Literatur in Litomysl

Schloß in Litomysl (Foto: CzechTourism)

Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zu einer weiteren Ausgabe von Regionaljournal. In der heutigen Sendung wird Sie Dagmar Keberlova in das ostböhmische Litomysl führen. Den regelmäßigen Hörern von Radio Prag oder Besuchern Tschechiens könnte diese wunderschöne Stadt durch den Namen des berühmten Komponisten Bedrich Smetana bekannt sein. Zur Erinnerung an ihn findet hier alljährlich im Frühjahr ein großes Festival der klassischen Musik statt. Aber Litomysl ist nicht nur Musik. Was sich noch in dieser Stadt verbirgt, erfahren alle, die in den folgenden Minuten beim Regionaljournal dabei bleiben.

Schloß in Litomysl (Foto: CzechTourism)
Das ist eben die Seite von Litomysl, die an sich sehr bekannt ist. Bedrich Smetana hat sich darum verdient gemacht, dass jeder in Tschechien heute weiß, wo Litomysl liegt. Wie bereits erwähnt, ist die Musik nicht alles, was Litomysl zu bieten hat. Diese Stadt gehört bestimmt zu denjenigen, die nach der Wende 1989 am schnellsten den Mantel der grauen kommunistischen Vergangenheit abgelegt haben und sich in kurzer Zeit zu einer der schönsten tschechischen Städte neben Telc und Cesky Krumlov verwandelt haben. Wenn man durch Litomysl spaziert, kann man kaum glauben, dass hier früher etwas anders war. Die prächtig rekonstruierten Häuser vermitteln das Flair einer Künstlerstadt, einer Stadt mit Leben auf europäischem Niveau. Wenn man fragt, was dahinter steht, so sagt der Bürgermeister, die Menschen, ihre Ideen, aber auch harte Arbeit.

Und eine gute Idee war auch der Beginn einer Geschichte, die wir Ihnen jetzt erzählen wollen. Aber lassen wir den Mann zu Wort kommen, dem Litomysl heute verdankt, dass es eine wahrscheinlich weltweit einzigartige Brautigan- Bibliothek hat. Kamil Novotny, von Beruf Fotograf, zu seinen weiteren Aktivitäten gehören ein kleiner Verlag und das seit kurzem eröffnete Teehaus, das die Brautigan - Bibliothek beherbergt. Kamil Novotny erzählt, warum er Verlag und Bibliothek in Litomysl gegründet hat:

"Litomysl - dabei fällt jedem - Ihnen jetzt bestimmt auch - hauptsächlich Smetana ein. Mich hat das gestört: Wenn ich auf dem Hauptplatz von Litomysl spazieren ging und mir die Häuserschilder genau angesehen habe, dachte ich mir - als Musikstadt wird Litomysl eigentlich nur wegen Smetana bezeichnet, obwohl sich ungefähr 20 weitere bekannte Personen von hier mit Literatur beschäftigten. In dem Moment dachte ich, die Literaturstadt wird eigentlich zu einer Musikstadt umgemalt. Diese Idee arbeitete in mir und so gründete ich einen kleinen Verlag, der sich zum Motto gemacht hat, die literarische Tradition zu beleben und an sie anzuknüpfen."

Kamil Novotny machte sich auf die Spuren der Autoren dieser Stadt, und dies kam dabei heraus:

"Es ist mir gelungen, eine Art Chronologie der Literaturszene von Litomysl zu erstellen und diese gaben wir unter dem Titel "Das erste Buch der Poesie von Litomysl" heraus. Alle darin vertretenen Autoren stammen aus Litomysl."

Ungefähr die Hälfte der Auflage sei schon verkauft, sagt stolz Kamil Novotny und fügt hinzu, dass es gute Reaktionen gab auf sein Buch. Damit sei es ihm gelungen, auf die literarische Tradition der Stadt aufmerksam zu machen und sie wieder zu beleben.

Smetanasplatz in Litomysl (Foto: Sokoljan, CC BY-SA 3.0 Unported)
Daran knüpft auch seine weitere Initiative an, die vielleicht noch mehr Aufsehen erregt hat als die des Verlages. Dies ist die Brautigan -Bibliothek, die er seit Anfang Februar in einem im Museum von Litomysl angesiedelten Teehaus betreibt. Die Bücherei wurde zum Jahrestag des amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan gegründet. Es handelt sich hierbei um eine Bibliothek, die bislang unveröffentlichte Manuskripte verschiedener Autoren sammelt. Wie es dazu kam, hierzu Kamil Novotny selbst:

"Die Idee zu haben war ziemlich leicht, da es nicht meine Idee ist. Ursprünglich stammt die Idee von dem amerikanischen Schriftsteller Richard Brautigan, der einen Roman geschrieben hat mit dem Titel "Abtreibung: Eine historische Romanze 1966." Brautigan ist mein Lieblingsschriftsteller und in diesem Buch erwähnt er eine Bücherei, die so funktionieren würde wie jetzt unsere hier. Zum ersten mal überhaupt hat Brautigans Idee ein anderer Fan seiner Geschichten ins Leben gerufen und hat die erste Brautigan - Bücherei in Amerika gegründet."

Diese war den Worten von Kamil Novotny ziemlich erfolgreich, es kamen ca. 350 Titel zusammen, die Bibliothek war mehr als 5 Jahre in Betrieb. Dann war es wahrscheinlich zuviel für denjenigen, der sie gegründet hatte. Der Fonds war zu groß und wurde an die öffentliche Bibliothek angeschlossen. Kamil Novotny hat die Idee so gut gefallen, dass er sie in Tschechien wiederholen wollte. Seinen Informationen zufolge könnte es sein, dass die Bücherei in Litomysl - nachdem die in den USA geschlossen wurde - die einzige ihrer Art auf der Welt ist. Und wie läuft alles jetzt, einen Monat nach der Eröffnung?

Schloß in Litomysl (Foto: CzechTourism)
"Auch dank den Journalisten, die diese Idee wahrscheinlich interessiert hat und die darüber berichteten, kommen die Manuskripte gut zusammen. Bisher habe ich keins direkt aus Litomysl, dafür aber aus ganz Tschechien. Ich glaube, dass fast jeder, zumindest in einem gewissen Alter, versucht zu schreiben. Sich damit an einen Verlag zu wenden, ist schon eine große Entscheidung, die nur die wenigsten treffen. Hier bei uns geht es alles einfach vor sich hin, es reicht, den Beitrag zu schicken. Er wird einfach in die Bücherei aufgenommen, niemand nimmt Korrekturen vor. In einem Verlag ist die Annahme von Manuskripten immer am Gewinn ausgerichtet und nach diesem Kriterium suchen die Verlage die Manuskripte dann auch aus. Bei mir gibt es grundsätzlich keine kommerzielle Nutzung, aber dass heißt noch nicht, dass die Manuskripte kein Recht auf Existenz hätten."

Herrn Novotny zufolge kann so eine unkorrigierte Version der heutigen Literatur beibehalten werden, ohne sich nur auf das zu konzentrieren, was die Schriftsteller oft für die breite Masse schreiben. Was er bisher erhielt, hat er alles gelesen und alles hat ihm gefallen. Es fasziniert ihn, dass er den Kontakt zu den Menschen hat, weil diese ihm auch ihre Adresse schicken. Herr Novotny illustriert dies an einem Manuskript mit dem Titel "Über das Leben von Marie Tomeckova", das ihm die Autorin schickte, nachdem sie einen Bericht über die Brautigan-Bibliothek im Radio gehört hat:

"Als ich es las - es ist kein Tagebuch, sondern ihr Leben in 30 Seiten, die alles beinhalten - konnte ich nicht aufhören zu lesen. Und auch andere, die es bereits gelesen haben, meinten, sie hab noch nie etwas so Spannendes gelesenen. Auch dadurch, dass es konkret ist, wird es viel spannender als der Kampf eines alten Mannes auf der See."

Und wenn jemand darauf kommt dass er sein Manuskript publizieren möchte, was passiert dann? Darf er es überhaupt veröffentlichen?

"Der Autor kann ruhig sein Werk anbieten, dem dient auch ein bisschen unser Teehaus, dass es hier vielleicht jemand sieht, der es dann publizieren will. Wenn es allerdings dazu kommt, muss ich es hier wieder herausnehmen. Alles was hier ist, ist einzigartig, nur hier vorzufinden. Wenn das Werk irgendeines Autors dann veröffentlicht wird, werde ich ihm gratulieren, aber hier ist dann leider Schluss." sagt lachend Kamil Novotny, denn das sei die einzige Bedingung in der Bibliothek von Brautigan - das Werk darf nicht veröffentlicht werden. Aber auch bekannte Schriftsteller können hier ein Werk haben, sie müssen sich nur verpflichten, dass es nirgends erscheinen wird:

"Das ist eine Stütze der Bibliothek, damit sie bekannter wird. Es werden hier Konzerte oder Lesungen stattfinden und die Sänger und Autoren, die hier auftreten werden, müssen einen kleinen Text für die Bibliothek beisteuern. Wenn es uns gelingt, bekannte Persönlichkeiten einzuladen, um so besser."

Das Teehaus im Museum von Litomysl , das ein Treffpunkt vor allem für junge Menschen sein soll, wurde im Dezember vergangenen Jahres eröffnet. In die Renovierungsarbeiten hat die Stadt eine Million Kronen investiert, die sie für den Titel "Historische Stadt des Jahres 2000" bekommen hatte.

Soweit das heutige Regionaljournal aus der ostböhmischen Stadt Litomysl.