.

Autor: Till Janzer
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