Museum für Gastronomie: Von der Feuerstätte zum Gasherd

Foto: Alan Pajer, Archiv des Museums für Gastronomie

Vor ein paar Monaten wurde in Prag ein Museum eröffnet, das in ganz Tschechien einzigartig ist. Das Museum für Gastronomie zieht nicht nur Hobbyköche an, sondern auch alle, die mehr über die Geschichte der Kochkunst erfahren möchten.

Foto: Tschechisches Fernsehen
Das frisch renovierte Haus in der Straße Jakubská in der Prager Altstadt unterscheidet sich von den Nachbarhäusern durch seine braunrote Fassade. Seit dem Frühjahr ist in den historischen Räumlichkeiten das Museum für Gastronomie untergebracht. Die Kochkunst habe mit dem Haus schon vor 600 Jahren in Verbindung gestanden, erzählt die Begründerin und Kuratorin des Museums, Nina Provaan Smetanová:

Ladislav Provaan und Nina Provaan-Smetanová (Foto: Jiří Nedvěd, Archiv des Museums für Gastronomie)
„Wir vom Museum nehmen an, dass hier in der Zeit des böhmischen Königs Wenzel IV. sogar sein Koch gewohnt hat. Darum hat mich dieser Ort irgendwie fasziniert. Die erste schriftliche Erwähnung über das Haus stammt aus dem Jahr 1401. In dem Dokument geht es um eine Bemerkung über den Verkauf des Hauses. Jahrhunderte später gab es hier nur Lagerräume und zuletzt war hier ein Restaurant untergebracht. Vor etwa zwei Jahren habe ich mit meinem Mann, der von Beruf Bühnenbildner ist, angefangen, das Haus in Stand zu setzen. Wir bemühten uns darum, dass es wieder so aussieht, wie im 18. bis 19. Jahrhundert.“

Mit der Führung durch das Museum beginnt Nina Provaan-Smetanová gleich links neben dem Eingang. Die Dauerausstellung über die Geschichte der Kochkunst fängt mit einer prähistorischen Feuerstätte an:

Foto: Archiv des Museums für Gastronomie
„Die Menschen haben damals das Feuer zwar schon gekannt, aber haben die Lebensmittel weder gekocht noch gebraten, sondern sie roh gegessen. Wahrscheinlich hat es ihnen geschmeckt, denn man sagt, dass dem Menschen das schmeckt, woran er gewöhnt ist. Später fingen die Menschen an, ihr Essen zu kochen, aber noch ohne Töpfe. Sie haben das Essen in einer Grube gedünstet oder an einem Spieß gebraten. Für die Zubereitung der Gerichte brauchten unsere Vorfahren mehrere Stunden. Es handelte sich eigentlich um das heutzutage populäre ´langsame Kochen´. Dank den Archäologen wissen wir, dass es damals auch süße Gerichte gab, die aus Honig zubereitet wurden. In der Jungsteinzeit wurden Gerichte bereits in Behältern aus Ton auf einer zentralen Feuerstätte zubereitet. Die Behälter, in denen gekocht wurde, mussten mit Wasser gefüllt werden, sonst drohte die Gefahr, dass sie auf dem Feuer platzen.“

Foto: Alan Pajer, Archiv des Museums für Gastronomie
Von den verschiedenen Feuerstätten geht es weiter in die so genannte Rauchküche oder Rauchstube, in der im Mittelalter auf offenem Feuer ohne Kamin gekocht wurde. Der Rauch zog entweder durch Löcher in den Wänden oder durch das Dach. Eine Illustration aus der so genannten „Velislav-Bibel“ bildet eine Rauchstube ab. Über die Küchen aus der Renaissance-Zeit geht es dann im Museum weiter bis in das 17. Jahrhundert. Die Kuratorin macht auf ein Bild aufmerksam, das aus dem Werk Orbis pictus von Comenius stammt:

„Zu sehen sind hier die Geräte, die damals ein Koch benutzte. Es ist ein herrliches Bild. Wir haben alle in der Schule Comenius und sein Orbis pictus durchgenommen, aber niemand hat uns diese schöne Illustration gezeigt. Wer von den Besuchern Zeit und Lust hat, kann auf dem Bild Bezeichnungen aller Gegenstände finden, die es um 1650 in der Küche gab.“

