„Meine liebsten Freunde sind in Prag“

Beatrix Jerie (Foto: Ondřej Tomšů)

Beatrix Jerie ist Geigerin, Musikmanagerin und Konzertveranstalterin. Die gebürtige Baslerin hat unter anderem in Prag Musik studiert. Mit ihrem Mann, dem renommierten tschechischen Cellisten Marek Jerie, lebte sie auch 14 Jahre lang in der tschechischen Hauptstadt. Seitdem kommt Beatrix Jerie immer wieder zu Besuch nach Prag. Am 14. Juni wird sie vom tschechischen Außenminister Tomáš Petříček mit dem Preis Gratias Agit ausgezeichnet. Martina Schneibergová hat die Schweizerin im Tschechischen Rundfunk getroffen und mit ihr gesprochen.

Beatrix Jerie (Foto: Ondřej Tomšů)
Frau Jerie, Sie stammen aus Basel und haben dort Violine studiert. Aber dann haben Sie 14 Jahre lang in Prag gelebt und dort ebenfalls an der Musikakademie studiert. Der Grund war, dass Sie zuvor in Basel Ihren zukünftigen Mann kennengelernt haben…

„Da haben Sie sehr Recht. Ich habe meinen Mann im Jahre 1967 am Konservatorium in Basel kennengelernt. Er war sehr scheu, ich jung und unkompliziert. Wir haben zwei Jahre zusammen in Basel studiert. Im Jahre 1969 ging er zurück nach Prag.“

Der Grund war der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im August 1968, oder?

„Damals waren die tschechischen und schweizerischen Behörden sehr großzügig. Sie haben, ohne zu fragen, sein Visum verlängert. Es war nur die Frage, wo er wohnen kann. Meine Eltern hatten ein sehr großes Haus mit 17 Zimmern. Es kam dann dazu, dass Marek in unserem Haus ein Zimmer bekam und dort leben konnte. Er ist später nach Prag zurückgekehrt, und wir waren dann in schriftlichem Kontakt. Wir haben uns ein Jahr lang nicht gesehen und uns zweimal in der Woche geschrieben. Es gab keine Telefone wie heute, weshalb er auf der Hauptpost in Prag telefonieren und dort zwei bis drei Stunden warten musste. Er hatte zum Beispiel für zehn Minuten bestellt, und – zack- wurde mitten im Wort dann das Telefon abgestellt.“

Dann haben Sie sich entschieden, doch nach Prag zu gehen. War das eine schwierige Entscheidung?

„Ich wollte nach Prag gehen, denn ich habe meinen Lehrer, Ivan Štraus, schon gekannt, der an der Musikakademie unterrichtet hat. Aber es war eine schwierige Entscheidung für mich, weil meine Eltern sich sehr dagegen gewehrt haben. Sie waren hier in Prag gewesen, und mein Vater wurde bei der Ausreise über zwei Stunden lang verhört wegen irgendeiner Kleinigkeit. Damals kam er zurück und sagte: ,Nie mehr geht irgendjemand von unserer Familie nach Prag!‘ Aber ich wollte dorthin zum Studieren gehen.“

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Sie haben bei Ivan Štraus studiert. Wann waren Sie mit dem Studium fertig?

„Im Jahre 1975 habe ich das Hochschulstudium abgeschlossen.“

Dann sind Sie weiter in Prag geblieben. Wie waren die ersten Erlebnisse hier in Prag, wenn Sie Ihr Leben in der Schweiz mit dem in der Tschechoslowakei vergleichen? War es schwierig, sich umzustellen?

„Für mich persönlich war das eine unglaubliche Chance, eine Lebenserfahrung, denn ich bin sehr behütet aufgewachsen. Ich habe keine Probleme gekannt. Es war immer alles da, was ich haben wollte oder brauchte. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich am ersten Weihnachten nach Hause geflogen bin. In Prag gab es damals ein paar Mandarinen, kubanische Orangen, Äpfel und zwischendurch eine Banane. Als ich in die Schweiz kam, hat mich meine Mutter am Flughafen abgeholt. Sie ging direkt mit mir einkaufen, und dann – dieses Gefühl werde ich nie vergessen – waren hier Berge von Bananen, Orangen und Äpfeln, einfach von allem. Mir wurde richtig eng dabei, als ich diesen Überfluss gesehen habe. Ich denke, es war sehr lehrreich für mich, das zu sehen. Marek und ich haben gewohnt wie auf einer Insel. Wir hatten sehr viele fantastische Freunde und haben gewusst, dass diese Freunde mit uns in schwierigen Zeiten durch Dick und Dünn gehen. Da war ein Vertrauen von mehr als 100 Prozent.“

Der Anfang der 1970er Jahre bedeutete auch den Beginn der sogenannten Normalisierung der politischen Verhältnisse nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

