Künstlerin Dagmar Dost-Nolden: Meine Wurzeln ziehen mich zurück

Dagmar Dost-Nolden (Foto: Martina Schneibergová)

Die Malerin Dagmar Dost-Nolden stammt aus Prag, lebt aber seit 35 Jahren in Deutschland. Ihre Werke sind jedoch in Galerien, Museen und Privatsammlungen auf der ganzen Welt zu sehen, auch wenn sie in letzter Zeit oft in ihrer Heimat ausstellt. Ein Teil ihrer Großformatgemälde und Plastiken ist derzeit im Tomáš-Garrigue-Masaryk-Museum in Lány bei Prag zu sehen.

Dagmar Dost-Nolden (Foto: Martina Schneibergová)
Frau Dost-Nolden, Sie haben an der Akademie der bildenden Künste in Prag studiert. 1978 sind Sie nach Deutschland gegangen. Wie war das für Sie beziehungsweise wie waren Ihre ersten Eindrücke von Deutschland? In der kommunistischen Tschechoslowakei war damals alles streng organisiert und plötzlich waren Sie in die „freie Welt“ gekommen.

„Ich habe vorher schon zwei Jahre lang als Reiseleiterin gearbeitet. Dadurch hatte ich viel Kontakt mit Deutschen und entwickelte so schon eine gewisse Vorstellung. Was aber die Kunst anging war es wirklich schwierig, denn ich hatte erst einmal überhaupt keinen Überblick. Aus Tschechien war ich es gewohnt, dass zunächst gewisse Etappen durchlaufen werden mussten. Also erst einmal zeichnen lernen, dann eventuell Malkurse besuchen, dann eine Schule, dann eine andere Kunstschule, und zum Schluss die Akademie. Erst wenn man auf einem bestimmten Niveau angekommen war, arbeitete man in Ruhe weiter. In Deutschland war zu dieser Zeit jeder ein Künstler. Alle malten, alle pinselten und ich war erst einmal ein Niemand. Die meisten kannten sich gegenseitig und unterstützten sich, sie hatten sich ihre Netzwerke aufgebaut. Ich hatte überhaupt nichts, ich kannte niemanden. Das war wirklich schwierig.“

Foto: Martina Schneibergová
Wie gelang es Ihnen sich im Kunstbereich durchzusetzen?

„Ein Schritt nach dem anderen, so wie ich das schon immer gemacht habe. Ich habe gewusst, dass ich nicht zu irgendwelchen Leuten hinrennen konnte, denn das machten ja alle. Alle warteten auf Gelegenheiten, besuchten die Galerien und sprachen die Galeristen an. So wollte ich meine Zeit nicht verplempern. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, lieber an mir zu arbeiten. Ich wollte meine eigenen Ideen weiter entwickeln und dann abwarten, was daraus entsteht. Mir war klar, dass ich mich durch Qualität auszeichnen musste und prinzipiell hatte ich auch gar keine andere Möglichkeit. Und so habe ich das dann auch gemacht.“

Sie haben früher auch Theater gespielt?

Foto: Martina Schneibergová
„Ja, schon als Kind habe ich in der damaligen Tschechoslowakei Theater gespielt. In Köln gab es ein Theater-Projekt mit Frauen, dann eines über Ausländer sowie über andere Themen. Ich ging dorthin und brachte meine Fähigkeiten mit, denn Theaterspielen entspricht meinem Naturell. Das hat mir immer riesigen Spaß gemacht und ich habe dann einige Jahre gespielt. Die Theatertechnik hat mich unheimlich bereichert. Aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem man sich entscheiden muss, denn alles nimmt Zeit in Anspruch. Ich musste mich entscheiden: Mache ich Theater oder Kunst? Die Antwort war klar: Ich musste Kunst machen. Aber diese Techniken aus dem Theater übertrug ich auf meine Performances und habe sie im Rahmen der bildenden Kunst eingesetzt. Aber auch das braucht Vorbereitung und Energie.“

Foto: Martina Schneibergová
Wo suchen Sie nach Inspiration für Ihre Gemälde, für Ihre Skulpturen?

„Das Leben selbst ist Kunst. Und meine Kunst mag Zufälle, wie im Leben selbst. Aber ich versuche sie zu beherrschen, so wie im Leben, in dem man sich entscheiden muss. Die Inspiration ist überall und ständig, sie kommt von allen Seiten. Ich habe aber ein anderes Problem, denn ich kann gar nicht alles verarbeiten, das geht zeitlich gar nicht.“

Sie sagen, dass für Sie die Energie eine wichtige Rolle spielt, die Verwandlung, die irgendwo aus dem Weltall strömt. Das kann man auch in Ihren Gemälden in Lány sehen. Haben Sie einige Bilder extra für diese Ausstellung gemalt?

Foto: Martina Schneibergová
„Ja die meisten Bilder habe ich speziell für diese Ausstellung angefertigt. Dazu gehören die Gemälde zum Thema Tomáš Garrigue Masaryk, sowie einige weitere, die unsere Zeit wiederspiegeln. Nur zwei Bilder in dieser Ausstellung habe ich für die Ausstellung ‚The first‘ in London konzipiert.“

Können Sie den etwas besonderen Titel der Ausstellung erläutern?

„Der Titel lautet ´Frühlingsinspiration - und die Erde ist hart‘. Damit sind Kontraste gemeint. Der Frühling weckt Hoffnungen und ist wunderschön. Wir freuen uns, aber gleichzeitig bedeutet der Frühling auch Veränderungen. Veränderung, von denen wir aber nicht die Richtung kennen. Wir hoffen oft, dass es ein positive Veränderungen sein werden, aber oft passiert genau das Gegenteil. Der Frühling birgt auch etwas Düsteres in sich, etwas, was wir nicht kennen. Dabei habe ich zum Beispiel an den ‚Prager Frühling‘ 1968 gedacht, weil dieser Begriff politisch konnotiert ist. Wichtig am ‚Prager Frühling‘ waren dessen Ideen. Es gab auch einen ‚Frühling‘ in der Kunst damals, es gab Strömungen von allen Seiten, die wir auch in Tschechien aufgenommen haben. Was dann aber folgte, ist ja bekannt. Der Frühling ist ja wunderschön, hat aber auch seine Schattenseiten. Wir wollen immer zu dem Schönen hin, zum dem Leichten, aber die Erde zieht uns runter, sie ist hart und man kann nicht wirklich etwas in sie einpflanzen. Daher ist es sehr mühselig etwas aus dem Frühling zu machen.“

Foto: Martina Schneibergová
In den letzten Jahren stellen Sie häufiger als zuvor in Ihrer Heimat aus. Zieht es Sie mehr nach Tschechien?

„Ja, natürlich! Meine Wurzeln ziehen mich wieder zurück und natürlich möchte ich auch meine Spuren hier hinterlassen. Das ist der Grund, warum ich hier sehr gern ausstelle.“

Kann man sagen, dass Sie zwischen Deutschland und Tschechien pendeln?

„Ja, genau. Vom Prinzip her stelle ich gern überall aus, aber es muss natürlich auch passen. Dabei interessiert mich Tschechien ganz besonders.“

Die Ausstellung ihrer Werke ist im Masaryk-Museum in Lány noch bis zum 29. Juni zu sehen.