Koffer der Journalistin und Kafka-Freundin Milena Jesenská nach 80 Jahren gefunden

Der Koffer von Milena Jesenská

Das Literaturmuseum in Prag hat einen Koffer erhalten, der einst Milena Jesenská gehörte. Die Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin war eine enge Freundin von Franz Kafka. Das Reiseutensil war von einer früheren Mitinhaftierten Jesenskás aufbewahrt worden.

Bei Milena Jesenská kommt einem sofort auch Franz Kafka in den Sinn. Denn beide waren ein Liebespaar, und sie übersetzte seine Werke ins Tschechische. Doch vor allem war sie eine sehr anerkannte Journalistin in der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Nicht so bekannt ist hingegen, dass Jesenská auch im tschechischen Widerstand gegen Hitler eine führende Rolle innehatte. Die Gestapo nahm sie allerdings gefangen und deportierte sie ins KZ Ravensbrück, wo Jesenská 1944 starb.

Arno Pařík | Foto:  Martina Kutková,  Radio Prague International

Das Prager Literaturmuseum hat nun einen Koffer präsentiert, der Jesenská gehört hat. Aufbewahrt wurde er von der Familie von Božena Paříková, einer weiteren Widerstandskämpferin. Deren Sohn Arno entschied sich vor kurzem, den braunen Lederkoffer dem Literaturarchiv des Museums zu vermachen. Petr Kotyk leitet dieses Archiv und erläuterte gegenüber Radio Prag International:

„Božena Paříková saß 1939 und 1940 im Gefängnis Pankrác in Prag, weil sie Geld gesammelt hat für jene Familien, deren Ernährer von den Nationalsozialisten verhaftet worden waren. Sie teilte sich dort mit Milena Jesenská eine Zelle. Diese war inhaftiert, weil sie bedrohten Antifaschisten und Menschen jüdischer Herkunft zur Flucht über die Grenze verholfen hat.“

Der Koffer von Milena Jesenská | Foto: Petr Kotyk,  Denkmal der nationalen Literatur

Hitler war Mitte März 1939 in Prag einmarschiert, und Jesenská wurde im November des Jahres von der Gestapo festgenommen. Die Begegnung mit Paříková im Gefängnis bestimmte dann die weitere Route des Koffers…

Petr Kotyk | Foto: Agáta Nezbedová,  Tschechischer Rundfunk

„Als Milena Jesenská zum Gerichtsprozess in Dresden gebracht wurde, passten nicht alle Sachen aus der Gefängniszelle in ihren kleinen Koffer. Deswegen gab ihr Božena Paříková ihren größeren Koffer und behielt stattdessen den von Jesenská“, so Kotyk.

Jesenská wurde in Dresden zwar aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Aber „zwecks Umerziehung“, wie es hieß, wurde sie ins Frauen-KZ Ravensbrück gebracht.

Der Koffer von Milena Jesenská | Foto: Petr Kotyk,  Denkmal der nationalen Literatur

Den kleinen Koffer nahm Božena Paříková mit, als sie 1940 aus dem Gefängnis entlassen wurde. Und er blieb dann über 80 Jahre lang in ihrer Wohnung in der Straße Spálená im Prager Stadtzentrum. Dann bot der Sohn dem Museum das Objekt an und schilderte die Geschichte dahinter. Petr Kotyk:

„Wir begannen mit weiteren Nachforschungen zu dem Schicksal beider Frauen. Im Nationalarchiv stellten wir fest, dass die ganze Geschichte stimmt. Beide waren wirklich zur selben Zeit im Gefängnis Pankrác. Indirekt konnten wir so die Erzählung belegen, die in der Familie Pařík mündlich weitergegeben worden war.“

Der Koffer von Milena Jesenská | Foto: Petr Kotyk,  Denkmal der nationalen Literatur

Dieser Erzählung nach war die jüngere Božena Paříková sehr beeindruckt von Milena Jesenská. Und weiter der Archivar:

„Jesenská war eine Autorität des Journalismus aus der Zwischenkriegszeit. Sie schrieb für die angesehene Zeitschrift ‚Přítomnost‘, die Ferdinand Peroutka herausgab. Sie sprach sich gegen soziale Ungerechtigkeit aus und unterstützte die Emanzipation der Frauen. Für Božena Paříková blieb die Begegnung unvergesslich.“

Der Koffer von Milena Jesenská | Foto: Petr Kotyk,  Denkmal der nationalen Literatur

Der Koffer, den Paříková zu sich nach Hause nahm, ist etwas kleiner als ein heutiges Handgepäckstück für einen Flug. Er ist mit den Werbebannern zweier Hotels beklebt. Dies geht zurück auf die Jahre 1918 bis 1920, als Milena Jesenská zunächst zusammen mit ihrem ersten Ehemann Ernest Pollak in Wien lebte und sich beide dann aber trennten.

Es ist eines der wenigen privaten Stücke der Journalistin, die überhaupt erhalten sind. Denn bei ihrer Verhaftung konfiszierten oder zerstörten die nationalsozialistischen Beamten einen Großteil von Jesenskás Besitz. Trotzdem hoffen die Archivare, dass künftig noch Weiteres auftauchen könnte…

Julius Fučík | Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime

„Milena Jesenská hatte mehrere Beziehungen. Einer der Männer war Julius Fučík, den sie sogar vor der tschechoslowakischen Polizei versteckte, als die Kommunisten während der Ersten Republik in den Untergrund gehen mussten. Wir hoffen, dass irgendwo in den Archiven noch die Briefe von Fučík an Milena Jesenská lagern. Diese wollen wir finden“, kündigt Kotyk an.

Zunächst aber soll der kleine Koffer der Journalistin demnächst in der Dauerausstellung des Literaturmuseums gezeigt werden.

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