Mit dem Phonographen aufgenommen: 100 Jahre alte Liederaufnahmen können wieder abgespielt werden

Foto: Archiv des Ethnologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik

Mehrere Dutzend Wachswalzen mit Aufnahmen von etwa 150 mährischen und slowakischen Volksliedern sind vor hundert Jahren entstanden. In den letzten drei Jahren wurden sie von Wissenschaftlern der tschechischen, der slowakischen und der österreichischen Akademie der Wissenschaften verarbeitet und zugänglich gemacht. „Mit dem Phonographen aufgenommen“ heißt die neue Publikation, die sowohl digitalisierte Aufnahmen der Lieder als auch wissenschaftliche Studien dazu enthält. Markéta Kachlíková war bei der Vorstellung der Publikation dabei.

Publikation „Mit dem Phonographen aufgenommen“
Im September 1909 hat der „Arbeitsausschuss für das tschechische Nationallied in Mähren und Schlesien“ mit dem weltberühmten Komponisten Leoš Janáček an der Spitze entschieden, den traditionellen Volksgesang auf phonographischen Wachswalzen aufzuzeichnen. Dank der begeisterten Arbeit von Františka Kyselková und Franišek Kyselka, Hynek Bím und Leoš Janáček selbst wurden in den Jahren 1909 bis 1912 mehr als 150 mährische und slowakische Lieder aufgenommen. Die historischen Aufnahmen wurden nun komplett bearbeitet und in der Publikation „Vzaty do fonografu“ („Mit dem Phonographen aufgenommen“) zugänglich gemacht.

Am dreijährigen Forschungsprojekt beteiligten sich Experten von der tschechischen, der slowakischen und der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Leiterin des Teams war Jarmila Procházková von der Brünner Arbeitsstelle des Ethnographischen Instituts der tschechischen Akademie:

Phonograph von Edison (Reprofoto: Publikation „Vzaty do fonografu“)
„´Mit dem Phonographen aufgenommen´ ist ein Zitat von Janáček. Er hat es notiert, als er für den „Arbeitsausschuss für das tschechische Volkslied in Mähren und Schlesien“ im Oktober 1911 Volkslieder in Vnorovy aufnahm. Es hat uns gefallen, weil es eine der wenigen handschriftlichen Notierungen Janáčeks ist, die wir zu diesem Thema gefunden haben.“

Bereits in den 1890er Jahren hatte Janáček vor, einen Phonographen zu kaufen. Realisieren konnte er es aber erst 1909. Gerda Lechleitner vom Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stellt die Publikation näher vor, die nun die Tätigkeit des Komponisten und seiner Mitarbeiter dokumentiert:

Foto: Archiv des Ethnologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik
„Bei dieser Publikation handelt es sich um sehr, sehr frühe Volksmusikaufnahmen. Das sind traditionelle Gesänge speziell in Mähren und in der Slowakei, wobei der Spiritus rector Leoš Janáček war. Er hat sich ja sehr für Volksmusik interessiert, er hat selbst Volksmusik aufgenommen und diese Musiktraditionen in seine Werke einfließen lassen. Generell muss man sagen, dass um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine neue Einstellung zur Volksmusik stattgefunden hat: die Stadtbevölkerung hat begonnen, sich für die Landbevölkerung zu interessieren. Damit war das Interesse geweckt, sich mit dieser Kultur zu beschäftigen. Ein weiterer Ausgangspunkt war, dass es die Möglichkeit der Tonaufzeichnung gegeben hat, womit man eben traditionelle Musik auch akustisch festhalten konnte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden sehr viele Singbücher mit Volksliedern veröffentlicht, aber das waren nur Noten oder Textausgaben. Mit diesen phonographischen Aufnahmen hatte man damals das erste Mal die Möglichkeit nachzuvollziehen, wie gesungen und gespielt wurde.“

Hynek Bím
Aufgezeichnet wurden Lieder aus mehreren Regionen der Slowakei, unter anderem aus Strážovské vrchy und aus der Umgebung von Terchová. In Mähren wurde der Ort Vnorovy ausgewählt, und zwar wegen seiner lebendigen Tradition des altertümlichen Kirchgesangs. Die Lieder wurden zum Teil direkt vor Ort aufgezeichnet. die Methoden waren aber unterschiedlich, so Jarmila Procházková.

„Janáček erhielt im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ein Einreiseverbot für das Gebiet der Slowakei, dass direkt vom ungarischen Premierminister Andrassy verhängt wurde. Es waren politische Gründe, weil Janáček ein bekannter Werber für die tschechisch-slowakische Zusammengehörigkeit war. Er suchte daher einen Weg, zur slowakischen Folklore zu kommen. Dazu nutzte er die Gelegenheit, dass große Gruppen slowakischer Arbeiterinnen und Arbeiter regelmäßig zu Saisonarbeiten nach Mähren kamen. Dank Janáčeks Mitarbeitern Hynek Bím und Františka Kyselková wusste man genau, welche Gruppe aus welcher Region an welchem Ort arbeitet. Die Slowaken hielten sich in Mähren sehr lange auf, von Mai bis manchmal November. Man hat also alles vorbereitet, ist dort hingefahren und hat die Lieder aufgenommen.“

Die Wissenschaftler betrachten Janáčeks Aufzeichnungen aus dem Mai 1912 als die interessantesten. Er hat fünf Sängerinnen slowakischer Herkunft in Královo Pole bei Brünn gefunden und diese in die seine Orgelschule bringen lassen. Dort wurde ihr Gesang aufgenommen.

