Karneval zur Rettung denkmalgeschützter Bauten

Foto: Martina Schneibergová

Am vergangenen Dienstag wurde an vielen Orten Tschechiens Karneval gefeiert. Faschingsumzüge, die auf eine lange Tradition zurückblicken können, gab es an mehreren Orten, vor allem in der Region von Hlinsko oder in einigen Gemeinden Ostmährens. Einen Karnevalumzug der besonderen Art haben einige Bürgerinitiativen im Prager Stadtzentrum initiiert. Ihrer Meinung nach entscheiden über das künftige Antlitz Prags nämlich eher einflussreiche Immobiliengesellschaften, als die Stadtväter.

Opletalova Straße
An der Straßenecke Opletalova und Wenzelsplatz trafen am Dienstagnachmittag verschiedene Karnevalsfiguren mit Straßenmusikern zusammen. Ihnen schlossen sich allmählich zahlreiche weitere, vorwiegend junge Menschen an. Den Karnevalumzug starteten die Veranstalter der Bürgerinitiative „Prager Forum“ nicht zufälligerweise vor dem Haus Nr. 1601 an der Ecke des Wenzelsplatzes. Denn gerade dieses Gebäude aus dem Jahr 1880 soll trotz Einwänden von Denkmalschutzexperten abgerissen werden. Olga Richterová vom „Prager Forum“ verteilte unter den Teilnehmern Zettel mit Text und Noten des Lieds, das während des Umzugs gesungen werden soll. In einem Interview erläutert sie die Beweggründe für das Happening:

„Der Hauptgrund für unser Karnevalhappening ist die mangelnde Kompetenz der Stadtverwaltung und vor allem in Prag fehlt ein Konzept der Denkmalpflege.“

Olga Richterová (links)
Vor einigen Monaten hat man gerade an diesem Ort gegen den geplanten Abriss des historischen Hauses protestiert. Hat sich inzwischen etwas an diesen Plänen geändert?

„Der führende Denkmalschutzbeamte vom Prager Magistrat, der auch die Hauptfigur unseres Karnevalumzugs ist, geht in die Rente. Also das ist vielleicht schon eine Änderung.“

Werden wir noch an weiteren gefährdeten historischen Gebäuden vorbeigehen?

„Unser Karnevalumzug musste realistisch konzipiert werden. Wir können natürlich nicht alles sehen. Aber die Experten vom ´Praguewatch´, die sich langfristig mit der Stadtplanung in Prag beschäftigen, werden uns während des Umzugs einiges erzählen.“

Die Karnevalsfiguren werden also von den Mitgliedern der anderen Bürgerinitiative - dem ´Prager Forum´ - dargestellt oder beteiligen sich noch weitere Leute daran?

„Wir arbeiten mit drei oder vier Bürgerinitiativen zusammen, hauptsächlich aber mit den Experten im Bereich Stadtplanung. Eigentlich sind wir hier für das Happening zuständig.“

Dies ist nicht die erste Veranstaltung vom Projekt ´Praguewatch´. Wissen Sie, wie die verantwortlichen Beamten vom Magistrat auf die bisherigen Veranstaltungen reagiert haben?

„Es ist interessant, dass uns einige der Beamten, die aber keine hohe Stellung haben, sogar Daumen drücken. Und kann sein, dass sie auch jetzt mit dabei sein werden. Aber Beamte, die einen höheren Posten haben, sehen uns nicht gern.“

Güterbahnhof Žižkov
Zu den gefährdeten Baudenkmälern gehört unter anderem der Güterbahnhof Žižkov, der aber nicht im Stadtzentrum liegt. Da gehen wir bestimmt nicht vorbei. Welches der umstrittenen Bauprojekte im Stadtkern würden Sie als ein Paradebeispiel des Versagens der Denkmalschutzbeamten bezeichnen?

„Ich kann beispielsweise das Einkaufszentrum Palladium nennen. Daran kann man aber nichts mehr ändern. Und dies ist der Grund, warum wir den Karnevalumzug machen. Wir wollen zeigen, dass sich die Öffentlichkeit interessiert und kein weiteres solches Ufo im Zentrum der Stadt sehen will.“

Martin Veselý (rechts)
Der Umzug beginnt mit einem extra zu diesem Zweck komponierten Lied, in dem der bisherige Chef der Denkmalschützer des Prager Magistrats besungen wird.