Foto: Martina Schneibergová
Eine Auswahl von Öfen befindet sich in den nächsten Räumlichkeiten. In einer Biedermeier-Küche sind Porzellan und weiteres Geschirr ausgestellt, das im Haushalt genutzt wurde. Die Kuratorin macht auf einige alte Gasherde aufmerksam:

„Gasherde gab es früher als elektrische Herde. Dieser Herd aus Gusseisen stammt aus dem Jahr 1905. Die Leute haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Ausstattung ihrer Küche nicht so schnell ausgewechselt, wie es heutzutage üblich ist. Diesen Ofen, der hier ausgestellt ist, bekam ein Ehepaar als Hochzeitsgeschenk und hat ihn das ganze Leben lang genutzt. Wir haben vom Prager Gaswerkmuseum einige Exponate ausgeliehen. Zu sehen ist hier die Ausstattung der Küchen aus den 1920er bis 1940er Jahren. Es gibt hier sogar einen Toaster aus den 1920er Jahren. Wir haben vor, die Dauerausstellung um weitere Exponate zu ergänzen und hoffen, dass wir noch einige interessante Küchengeräte bekommen.“

Foto: Alan Pajer, Archiv des Museums für Gastronomie
Von den historischen Küchen gelangt man in einen Raum, der als eine Gaststätte aus dem Jahr 1900 eingerichtet ist. Der Zapfhahn stammt aus dem Jahr 1910 und ist funktionsfähig. Hier können sich die Besucher mit der Geschichte des Bierbrauens vertraut machen. Die Kuratorin macht auf eine berühmte Persönlichkeit des Bierbrauens aufmerksam:

„Wir sollten denjenigen nicht vergessen, der den Ruhm des tschechischen Biers gegründet hat: František Poupě galt als ein genialer Bierbrauer. Ende des 18. Jahrhunderts erschien seine Schrift über die Bierbrauerkunst, die er seinen Worten zufolge aus physikalischer und chemischer Sicht beschrieben hat. Wir erinnern hier an ein Zitat von Poupě: Ein gutes Bier soll den Durst löschen, die fehlende Feuchtigkeit im Körper ersetzen, den Menschen ein wenig satt machen und das Verdauen verbessern. Dies kann man in seiner Schrift lesen.“

Foto: Alan Pajer, Archiv des Museums für Gastronomie
Neben der Gaststätte kann man ein kleines Geschäft besichtigen, das wie ein Laden aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet ist. Die Exponate seien aus Bratislava ausgeliehen worden, erzählt die Kuratorin:

„Es handelt sich um Gegenstände aus dem ursprünglichen Tschechoslowakischen Handelsmuseum, das in den 1980er Jahren aus Prag nach Bratislava übersiedelte. Die Besucher interessieren sich meist für diese historischen Werbetafeln. Wir haben vor, hier typische tschechische Lebensmittel vorzustellen – wie beispielsweise die populären Hustenbonbons hašlerky, die nach dem tschechischen Sänger und Komponisten Karel Hašler benannt wurden. Neben dem historischen Laden haben wir einen Weinkeller gestaltet. Hier wird kurz die Geschichte des Weinbaus beschrieben, man erfährt, warum der Wein als Getränk der Götter bezeichnet wird. Dargestellt wird der Prozess der Weinproduktion: Hier sieht man beispielsweise, wie die Trauben gepresst werden. Die Einrichtung des Weinkellers einschließlich der historischen Fässer hat das Museum von einer Winzerfamilie aus Südmähren bekommen.“

Foto: Jiří Nedvěd, Archiv des Museums für Gastronomie
In der ersten Etage des Museums für Gastronomie ist ein Saal namhaften Gastronomen der Welt gewidmet. Man findet dort auch Dauerausstellungen über die Geschichte des Servierens und über die berühmtesten Persönlichkeiten der tschechischen Gastronomie. Die Führung durch das Museum werden wir in einer der nächsten Ausgaben des Spaziergangs durch Prag fortsetzen. Das Museum für Gastronomie in der Jakubská-Straße in der Prager Altstadt ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet.