Maskenpflicht setzt Diskussion über wirksamen Corona-Schutz in Gang

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Wegen der seit Monatsbeginn gestiegenen Corona-Zahlen wurde die Maskenpflicht in Tschechien erweitert. Seit Donnerstag muss der Mund- und Nasenschutz wieder in sämtlichen Innenräumen außerhalb der eigenen vier Wände getragen werden. Das ist die Reaktion der Regierung auf die steigenden Infektionszahlen, die Opposition hingegen kritisiert die späte Entscheidung und das Fehlen einer effektiven smarten Quarantäne

Adam Vojtěch (Foto: Michaela Danelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Der Anstieg der Infektionszahlen im Land hat die tschechische Regierung zum Handeln gezwungen. Den Beschluss, die Maskenpflicht wieder auf alle Innenräume auszudehnen, begründete Gesundheitsminister Adam Vojtěch so:

„Wir wollen, dass sich die Ausbreitung des Virus verlangsamt, denn das Virus ist da und wird sich weiter in der Bevölkerung ausbreiten. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Masken die Ausbreitung des Virus morgen oder übermorgen stoppen werden, aber sie können den Prozess verlangsamen.“

Premier Andrej Babis (Partei Ano) hingegen zeigte sich allerdings nicht so sehr beunruhigt angesichts der aktuellen Corona-Zahlen:

„Ich halte die Lage nicht für ernst. Wir beobachten vor allem die Situation der Patienten in den Krankenhäusern. Und was die Sterblichkeit in Bezug auf eine Million Einwohner betrifft, gehören wir weiter zu den besten Ländern in Europa.“

Jiří Beran (Foto: Milan Baják, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

In seiner allgemeinen Aussage wird der Regierungschef durch einen Experten bestätigt. So sagte der Epidemiologe Jiří Beran am Donnerstag im Tschechischen Fernsehen:

„Ich möchte die Lage vor allem beruhigen mit einigen Daten zur Sterblichkeitsrate. Bisher hat es in Tschechien rund 30.000 Infizierte mit dem Coronavirus gegeben. Nach der Erkrankung der ersten 10.000 Menschen wurde registriert, dass daran 330 Patienten gestorben sind. Während der Erkrankung der zweiten 10.000 Menschen starben nur 67 Personen, und aus der dritten Gruppe von 10.000 Infizierten starben 47 Menschen. Das heißt, die erste Gruppe hatte eine fünfmal höhere Sterblichkeit als die zweite Gruppe, und jetzt kommt eine Reduzierung um weitere 25 Prozent hinzu. Aus dieser Sicht lässt sich sagen, dass das tschechische Gesundheitswesen diese Epidemie sehr gut meistert.“

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Trotz dieser durchaus beruhigenden Botschaft gibt es neben der Opposition auch Vertreter aus der Wirtschaft, die das ihrer Meinung nach inkonsequente Handeln der Regierung in der Corona-Krise kritisieren. Pavel Březina ist der Vorsitzende des Verbandes für tschechischen traditionellen Handel (AČTO):

„Wir haben dem Gesundheitsministerium bereits am 3. August einen Brief geschrieben, dass die Maskenpflicht erneut in den Lebensmittelgeschäften eingeführt werden sollte. Zur selben Zeit wurde dies beispielsweise in Österreich getan, doch unsere Regierung hatte dazu ganz überflüssige Zweifel. Wenn man einen Bürger befragt, ob er einen Mund- und Nasenschutz tragen möchte, wird er das natürlich verneinen. Wenn es andererseits aber die epidemiologische Lage erfordert, dann muss man einfach reagieren.“

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Und auch der Chef-Epidemiologe des Prager Instituts für Experimentalmedizin (IKEM), Petr Smejkal, ist für den verstärkten Gebrauch einer Mund- und Nasenbedeckung:

„Es ist gut, dass wir mittlerweile mehr über das Virus wissen. Wir wissen, wie es übertragen wird, dass dies auch ohne Symptome geschehen kann, und wir wissen, dass eine Maske gut ist.“

Ihm stimmt der Epidemiologe Rastislav Maďar zu. Das frühere Mitglied der Arbeitsgruppe zur Lockerung der Quarantäne-Regeln im Gesundheitsministerium hat die Einführung der erneuten Maskenpflicht in Tschechien als verspätet bezeichnet. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sei eine Präventivmaßnahme, und als solche müsse sie rechtzeitig umgesetzt werden, sagte Maďar.

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Für den Epidemiologen Jiří Beran ist dies alles aber zu kurz gesprungen. Er erläuterte im Fernsehen, worauf es seiner Meinung nach vor allem ankommt:

„Wir sprechen immer nur über Masken, dabei vergessen wir völlig, dass unser Immunsystem unser allerbester Schutz ist. Das Immunsystem schützt uns 24 Stunden täglich, das müssen wir nicht kaufen und dabei vielleicht noch in der Schlange stehen. Doch wir können es ständig verbessern. Dazu genügt bereits eine gewisse sportliche Aktivität, damit wir tiefer atmen und so auch eine erste Abwehrlinie aufbauen. Das heißt, dass unsere Schleimhäute einen viel besseren Schleim produzieren, der uns besser schützt.“

Zur Stärkung des Immunsystems soll nun auch die Kampagne zum Projekt „Stärker für das Leben“ beitragen, bei der das Tschechische Olympische Komitee (ČOV) die Bevölkerung dazu animieren will, sich wieder mehr zu bewegen und etwas für die eigene Fitness zu tun. Es scheint, dass in der tschechischen Gesellschaft erst jetzt ernsthaft darüber nachgedacht wird, wie man der Coronavirus-Epidemie wirksam und dauerhaft entgegentreten will.