Mehr als nur Heydrich: Tschechischer Widerstand am Beispiel Tišnov

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Wenn man über den tschechischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg spricht, denkt man in erster Reihe an die tschechischen Fallschirmspringer, die im Mai 1942 das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich ausgeübt haben. In der Bevölkerung gab es jedoch viele kleine Widerstandgruppen, die sich der deutschen Besatzung entgegengestellt haben. Das Schicksal einer südmährischen Gruppe beschreibt in ihrem neu erschienenen Buch „Die Welt im Frühling verlassen“ die deutsche Schriftstellerin Herma Kennel. Bára Procházková hat mit der Autorin über die Tätigkeit der Gruppe gesprochen.

Die Schriftstellerin Herma Kennel ist bei ihrer zweijährigen Recherche in Mähren auf eine kleine Widerstandgruppe aus Brünn und Umgebung gestoßen und beschreibt an diesem konkreten Beispiel die täglichen Widerstandsaktivitäten der Tschechen im Zweiten Weltkrieg.

Auszug aus dem Buch „Die Welt im Frühling verlassen“:

„Hier ist alles in Ordnung“, sagte Genserek. „Alles ist vorbereitet. Ich bringe euch nachher zur Waldhütte, wo ihr die nächsten Tage bleiben und euch ausruhen könnt.“

„Und was ist mit Waffen?“ wollte Jaroslav wissen.

„Die kommen, die kommen!“ antwortete Genserek.

„Woher kommen sie?“

„Aus England!“

Und wie sollen sie kommen?

„Aus England mit Luftfracht der Royal Air Force!“

„Ich bezweifle das…“

Die Waffen werden von der Royal Air Force transportiert!“

„Ich halte das für zu schwierig…“

„Es ist aber so geplant!“

„Das ist technisch aber doch gar nicht möglich!“

„Ich behaupte, die Engländer werden das schaffen.“

„Ich habe vom Aufstand in Warschau und vom Gemetzel der SS-Männer gegen die Widerstandsgruppen erfahren“, sagte Jaroslav. „Wenn sie unseren Aufstand bemerken, werden wir erbarmungslos niedergemacht! Wir werden es nicht überleben!“

Die südmährische Widerstandsgruppe bestand aus 30 bis 40 Männern, viele waren Freunde, haben gemeinsam die Schule besucht, waren Arbeitskollegen oder haben sich als ehemalige Zwangsarbeiter in Wien kennen gelernt, die später gemeinsam geflüchtet sind. Bei der offiziellen Gründung der Gruppe am 8. September 1944 in einer Waldhütte bei Skalička haben alle Männer geschworen:

„Wir schwören bei dem Andenken unserer gefolterten und hingerichteten Brüder und Schwestern, dass wir immer und überall und unter allen Umständen unsere besetzte Heimat schützen und streng und unnachgiebig das an unserem Volke begangene Unrecht bestrafen werden. So schwören wir!“

Ein paar Tage nach der Gründung wurde schon die erste Aktion geplant: Ein Überfall des Militärlagers in einer ehemaligen Sokol-Turnhalle, um an Decken zu gelangen, aus der Schneider in Brünn Winterkleidung für die Widerstandsgruppe nähen sollten. Das große Ziel der Gruppe war es jedoch, mit Waffen in der Hand gegen die Deutschen zu kämpfen. Waffen aber mussten die Partisanen erstmal besorgen, erzählt Herma Kennel:

„Sie haben auf die Waffen, die ihnen aus England versprochen wurden, gewartet. Irgendwann hieß es aber, dass keine Waffen kommen würden. In Wirklichkeit war es so, dass Stalin nach England ein Befehl gegeben hatte, dass den tschechischen Widerstandsgruppen keine Waffen mehr geliefert werden dürfen.“

Deshalb hat ein führendes Mitglied der Gruppe eine andere Strategie vorgeschlagen – die tschechischen Polizeiwachen zu überfallen und den Polizisten die Waffen zu entwenden. Die Gruppe hat befreundete Polizisten informiert, dass die Wache überfallen wird. So haben die Männer mehrere Polizeistationen ausgeraubt. An manchen Orten hat der Plan geklappt, dies war von der Loyalität der Gendarmen zum nationalsozialistischen Regime abhängig, erklärt die Schriftstellerin Herma Kennel:

