Keine staatlichen Anreize – 60 Prozent aller Autos in Tschechien sind älter als zehn Jahre

Foto: 293.xx.xxx.xx, Wikimedia Creative Commons 3.0

Wer durch die Straßen von tschechischen Städten spaziert, sieht eine Menge Autos. Denn ähnlich wie die deutsche Gesellschaft ist auch die tschechische in hohem Maße motorisiert. Hierzulande fallen aber die vielen älteren Modelle auf. Zwar verschwinden langsam die ganz alten Schätzchen von den Straßen, wie zum Beispiel der Škoda 120. Durchschnittlich aber haben die Autos in Tschechien ein Alter von 14 Jahren. Nun gibt es eine Diskussion um das Fahrzeugalter: Die Hersteller wollen die Umwelt schützen und mehr Neuwagen absetzen, die Kunden aber lieber Geld sparen.

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In Deutschland sind sie selten geworden: Autos, die zehn Jahre oder älter sind. Hohe Steuern, die Abwrackprämie zu Beginn der Wirtschaftskrise oder die Umweltzonen in den großen Städten haben die alten Wagen auf den Schrottplatz verbannt. In Tschechien fahren sie hingegen noch auf den Straßen. Nur noch die Litauer pflegen im europäischen Vergleich einen älteren Wagenpark. Pavel Tunkl von der Vereinigung der Autoimporteure:

Pavel Tunkl (Foto: ČT 24)
„Es gibt mehr als 840.000 Fahrzeuge, die älter als 20 Jahre sind. Nach europäischen Kategorien, nach denen Autos in älter als fünf Jahre und älter als zehn Jahre eingestuft werden, sind 60 Prozent aller Autos in Tschechien älter als zehn Jahre.“

Dies stellt aber ein großes Problem für die Umwelt dar. Nicht nur, dass alte Fahrzeuge häufig mehr Kraftstoff verbrauchen, sie stoßen auch weit mehr Schadstoffe aus. Dies beweist eine Studie, die der Tüv-Süd in Tschechien erstellt hat. Tunkl fasst das Ergebnis zusammen:

Foto: Kristýna Maková
„Fahrzeuge ohne Katalysator erbringen etwa 4 Prozent der gefahrenen Kilometer aller Pkws in Tschechien, allerdings verursachen sie 40 Prozent der Umweltbelastungen durch gefährliche Schadstoffe.“

Warum aber fahren die Tschechen so alte Autos? Ist es Anhänglichkeit oder sind es schnöde finanzielle Gründe? Durchschnittlich ist eine tschechische Familie bereit, zwischen 250.000 und 300.000 Kronen (10.000 bis 12.000 Euro) für ein Auto auszugeben. Ein Autofahrer macht deutlich, was das für ihn bedeutet:

Elektrofahrzeug (Foto: Rmhermen, Wikimedia Creative Commons 3.0)
„Ein Neuwagen in dieser Preiskategorie würde nicht meine Bedürfnisse zufriedenstellen. Daher würde ich einen Gebrauchten wählen.“

Der Verband der Autoimporteure sieht den Staat in der Pflicht. Er müsse mehr tun, damit die Menschen neuere Autos kaufen, sagt Pavel Tunkl:

„Für Privatkunden existieren fast keine Kaufanreize. Für Firmenkunden gibt es eine Ermäßigung im Bereich der Autobahnvignette, aber auch diese ist minimal. Es gibt also in Tschechien einfach keine Vergünstigungen, die den Kauf und den Betrieb von ökologisch besseren Fahrzeugen, Elektrofahrzeugen oder Autos, die mit alternativen Kraftstoffen laufen, begünstigen würden.“

Foto: Archiv ČRo 7
Tatsächlich gibt es in Tschechien kaum Möglichkeiten, das Verhalten beim Autokauf zu steuern. In Deutschland steigt die Kraftfahrzeugsteuer an, je höher der Schadstoffausstoß eines Fahrzeuges ist. In Tschechien gibt es dagegen gar keine KFZ-Steuer und in den Städten wurden noch keine Umweltzonen eingeführt, in die ältere „Stinker“ nicht hineingelassen werden.

Zwar wurde auf Drängen der EU im Jahr 2009 eine Ökosteuer eingeführt, diese ist aber nur einmalig beim Erwerb eines Autos fällig. Sie orientiert sich an der Schadstoffnorm des Fahrzeuges. So muss der Halter eines Wagens, der keine Euro-Norm-Einstufung hat, 10.000 Kronen (400 Euro) bezahlen, mit Euro-Norm-1 müssen 5000 Kronen (200 Euro) bezahlt werden, die Euro-Norm-2 kostet nur noch 3000 Kronen (120 Euro) und für alle Autos mit Euro-Norm-3 oder besser fällt keine Steuer an. Wohl gemerkt wird diese Ökosteuer nur bei der Ummeldung eines Fahrzeuges erhoben. Hat der Halter das alte Schätzchen bereits vor 2009 besessen, muss er nicht zahlen.

Foto: Europäische Kommission
Natürlich versucht der Verband der Autoimporteure nicht nur aus Liebe zur Umwelt, bessere Anreize zum Kauf neuer Autos zu schaffen. Es geht dabei vor allem um höhere Verkaufszahlen. Die staatlichen Behörden haben sich aber bisher erstaunlich resistent gegen die Versuche der Auto-Lobby gezeigt. Die Forderungen nach Kaufanreizen wurden mit der Begründung abgewiesen, jeder in Tschechien würde ein neues Auto kaufen, wenn er es sich leisten könnte – zusätzliche Motivation durch den Staat sei da überhaupt nicht notwendig.

Natürlich stoßen ältere Autos höhere Emissionen aus – ob sie aber deswegen ökologischer sind, darüber streiten sich die Experten. Schließlich schluckt die Produktion eines Autos Unmengen an Energie und Rohstoffen, wie Autoteilehändler Vrba erklärt:

Foto: Andy Greenhouse, Stock.xchng
„Die Energie, die bei der Herstellung eines neuen Autos verbraucht wird, schadet unserer Umwelt viel mehr, als ein einmal produziertes Auto zu unterhalten. Man transportiert ein Teil aus Polen nach Tschechien, wo etwas komplettiert wird, und bringt es anschließend wieder nach Polen zurück. Von dort geht es dann nach Deutschland zu einer Montagelinie. Kommt Ihnen das normal vor? Mir nicht wirklich.“

Neu ist also nicht immer gleich ökologisch. Es gibt aber noch andere Gründe, von einem alten Auto auf ein Neues umzusteigen: die Sicherheit. Václav Špička vom Automobilclub der Tschechischen Republik:

Škoda 120 (Foto: Archiv ČRo 7)
„Vor allem Autos vom Typ Škoda 120 oder ähnlich alte Fahrzeuge sind oftmals nicht in gutem technischem Zustand. So sind zum Beispiel die Bremsen nicht so wirksam wie in moderneren Autos.“

Aber nicht nur der Automobilclub warnt vor möglichen Sicherheitsproblemen, auch die Hersteller betonen, dass ältere Autos zugleich immer ein Risiko bedeuten. Antonín Šípek vom Verband der Automobilindustrie:

„Bei Unfällen mit Personenwagen im Alter bis zehn Jahren und über zehn Jahren gibt es einem bemerkenswerten Unterschied. In den älteren Autos sterben zwei- bis dreimal so viele Menschen wie in den neueren. Das ergibt sich aus der Konstruktion des Wagens und den Sicherheitseinrichtungen.“

Foto: Archiv ČRo 7
Alte Fahrzeuge entsprechen nämlich häufig nicht den heutigen Sicherheitsstandards. Es gibt selten Airbags, die Cockpits sind nicht verletzungssicher konstruiert, der Prallschutz ist nicht mehr zeitgemäß und die Bremsen bringen nicht die Leistung moderner Modelle.

Diese Sicherheitsprobleme betrifft in Tschechien aber nicht nur PKW. Auch die hierzulande eingesetzten Autobusse erreichen ein Durchschnittsalter von fast 15 Jahren, das sind fast fünf Jahre mehr als im europäischen Schnitt. Laut Šípek erfülle nicht einmal ein Drittel der angemeldeten Busse die heutigen Sicherheitsstandards.

Bemerkenswert ist, dass die Vertreter der Automobilindustrie sich mit ihren Forderungen nach mehr Kaufanreizen im Namen der Umwelt und der Sicherheit bei der Verwaltung nicht durchsetzen können.


Dieser Beitrag wurde am 23. Mai 2012 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.