Fünf Jahre Corona in Tschechien: Wie blickt die Gesellschaft zurück?

Fünf Jahre ist es her, seitdem der erste Corona-Fall in Tschechien diagnostiziert wurde. Wie geht die hiesige Gesellschaft mit der Pandemie um, deren Opferzahl seit Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch von den beiden Weltkriegen übertroffen wurde?

Am 1. März 2020 wurde die Atemwegserkrankung Covid-19 erstmals hierzulande bestätigt. In den nachfolgenden fünf Jahren gab es fast fünf Millionen solcher Fälle. 44.000 Infizierte sind gestorben. Wie hat die tschechische Gesellschaft die Pandemie erlebt und aufgearbeitet? Das ist ein Thema, mit dem sich der Literaturwissenschaftler Karel Střelec von der Universität in Ostrava / Ostrau beschäftigt. Er sieht zwei entgegensetzte Pole:

Karel Střelec | Foto: Facebook der Philosophischen Fakultät von Universität Ostrava

„Wenn wir auf März, April und Mai 2020 zurückblicken, dann hat sich die Gesellschaft in einer noch nie dagewesenen Weise geeint. Aber das änderte sich in der Folge allmählich. Wir sind gespalten aus der Pandemie hervorgegangen. Und bisher scheint es mir, dass wir diese Kluft nicht überwinden können.“

Die Corona-Maßnahmen wurden von der Bevölkerung sehr unterschiedlich bewertet. Einigen gingen sie nicht weit genug, andere protestierten gegen Einschnitte in die persönliche Freiheit. Auch die Impfdebatte hat die Menschen geteilt. Masken, Abstandsregeln, Kontaktsperren, Lockdown – vor allem diese Begriffe bleiben uns heute im Gedächtnis. An die mehreren Zehntausend Todesopfer erinnert man sich hingegen kaum. Laut Střelec gibt es dafür mehrere Gründe:

„Ein Grund gilt allgemein, dass man nämlich negative oder traumatische Erfahrungen nicht wiederbeleben will und dass der zeitliche Abstand fehlt. Der andere Grund könnte sein, dass jeder von uns diese Opfer unterschiedlich wahrgenommen hat. Und zudem wurden die Pandemie und der Umgang mit ihr zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen.“

Foto: Juan Pablo Bertazza,  Radio Prague International

In vielen Städten der Welt wurden in den letzten Jahren Corona-Gedenkstätten errichtet, mit denen an die Opfer der Pandemie erinnert wird. In Tschechien fehlt ein solches würdiges Denkmal:

„Soweit ich weiß, wird in Tschechien nicht einmal darüber diskutiert, dass wir das Andenken auf diese Weise materialisieren sollten. Im Gegenteil, wir diskutieren darüber, ob wir auf der Prager Kleinseite ein Denkmal für Marschall Radetzky aufstellen sollen, obwohl es sich um eine Persönlichkeit handelt, die einen viel geringeren Einfluss auf unsere heutige Gesellschaft hatte.“

Hierzulande gibt es nur ein paar Initiativen, die hauptsächlich von kirchlichen und kommunalen Gruppen beziehungsweise von Freunden und Verwandten der Verstorbenen ausgingen. So sind etwa Kreuze in den Städten Odry und Znojmo entstanden sowie ein Gedenkstein in Holešov oder eine Gedenksitzbank in Pardubice.

Kreuz in Odry | Quelle: Facebook der Gemeinde Odry

An der Philosophischen Fakultät der Ostrauer Universität wird an einem Projekt gearbeitet, das sich mit der literarischen, künstlerischen und kulturellen Reflexion über die Pandemie hierzulande befasst. Demzufolge gibt es auch in der Literatur – nach einer ersten Welle von Tagebuchaufzeichnungen und authentischen Beobachtungen – ein Defizit im Vergleich zu den Literaturen anderer Länder. Dennoch seien auch die größten Werke, die beispielsweise die Unrechtsregime des 20. Jahrhunderts oder den Zweiten Weltkrieg widerspiegeln, erst mit Verzögerung entstanden, und zwar in den 1960er oder sogar in den 1990er Jahren, merkt Literaturwissenschaftler Střelec an:

„Es ist gut möglich, dass wir, die wir diese Pandemie erlebt haben, warten müssen, bis die nächste Generation eine große politische, soziale oder fachliche Reflexion vornimmt.“