„Natürlich gab es da auch Verräter, die sich der deutschen Führung untergeordnet und Nachrichten an sie weiter geleitet haben. Das waren aber Ausnahmen. Ich habe von Polizisten gehört, die sich für ihre tschechischen Mitbürger eingesetzt haben. Viele mussten aber nach außen ihren Dienst machen und gute Gendarmen sein. Dann gab es aber auch die, die die Widerstandsgruppen gewarnt, informiert und unterstützt haben.“

Die Partisanen wurden auch von der jungen Frau Božena Škrabálková aus Tišnov unterstützt, die nachts die Arbeitsbücher für die geflüchteten Zwangsarbeiter und gleichzeitig die Mitglieder der Gruppe gefälscht hat, um sie vor den Kontrollen der deutschen Besatzung zu schützen. Des Weiteren hat sie die Gruppe mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt. Diese Tätigkeit war jedoch sehr gefährlich, bestätigt Herma Kennel:

„Božena wurde von drei Seiten beschattet. Zum Ersten von dem Leiter des Arbeitsamtes, einem Reichsdeutschen, der ein Auge auf dieses schöne, germanisch aussehende Mädchen geworfen hatte. Er hat in ihr Büro einen 19-jährigen Mann hineingesetzt, der sie beobachten sollte. Des Weiteren hat sich Božena mit einem Leutnant getroffen, der auch im Widerstand tätig war. Er wusste jedoch nicht, dass er selber und damit auch die Personen, mit ihnen er etwas zu tun hatte, von der Gestapo überwacht werden. Der dritte schließlich war ein Verräter.“

Die Gefahr eines Verrats wurde der Gruppe zur täglichen Bedrohung. Die Partisanen arbeiteten mit anderen Widerstandsgruppen zusammen, nie konnte man aber wissen, wer wirklich zuverlässig ist.

Auszug aus dem Buch „Die Welt im Frühling verlassen: „Am 17. Januar waren einem tschechischen Besucher im Gasthaus von Dolní Rožínka zwei sehr junge Männer aufgefallen, die sich eingehend nach der örtlichen Gendarmeriestation und ihrem Waffenbestand erkundigt hatten. Der Tscheche hatte dies sofort der Polizei gemeldet.“

Die Überfälle der Polizeistationen und ein Verrat führten zu einer Verhaftungsaktion der Gestapo Ende Februar 1945, bei der viele Mitglieder der Gruppe erschossen oder verhaftet wurden. Auch die Helferin Božena Škrabálková wurde abtransportiert und starb im April in der Gaskammer. Nach dem Kriegsende war für manche Regimegegner jedoch kein Ende der Unterdrückung in Sicht. Herma Kennel:

„Der eine schloss sich der kommunistischen Partei an, der andere weigerte sich und hatte danach Probleme. Bei dem zentralen Held des Buches, Jaroslav Kořalník, war es sehr tragisch. Am 13. Mai 1949 wurde sein Bruder, der der Tschechoslowakischen Luftwaffe angehörte, beim Fluchtversuch in den Westen erschossen. Am nächsten Tag wurde Jaroslav verhaftet und kam für zwei Jahre in einen Arbeitslager, danach in Untersuchungshaft. Er kehrte erst 1971 nach Brünn zurück. Als Rechtsanwalt hatte er jedoch Berufsverbot gehabt und arbeitete als Übersetzer bei den Elektrizitätswerken.“

Vor dem Anfang der kommunistischen Herrschaft sind jedoch einige Mitglieder für ihre Widerstandstätigkeiten ausgezeichnet worden. Damit schließt Herma Kennel ihre Erzählung über die Widerstandsgruppe aus Tišnov ab:

„Jaroslav wurde gleich nach dem Krieg in 1945 Vorsitzender des Verbandes antifaschistischer Widerstandskämpfer in Brünn, hat das Amt aber am 25. Februar 1948 niedergelegt. Ehemalige tschechische Gendarmen, die die Gruppe unterstützt hatten, wurden auch geehrt und ausgezeichnet. Auch Jaroslav Kořalník und Božena Škarálková wurden ausgezeichnet, Božena erhielt nach ihrem Tode das höchste tschechoslowakische Kriegs-Ehrenkreuz.“

Die Tätigkeit der Widerstandsgruppe hat die Autorin Herma Kennel Schritt für Schritt in ihrem Buch „Die Welt im Frühling verlassen“ beschrieben. Das Buch ist im Frühjahr 2008 beim Vitalis Verlag erschienen.