Die Spitze des Karnevalumzugs führte auf einem Tandem-Fahrrad Martin Veselý an. Er trug die Maske jenes kritisierten Prager Beamten, begleitet von einem Kollegen, der den Hofnarren mimte. Veselý ist Sozialanthropologe und arbeitet mit dem Projekt „Praguewatch“ zusammen, das auf umstrittene Fälle in der Stadtplanung sowie auf gefährdete Baudenkmäler und Grünflächen aufmerksam macht. Der Umzug setzte sich nach einer kurzen Ansprache Veselýs in Bewegung:

Von der Straße „Opletalova“ ging es dann nach links bis zur Straße „Im Graben“. Dort hielt der Umzug vor dem ehemaligen Bankgebäude an. Das Wort ergriff ein Student der Kunstgeschichte, Jakub Bachtík:

Die Bank auf der Straße „Im Graben“
„Diese Bank aus den 1920er Jahren war einschließlich der Innenausstattung und der Originaleinrichtung bis vor kurzem noch gut erhalten. Nachdem die Bank umgezogen ist, entschied sich ein Investor, hier ein großes Kaufhaus einzurichten. Denn das nächste Einkaufszentrum Palladium auf dem Platz der Republik ist ja nur etwa 300 Meter von hier entfernt. Die so genannte ´Rekonstruktion´ des Hauses bestand darin, dass der Großteil abgerissen wurde und vom ursprünglichen Gebäude nur die Fassade übrig geblieben ist.“

Dies sei ein typisches Beispiel, wie auch mit anderen historischen Gebäuden im Prager Stadtzentrum umgegangen wird – von vielen ist nur noch die Fassade erhalten geblieben. Ursprünglich sollte jedoch Bachtík zufolge das ganze Häuserblock in ein mehrstöckiges Handelszentrum mit Turm verwandelt werden.

Die Teilnehmer des Umzugs machten ihrem Unmut recht laut Luft, es schlossen sich sogar einige Passanten an. Martin Veselý hielt in der Maske des obersten Denkmalschützers Prags eine kleine Ansprache:

„Liebe Freunde, denkt daran, dass sich unsere Stadt doch entwickeln muss und nicht wie ein altes Freilichtmuseum aussehen darf. Die Stadt muss doch aufblühen und neue Investoren anziehen. Die Grenzen der Grundstücke aus der Gotik dürfen unsere Phantasie nicht einschränken. Bauen wir hier, liebe Freunde, ein modernes Einkaufzentrum, das mit den anderen nicht zu vergleichen ist. Prag muss modern sein; wir dürfen nicht im Mittelalter stehen bleiben. Bauen wir doch hier, wie mir mein Hofnarr rät, direkt hier einen Heliport.“

Rytířská-Straße
Begleitet von Klezmer-Musikern begab sich der Karnevalumzug in die Rytířská-Straße. Unweit des Ständetheaters machte Jakub Bachtík auf zwei mittelalterliche Paläste aufmerksam:

„Ein Bankgebäude aus den 1920er Jahren abzureißen, ist noch nicht so schlimm, aber gotische Paläste niederzureißen, das erfordert schon Kraft und Mut! Und in Prag hat man den Mut. Es geht um den Palast Hrobčických und den Wimmer-Palast. Noch vor kurzem waren es Baudenkmäler aus dem Frühmittelalter, die in der Barockzeit umgebaut wurden. Das Barockinterieur war noch intakt. In den 1990er Jahren kaufte ein italienischer Investor die beiden Paläste und begann damit, allmählich alles Historische abzureißen. Aus den Gebäuden sind Ruinen geworden, das Barockinterieur sowie die gotischen Keller sind verschwunden. Niemand wurde dafür bestraft. Von den beiden Palästen sind praktisch nur noch die Fassaden erhalten, dahinter findet sich nichts mehr.“

Weiter ging es an der ursprünglich gotischen Kirche St. Michael vorbei, die trotz zahlreicher Proteste von Kunsthistorikern in einen Nachtklub verwandelt wurde. Das weitere Schicksal des Baudenkmals ist vorläufig unklar. Das Ziel des Umzugs war der Prager Magistrat, wo die Karnevalisten noch einmal den Beamten huldigten.

Der Karneval ist längst vorbei. Und wir sind fast am Ende des heutigen Spaziergangs angelangt. Falls Sie während Ihres Prag-Besuchs ein auffallend verschandeltes Gebäude entdeckt haben, würde es uns freuen, wenn Sie uns darüber schreiben. Sie können uns auch gerne Ihre Gedanken zum Thema Denkmalschutz und Stadtentwicklung mitteilen. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradská 12, PLZ 120 99 Prag 2. Sie können uns auch an deutsch@radio.cz schreibn. Aus den Zuschriften werden wir einen Gewinner auslosen und mit einer CD belohnen.

Im Januar fragten wir Sie nach den Astronomen, die Rudolf II: nach Prag eingeladen hat – es waren Tycho Brahe und Johannes Kepler. Ein Buch geht an Leo de Does aus Oegstgeest in den Niederlanden.

Fotos: Autorin