„Natürlich habe ich das mitbekommen, weil Marek aus einer Familie stammt, die sehr verfolgt war. Ich habe hier Freunde gehabt, die genauso gelitten haben und für Gespräche ins Innenministerium eingeladen wurden, wobei man nicht wusste, ob sie zurückkommen werden, wie lange das dauern und welche Folgen das haben wird. Die Unsicherheit war groß. Aber ich muss sagen, die Freundschaften, die sich ergeben haben, waren so intensiv, dass ich schweren Herzens weggegangen bin. Wir haben 1984 das Land verlassen. Ich habe hier wirklich fantastische menschliche Erfahrungen gemacht. Immer wenn ich zurückgekommen bin, war es so, als hätten wir uns gestern erst das letzte Mal gesehen. Diese Freundschaften haben alles überdauert.“

Waren Ihre Kinder der Grund, warum Sie dann in die Schweiz zurückgegangen sind?

„Wir wollten die Kinder erstens in einem freien Schulsystem und nicht mit kommunistischen Geschichten aufwachsen lassen. Außerdem wollten wir, dass sie frei sprechen konnten, statt diese schizophrene Situation in der Schule zu kennen: Dort muss ich das sagen, und zuhause kann ich das sagen. Das wollten wir nicht. Es ging, weil ich Schweizerin bin, und so konnte Marek legal auswandern.“

In der Schweiz haben sie dann eine Konzertreihe gegründet, woraus sich eine Stiftung entwickelt hat. Diese „Kammermusik halb acht“ gibt es bis heute. Wie kamen Sie auf die Idee?

„Als wir in die Schweiz kamen, haben wir festgestellt, dass es überhaupt nicht einfach ist, von Veranstaltern regelmäßig eingeladen zu werden. Also haben wir gesagt: Wir haben so viele tolle Musiker um uns herum. Wir versuchen selbst, etwas in Basel aufzubauen. Dann habe ich gegen die Worte des Casinodirektors gehandelt – dieser sagte, dass es so viele Konzerte in Basel gäbe und niemand an einem weiteren interessiert sei. Ich habe gesagt, ich würde es anders machen. Er fragte, was ich anders machen wolle, und ich entgegnete, ich würde um halb acht beginnen. Denn alle anderen Konzerte haben um viertel nach acht angefangen, und die Leute sind danach nach Hause geeilt, um möglichst schnell ins Bett zu kommen. Der Casinodirektor garantierte mir, dass niemand in Basel um halb acht in ein Konzert gehen werde.“

Aber er hatte Unrecht…

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„Ich habe Recht behalten, und heute beginnen alle Konzerte um halb acht. Wir haben damals gesagt, dass wir einen zweiten Abend machen, wenn 100 Menschen zum Konzert kommen. Der Pianist Ivan Klánský hat in der Zwischenzeit die Leute gezählt, und es waren 108. Aus diesem ersten Konzert ist unsere Konzertreihe entstanden. Später haben wir den Verein wegen der Transparenz für die Sponsoren in eine Stiftung umgewandelt. Ich denke, ich bin sehr fest in diese Konzertreihe in Basel integriert.“

Kommen wir auf das Guarneri-Trio zurück, das 1986 aus zwei Duos entstanden ist. Pianist Ivan Klánský hat sowohl mit ihrem Mann Marek, als auch mit dem Geiger Čeněk Pavlík gespielt, und dann haben sie sich zusammengetan. Wie erinnern Sie sich daran?

„Ich erinnere mich sehr gut daran. Es haben die beiden Duos existiert, und es kam oft zu Kollisionen, denn Ivan hatte entweder ein Konzert mit Marek oder mit Čeněk. Sie sagten, dass es eigentlich sinnvoll sei, sich zusammenzutun. Im Jahr 1986 haben sie dann das erste Konzert zu dritt in Basel gespielt.“

Der Name des Trios ist nach den beiden wertvollen historischen Musikinstrumenten benannt, richtig?

Foto: Ondřej Tomšů
„Ja, wir wollten keinen Komponistennamen. Die Mitglieder des Trios haben das Glück, dass sie auf zwei außerordentlichen Instrumenten spielen. Marek, mein Mann, spielt auf einem Cello von Andrea Guarneri aus dem Jahre 1684. Es ist ein Jahr älter als Johann Sebastian Bach. Čeněk spielt auf Geige von Guarneri del Gesù aus dem Jahre 1734.“

Sie sind auch künstlerische Leiterin der Mendelssohn Musikwoche in Wengen. Sind Sie viel unterwegs wegen der Musik?

„Auf die großen Reisen, wie Südamerika, begleite ich das Trio. Vor kurzem war ich mit ihnen in China. Das ist immer fantastisch. Ich würde sagen, das ist das ,Zückerchen‘ für meine Arbeit. Ich versuche gewisse Konzerte zu begleiten. Ich reise regelmäßig nach Prag, denn hier habe ich meine liebsten Freunde und Freundinnen. Außerdem versuche ich natürlich auch, Zeit für meine Enkel zu haben.“