Martinus Geburtsstübchen auf dem Kirchenturm in Policka

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Eine weitere musikalische Wanderung, diesmal nach Policka auf der Böhmisch-Mährischen Höhe, erwartet sie in der nachfolgenden Touristensprechstunde. Zur Reise lädt Sie nun Markéta Maurová ein.

Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer. Das kleine Städtchen Policka liegt an der Grenze zwischen Ostböhmen und Mähren, in der Landschaft, die man als Böhmisch-Mährische Höhe bezeichnet. 1890 wurde in Policka ihr berühmtester Landsmann geboren - der Komponist Bohuslav Martinu. Er verbrachte dort seine Kinderjahre. Während der Studien am Konservatorium in Prag und in den späteren Jahren kehrte er mindestens in den Ferien nach Policka zurück. Seine schöpferischen Jahre verlebte Martinu vor allem in Frankreich, Amerika und in der Schweiz. Seit 1938 besuchte er nie mehr seine Heimat, in der er nach dem Krieg und besonders nach 1948 eine persona non grata wurde, mit seinem Geburtsort blieb er jedoch stets in Kontakt. In seiner Korrespondenz finden wir um 500 Briefe, die er sich mit seiner Familie und seinen Freunden in Policka austauschte. Der Landschaft seiner Jugendjahre widmete Martinu einen Kantatenzyklus. Die bekannteste Kantate ist "Das Maifest der Brünnlein", in der Martinu 1955 den Text des Dichters aus Policka, Miloslav Bures, vertonte.

Die Persönlichkeit des Komponisten stellt uns der Direktor des Martinu-Instituts in Prag, Ales Brezina, vor.

Für die Pflege des Namens Martinu sorgt in Policka besonders das dortige Stadtmuseum. Die erste Ausstellung, die Martinu gewidmet war, fand dort bereits in den 1930er Jahren statt. Die heutige, ständige Exposition stammt aus dem Jahre 1984. Seit 1990 gehört zum Museum auch ein audiovisueller Saal mit einem Angebot an Aufnahmen und biographischen Filmen von Bohuslav Martinu. Einen wertvollen Bestandteil des Denkmals bildet ein Martinu-Archiv, in dem eine Sammlung von über 250 Notenmanuskripten und Skizzen, weiter Briefen, Photographien, Bühnen- und Kostümentwürfen und weiterem Material zu finden ist.

Kaum jemand kann sich mit einem so spezifischen Geburtsort rühmen, wie Bohuslav Martinu. Er kam nämlich in der Höhe von 36 Metern über der Stadt, auf dem Turm der St.-Jakob-Kirche zur Welt. Seine Geburtsstube auf dem Turm ist heute für die Besucher zugänglich. Will man jedoch mit eigenen Augen die Wohnung der Familie Martinu sehen, muss er zunächst fast 200 Stufen hinaufsteigen, die die Familie von der umliegenden Welt trennten. Die ersten hundert Stufen sind aus Stein, die anderen hundert nur noch aus Holz.

Auf dem Turmumgang wartet auf uns Jiri Flidr, der über das Leben der Familie Martinu und ihren berühmten Sohn erzählt.

"Er wurde in diesem Zimmer am 8. Dezember 1890 geboren. Diese Kirche war ursprünglich gotisch. 1845 brach jedoch in der Stadt ein mächtiger Brand aus, der fast die ganze Stadt zerstörte. Es blieben nur vier Steinhäuser. Auch diese Kirche wurde stark beschädigt und musste daher niedergerissen und durch einen neugotischen Bau ersetzt werden, der bis heute erhalten blieb."

An die Geburt ihres Sohns erinnerte sich in einem kleinen Memoirenheft auch seine Mutter, Karolina Martinu. Hören Sie selbst:

"Ich schreibe die Memoiren über meinen Sohn Bohuslav, der auf dem Turm der St. Jakob-Kirche am 8. Dezember 1890, am feierlichen Marientag geboren wurde, als gerade alle Glocken schallten. Die Hebamme Frau Lucie Kriklavova sagte damals: "Der wird ein berühmter Mann sein: er wurde mit einem feierlichen Glockenläuten begrüßt. Der Junge wuchs auf, isoliert von der Welt. Seine Freude, das waren Papiersoldaten und zwei Holzspäne, mit denen er quasi Geige "spielte". Später kaufte ihm der Vater auf dem Jahrmarkt eine Geige mit Rosshaar und eine Trommel; er pflegte um den Balkon rumzulaufen, zu spielen und zu trommeln. In der späteren Zeit machte ihm die Kirchenmusik und die Musik von Herrn Cernovsky großen Spaß, der in der Otakar-Straße Musikunterricht gab."