Das Sammeln der Tondokumente wird von den Wissenschaftlern in einem breiteren Zusammenhang gesehen. Gerda Lechleitner:

„Die Initiative ist im weitesten Sinne eigentlich von Österreich ausgegangen, und zwar aus dem so genannten Volksliedunternehmen, das Joseph Pommer, gemeinsam mit der Universaledition und gefördert vom damaligen Unterrichtsministerium, in die Wege geleitet hat. Es ging darum, die Volkstradition der Österreich-Ungarischen Monarchie zu dokumentieren und aufzunehmen. Da aber der Erste Weltkrieg sehr schnell dazwischen gekommen ist, haben sich diese Initiativen nach dem Ersten Weltkrieg auf die nachfolgenden Nationalstaaten übertragen, und somit hat jeder Nachfolgerstaat seine eigenen Aufnahmekampagnen, Aufnahmeexpeditionen unternommen und diese Sammlungen national weitergetrieben.“

Gerda Lechleitner (Foto: Archiv der Universität Wien)
Die tschechischen und slowakischen Wissenschaftler haben für die Publikation insbesondere an der Auswertung der Aufnahmen gearbeitet und Studien und Kommentare zu den Liedern sowie zu den historischen Umständen der Aufnahmen verfasst. In einem Sonderband wird auch eine Transkription aller Lieder erscheinen. Das Wiener Phonogrammarchiv hat sich in erster Linie in technischer Hinsicht beteiligt, sagt Gerda Lechleitner.

„Weil eben das Wiener Archiv so alt ist und sich seit jeher mit allen Tonträgern und deren Behandlung kümmert hat es daher auch die technische Expertise, wie man mit alten Tonträgern verfahren muss, um einen optimalen Ton aus den alten Walzen und aus den alten Platten heraus zu bekommen. Es gibt natürlich die digitale Möglichkeiten, es klanglich etwas zu verbessern, da arbeiten viele Leute dran.“

Phonographwalze (Reprofoto: Publikation „Vzaty do fonografu“)
Und die technische Expertise des Wiener Archivs war bei den 100 Jahre alten Walzen gefordert, wie der Leiter der technischen Abteilung des Wiener Phonogrammarchivs, Franz Lechleitner, erklärt:

„Die Walzen waren teilweise in einem ausgezeichneten Zustand, teilweise waren sie aber mehr oder weniger zerbrochen. Diejenigen in ausgezeichnetem Zustand konnte man normal übertragen, das war mehr oder weniger Routinearbeit. Aber bei den zerbrochenen war es problematischer. Sie mussten zunächst restauriert und dann überspielt werden. Es gab von den meisten Walzen bereits historische Übertragungen entweder auf Platte oder auf Tonband, aber es gab keine Möglichkeit, den Inhalt zu identifizieren. Ich musste es notgedrungen mit meiner Maschine bearbeiten, um die Zerbrochenen doch noch abspielen zu können, um eine Zuordnung der alten Originalübertragungen vornehmen zu können. Das war das Anspruchsvollste an diesen Übertragungen.“

Franz Lechleitner (Foto: Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)
Die Möglichkeiten, Töne aufzuzeichnen, steckten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen. Auf einer Walze konnte man gute zwei Minuten aufnehmen, auf den Wachsplatten waren es oft nur eineinhalb Minuten. Das war recht kurz und deswegen hat man sehr oft nur einzelne Strophen aufgenommen oder ein längeres Stück musste auf zwei oder drei Walzen oder Platten aufgeteilt werden. Franz Lechleitner nennt noch einen Nachteil und eine Gefahr der Walzen.

„Wenn die Zylinder öfter abgespielt werden, verliert man unweigerlich das Signal. Denn diese Zylinder sind aus einer Wachsmischung, die nicht so strapazierfähig ist, denn man muss ja aufnehmen können. Wenn man aber diese Zylinder aus der Originalwachsmischung oft abspielt, dann kann es passieren, dass man am Schluss eigentlich nur noch leere Rillen vorfindet. Es gibt aus der Frühzeit des Berliner Phonogrammarchivs eine Anweisung von Moritz von Hornbostl: ´höchstens zehnmal abspielen´, sonst ist nichts mehr da. Man muss also mit solchen Zylindern vorsichtig umgehen.“

Jarmila Procházková (Foto: Archiv der Kroatischen Musikwissenschaftlichen Gesellschaft)
Bekannt ist, dass der Komponist Leoš Janáček die Aufnahmen wiederholt abspielt und studiert hat. Dazu Jarmila Procházková:

„Er hat sie zu oft abgespielt. Das ist gewissermaßen der Ursprung der Probleme. Denn eben bei seinen Lieblingsaufnahmen wurde das Wachs durch die wiederholte Nutzung abgetragen. Die Aufnahmen, die er am liebsten mochte, sind heute am stärksten beschädigt.“

Trotz der technischen Probleme handelt es sich um einzigartige Dokumente, die als Ganzes zum ersten Mal veröffentlicht werden. Interessant ist auch, dass auf einigen Aufnahmen die Stimme von Janáček selbst erklingt, als er den Sängerinnen Ratschläge erteilt.