Nachrichten Sonntag, 11. Juni, 2000

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Von Lothar Martin

Mit Pietätsakt wurde der Opfer von Lidice vor 58 Jahren gedacht

Als ein Symbol dessen, wie es die gesamte tschechische Nation hätte treffen können, bezeichnete der tschechische Regierungschef Milos Zeman die Zerstörung von Lidice vor 58 Jahren. Bei dem am Samstag in Lidice veranstalteten Pietätsakt verwies er darauf, dass die aus der faschistischen Ideologie heraufbeschworene Gefahr noch längst nicht gebannt sei. "Auch heute hören wir, diesmal südlich unsere Grenze, wiederholt Sätze darüber, dass die SS-Leute nette und ehrenwerte Bürger waren. Wir hören immer wieder, dass die von Hitler errichteten Konzentrationslager in Wirklichkeit nur Arbeits- und Umerziehungslager waren," sagte Zeman in offensichtlicher Anspielung auf Äußerungen führender Funktionäre der österreichischen Regierungspartei FPÖ. Der mittelböhmische Ort Lidice wurde am 10. Juni 1942 von den Nazis dem Erdboden gleichgemacht. Als Vorwand diente die angebliche Zusammenarbeit der hiesigen Einwohner mit den Fallschirmspringern, die zuvor das Attentat auf den Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, verübt hatten. Bei der Ausrottungsaktion wurden 102 Häuser niedergebrannt und 173 Männer vor Ort erschossen. Bis auf elf wurden alle Frauen in Konzentrationslager deportiert, während die 82 Kinder des Ortes den grausamen Tod in der Gaskammer fanden. Den 82 Kindern zu Ehren sollte anläßlich des Pietätsaktes ein an ihre Tragödie erinnerndes Denkmal eingeweiht werden, was jedoch noch immer auf seine endgültige Fertigstellung wartet. Daher entschuldigte sich Kulturminister Pavel Dostal vor den Anwesenden auch für den gegenwärtigen Stand des Denkmals und bezeichnete die Vorgehensweise der mit der Errichtung der Statue Beauftragten als eine Schande.

Über 12 500 Exemplare von "Mein Kampf" in Tschechien beschlagnahmt

Die tschechische Polizei hat innerhalb von fünf Tagen mehr als 12 500 Exemplare der tschechischen Ausgabe von "Mein Kampf" beschlagnahmt. Die "Nazi-Bibel" sei in Buchläden, auf Wochenmärkten und bei Vertreibern sicher gestellt worden, sagte Staatsanwalt Josef Stuchlik am Freitag der Nachrichtenagentur CTK. Die Polizei hatte am vergangenen Montag mit der Beschlagnahmung begonnen. Zuvor hatte die tschechische Justiz das Ende März ohne historischen Kommentar erschienene Hitler-Werk als verfassungsfeindlich eingestuft. Die Herausgabe war auch von Bürgerrechtlern und Politikern kritisiert worden.

Urban Rusnak erster Direktor des Wisegrader Fonds

Zum ersten Exekutivdirektor des Sekretariats des Internationalen Wisegrad- Fonds wurde der Slowake Urban Rusnak ernannt. Nachdem die Ministerpräsidenten von Tschechien, Polen, Ungarn und der Slowakei am Freitag auf Schloss Stirin bei Prag durch ihre Unterschrift das Abkommen zur Gründung des Wisegrader Fonds ratifiziert hatten, wurde der bisherige Direktor des Slowakischen Instituts für internationalen Studien in dieses Amt erhoben. Der getroffenen Regelung nach wird Rusnak das Amt drei Jahre lang bekleiden und es danach an einen polnischen Vertreter abtreten. Während des Treffens der Regierungschefs der Staaten der Wisegrader Gruppe in Stirin äußerte der tschechische Premier Milos Zeman zudem die Hoffnung, dass die vier Länder dieser Gruppe innerhalb der nächsten drei Jahre als vollwertige Mitglieder in die Europäischen Union aufgenommen werden.

Vaclav Havels Genesungsprozess macht weiter Fortschritte

Die Ergebnisse der Laboruntersuchungen im Prager Militärkrankenhaus haben am Samstag ergeben, dass der tschechische Präsident Vaclav Havel, der sich hier am Montag einer Operation an der Bauchdecke unterzogen hatte, weiterhin auf dem Wege zu seiner vollen Genesung ist. Das Staatsoberhaupt verbrachte die Nacht vor seinem zweiten Tag auf der normalen Pflegestation erneut in aller Ruhe, teilte der Sprecher der Präsidialkanzlei Martin Krafl am Samstag gegenüber der Nachrichtenagentur CTK mit. Wie Krafl weiter ausführte, seien der österreichische Chirurg Ernst Bodner, der das Operationsteam am Montag geleitet hatte, und zwei seiner Kollegen am Freitag wieder in ihre Heimat zurück gekehrt. Bei eventuell auftretenden Komplikationen während des Heilungsprozesses, sei er aber jederzeit bereit, sofort wieder nach Prag zu kommen, äußerte Bodner.

Umweltminister Tschechiens und Polens vertiefen Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit im grenzüberschreitenden Umweltschutz und das gemeinsame Vorgehen vor und bei der Eingliederung in die Europäische Union - das waren die Hauptthemen, mit denen sich der tschechische und der polnische Umweltminister, Milos Kuzvart und Antoni Tokarczuk, während ihres Treffens am Donnerstag und Freitag im mittelböhmischen Vlasim befassten. Ihre Gespräche fanden im Rahmen der zweiten Tagung der Gemeinsamen tschechisch-polnischen Kommission zu Umweltfragen statt. Wie Kuzvart vor Journalisten ausführte, haben beide Minister zudem ihre Auffassungen über den Nationalpark Riesengebirge, die ständige Überprüfung der Atmosphäre und die Begutachtung des Einflusses von im Grenzgebiet errichteten Bauten auf die hiesigen Umweltbedingungen ausgetauscht.

Euroregion Beskiden wurde ins Leben gerufen

Die Vertreter von in den Beskiden liegenden Ortschaften und Städten der Tschechischen Republik, Polens und der Slowakei haben am Freitag im mährischen Frydek-Mistek einen Vertrag zur Bildung der Euroregion Beskiden unterzeichnet. Durch die Gründung dieser Vereinigung haben die hiesigen Ortschaften unter anderem die Möglichkeit, finanzielle Mittel aus dem Fonds der Europäischen Union zum Beispiel für den Ausbau der Infrastruktur zu erlangen.

Das waren die Meldungen.