Soweit Bohuslavs Mutter Karolina. Selbstverständlich drängt sich aber vor allem die Frage auf, warum die Familie gerade auf dem Kirchenturm wohnte:

"Die Eltern von Bohuslav Martinu zogen hierher 1889 um, als der Vater Ferdinand Martinu zum Turmwächter ernannt wurde. In dieser Funktion wurde er beauftragt, die Stadt vor Bränden zu überwachen. Wenn er irgendwo Feuer erblickte, zog er am Handgriff und die Glocke draußen auf dem Umgang rief Alarm aus. Wenn es in der Nacht brannte, nutzte er eine rote Laterne, die er auf dem Turmumgang in der Richtung platzierte, wo der Brand war. Die Leute erfuhren so, wohin sie laufen sollen, um zu löschen. Und sie wurden darüber hinaus mittels eines Sprachrohrs über den genauen Brandort ausführlich informiert."

Das Zimmer auf dem Turm ist richtig klein. Probleme gab es dort vor allem mit dem Trinkwasser, das aus einem Brunnen im Haus Zur Rose am Stadtring geholt und mit einer Haspel hochgebracht werden musste. Zum Waschen wurde Regenwasser genutzt, das auf dem Turmdach abgefangen wurde. Wenn jemand zu Besuch kam, klingelte er unten am Turmeingang. Die Martinus schickten ihm dann einen Schlüssel auf einem langen Faden hinab. Heute wundert sich jeder Besucher über die Anzahl der Personen, die dort oben lebten.

"Es wohnten hier ständig sechs Personen: die Eltern Ferdinand und Karolina, ihre Kinder František, Marie und Bohuslav, und ein Schusterhelfer. Ferdinand Martinu betrieb nämlich neben seiner Arbeit als Turmwächter auch das Schusterhandwerk. Dort in der Ecke hatte er seinen Arbeitstisch. Der Helfer schlief aber nicht hier, er hatte ein kleines Zimmer unter der Treppe, in dem sich die Maschine für die Turmuhr befindet. Während des Tages hielten sich auch noch Bohuslavs Amme und ein Schusterlehrling in der Stube auf dem Turm auf."

Dies reichte aber wahrscheinlich dem Vater nicht. Hören Sie selbst, was Bohuslavs Schwester, Marie Martinu, in einer kurzen Erinnerung erzählt:

"In den letzten Jahren unseres Aufenthalts auf dem Turm züchtete unser Vater Zwergpapageien - er hatte zwölf Papageien und zwei graue, wie Tauben. Im Sommer standen die Käfige auf dem Umgang. Interessant war auch sein Star. Der Vater lehrte ihn, einen Feuerwehrmarsch zu pfeifen. Einmal verflog sich der Star. Der Vater war sauer, er ging so lange um die Stadtmauern herum und pfiff ihren Marsch, bis ihm der Star auf die Schulter herabflog. Der Vater war auch ein begeisterter Pflanzenanbauer, es interessierten ihn jedoch nur wertvolle, ungewöhnliche Arten, die bei uns sogar Gärtner bewunderten. Unsere Fenster waren immer voll von Konsolen, wo es freien Platz gab, dort wurde ein Blumentopf hingestellt."

Die Einrichtung, die wir heute in der Stube sehen, ist ursprünglich. Sie wurde von den Nachkommen der Familie Martinu dem Museum geschenkt. Die einzelnen Familienmitglieder und die Gewohnheiten der Familie bringt uns noch einmal Marie Martinu näher:

"Die Mutter war ernster, energisch und streng. Sie sang aber den ganzen Tag lang, was ein freudiges Milieu in die Familie brachte. Der Vater war ein scherzhafter Mensch. Er verdarb keinen Spaß. Lange Jahre wirkte er als Souffleur bei den Vorstellungen des Laientheater-Ensembles. Sonst war unser Leben auf dem Turm ruhig. Jede Woche haben wir uns in der Bibliothek Bücher geliehen und abends setzte sich jeder an den Tisch und las."

Am 1. August 1902 wurde der Vater zum Diener in der Sparkasse und im Bürgermeisteramt ernannt. Die Familie verließ daher den Turm und zog in eine Wohnung im Gebäude der Sparkasse um.

Wie wir schon erwähnt haben, ist Bohuslav Martinu nach 1938 in seine Heimat nie mehr zurückgekehrt. Ganz genau stimmt dies jedoch nicht: Der Komponist starb 1959 in der Schweiz und wurde im dortigen Schöneberg begraben. 20 Jahre später wurden seine sterblichen Überreste nach Policka überführt und in der Familiengruft beigesetzt.

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