Kinderprostitution in Tschechien - zwischen Realität und Medienmythos

r_2100x1400_radio_praha.png

Wer mit dem Auto aus Deutschland oder Österreich nach Tschechien fährt, kennt die Szenerie: Fliegende Händler mit Zigaretten, Alkohol und zweifelhaften Markenwaren bestimmen das Bild, dazwischen billige Restaurants und immer wieder Nachtklubs, Bordelle und Straßenprostitution. Hier könnten Freier auch Kinder kaufen, berichten nicht zuletzt deutsche Medien immer wieder. Mit dem heiklen Thema des kommerziellen sexuellen Missbrauchs von Kindern beschäftigte sich am Mittwoch in Prag auch ein Experten-Seminar des tschechischen Kinderschutzbundes. Thomas Kirschner war dabei.

Kommerzieller sexueller Missbrauch von Kindern, das ist nicht nur Kinderprostitution, sondern auch Kinderpornografie und der Handel mit Kindern. Mindestens die ersten beiden Phänomene könne man wie in ganz Europa, so auch in Tschechien finden, meint die Ärztin Eva Vanickova vom tschechischen Kinderschutzbund. Allerdings:

"Es gibt keine genauen Daten, da es sich um einen Bereich mit hoher Dunkelziffer handelt. Nichtsdestotrotz schätzen wir, dass etwa ein Prozent der Kinder Erfahrungen mit kommerziellem sexuellem Missbrauch hat, das sind in Tschechien knapp 20.000 Kinder und Jugendliche. Das ist eine Zahl, die nicht allzu weit von der Realität entfernt sein dürfte."

Beziffert würden damit aber keineswegs reguläre Prostituierte, betonte Vanickova weiter - die Definition von kommerziellem sexuellem Kindesmissbrauch sei wesentlich weiter gefasst. Weitgehend im Dunklen blieb bei den Vorträgen die faktische Seite des Themas: Über konkrete Umstände von Kinderprostitution und -pornografie in Tschechien wurde nicht gesprochen. Stattdessen ging es um den Humus aus dem Kinderprostitution entstehen könnte: Um zerrüttete Familien, Vernachlässigung, Gewalt und sexuellen Missbrauch durch Menschen aus dem Umfeld des Kindes. Eine zweifelhafte Rolle spielen bei dem Thema auch die Medien, die immer wieder über das angebliche Kindersex-Angebot in den tschechischen Grenzgebieten berichten und mit vorgeblichem Aufklärungswillen erst die Nachfrage ankurbeln. Hinter den Offerten verbergen sich allerdings meist ganz andere Straftaten, berichtet Martin Kloubek von der tschechischen Polizei:

"Nach allem, was wir dazu wissen, besteht in den Grenzgebieten sehr wohl Nachfrage nach Kinderprostitution, vor allem aus dem Ausland. Das, was dort passiert, ist aber letztlich keine Kinderprostitution. Die Kinder werden vielmehr nur als Lockvögel benutzt, und dann kommt es zu Raubüberfällen oder Erpressung. Die Prostitution ist dabei nur vorgeschoben."