Nobelpreisträger

r_2100x1400_radio_praha.png

Von Kathrin Bock.

Am 10. Dezember werden in Stockholm jedes Jahr die Nobelpreise verliehen. Die diesjährige Verleihung soll Anlass für uns sein, einmal einen Blick auf tschechische Preisträger zu werfen bzw. auf Preisträger, die in den Böhmischen Ländern das Licht der Welt erblickten. Derer sind es insgesamt fünf: als erste erhielt 1905 die Pragerin Bertha von Suttner, geborene Kinsky den Friedens-Nobelpreis. Ihr folgte 42 Jahre später das Ehepaar Carl und Gerta Cori. Weitere 12 Jahre später, also 1959, erhielt der Chemiker Jaroslav Heyrovsky einen Nobelpreis. Das letzte Mal wurde 1984 ein Tscheche mit diesem Preis ausgezeichnet: der Dichter Jaroslav Seifert erhielt den Nobelpreis für Literatur. Im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte wollen wir Ihnen diese Nobelpreisträger vorstellen.

Beginnen wir mit Bertha von Suttner. Diese kam am 9. Juni 1843 als Bertha Sofie Felicita Kinsky im Prager Palast der Familie Kinsky auf dem Altstädter Ring zur Welt. Ihre Herkunft war zwar äusserst nobel, doch davon merkte die kleine Bertha nicht soviel. Ihr Vater, Feldmarschall Franz Josef Kinsky, verstarb bereits vor ihrer Geburt im Alter von 75 Jahren. Ihre Mutter war 50 Jahre jünger, entstammte einfacheren Kreisen und wurde aus der Kinsky- Familie ausgestossen. Bertha verbrachte ihre Kindheit zunächst in Prag, als zwöljährige zog sie 1855 zusammen mit ihrer Mutter für einige Jahre in das mährische Brünn, wo sie bei ihrem Vormund, dem Grafen von Fürstenberg wohnte - und eine gute Ausbildung erhielt. Mit ihrer Mutter, die Spielcasinos und Bälle liebte, reiste Bertha Kinsky einige Jahre durch Europa.

Mit 29 Jahren begann Bertha als Gouvernante der Familie von Suttner in Wien zu arbeiten. Diese hatte nicht nur vier Töchter, für deren Ausbildung Bertha eingestellt wurde, sondern auch drei erwachsene Söhne. In den jüngsten, den um sieben Jahre jüngeren Arthur, verliebte sich die Gouvernante. Die Liebe war gegenseitig und als die Mutter dahinterkam, musste Bertha gehen. So kam es, dass sie auf ein Inserat antwortete, in dem ein gutsituierter älterer Herr in Paris eine in mehreren Sprachen bewandte Sekretärin suchte. Bertha Kinsky reiste nach Paris und traf Alfred Nobel, der sich hinter diesem Inserat versteckt hatte. Es folgte wohl eine Romanze zwischen den beiden, doch dann entschied sich Bertha doch für den jüngeren, charmanteren -und mittellosen- Arthur Suttner. Die beiden heirateten 1876 und gingen in eine selbstgewählte Verbannung, da die Familie derer von Suttner das jungvermählte Paar, wie erwartet, verstiess. Neun Jahre verbrachten die Suttners in Georgien und begannen dort, Artikel und Essays für deutsche und österreische Zeitungen zu schreiben. Als sie nach Österreich zurückkamen, war Bertha von Suttner eine allgemein anerkannte Schriftstellerin.

Auch wenn Bertha von Suttner den Rest ihres Lebens in Österreich verbrachte, verbindet sie der Höhepunkt ihrer schriftstellerischen Tätigkeit erneut mit den Böhmischen Ländern. In ihrem 1889 veröffentlichten Antikriegsroman "Die Waffen nieder" beschrieb sie mit grausamer Realität das Schlachtfeld bei Königgrätz, wo 1866 das preussische und österreichische Heer einen blutigen Kampf geführt hatten. Nach der Veröffentlichung dieses Romans engagierte sich Bertha von Suttner in der Friedensbewegung, gründete 1891 die österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde, nahm an internationalen Friedenskongressen teil und setzte sich auf langen Vortragsreisen in Europa und den USA u.a. für die Schaffung eines internationalen Schiedsgerichts ein. Bertha von Suttner soll es gewesen sein, die ihren guten Freund Alfred Nobel zur Einführuung eines Friedenspreises überredet haben soll. 1905 war sie die erste Frau, die diesen Preis erhielt. Am 21. Juni 1914, eine Woche vor dem Attentat von Sarajewo, starb Bertha von Suttner im Alter von 71 Jahren in Wien - den Ersten Weltkrieg, vor dessen Ausbruch sie stets gewarnt hatte, hat sie nicht mehr erlebt.

In Prag zur Welt gekommen sind zwei weitere Nobelpreisträger: das Ehepaar Gerta Theresa und Carl Ferdinand Cori. Carl Ferdinand kam am 5. Dezember 1896 in der Altstadt, Gerta Theresa im selben Jahr am 15. August in der Prager Neustadt zur Welt - beide in deutschen Familien. Die beiden studierten an der deutschen Universität in Prag Medizin und schlossen dort ihr Studium 1920 ab. Zusammen zogen sie 1928 in die USA, wo sie bis zu ihrem Tod lebten. Mit ihrem Geburtsland verband sie nur wenig. Die beiden Mediziner forschten an der Washington-University in St. Louis, wo Carl Professor für Pharmakologie und Biochemie war und Gerta Professorin für Biochemie. Ihr Gebiet war der intermediäre Stoffwechsel. 1947 erhielt das aus Prag stammende Ehepaar Cori den Nobelpreis für Medizin und Physiologie für ihre Arbeiten über den Verlauf des katalytischen Stoffwechsels des Glykogens. Gerta Cori war übrigens die erste Frau, die in dieser Diziplin einen Nobelpreis erhielt. Gerta Cori verstarb bereits 1957, ihr Gatte Carl 1984. Letztes Jahr wurden an ihren Geburtshäusern in Prag Gedenktafeln enthüllt.

Jaroslav Heyrovsky ist der erste Tscheche, der einen Nobelpreis erhielt, und zwar 1959 den für Chemie. Heyrovsky kam am 20. Dezember 1890 in der Prager Altstadt zur Welt - in einer äusserst gebildeten Familie. Sein Vater war Professor für Römisches Recht an der Prager Universität, seine Mutter entstammte einer Professorenfamilie. Der junge Heyrovsky soll sich in seiner Jugend für vieles interessiert haben - Fussball, Musik und Naturwissenschaften. Letztere siegten schliesslich. Da sich Jaroslav Heyrovsky in den Kopf gesetzt hatte, physikalische Chemie zu studieren, ging er nach London, da es dieses Studienfach in den Böhmischen Ländern nicht gab. 1913 beendete er dort seine Studien. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er in Italien eingesetzt war, promovierte Heyrovsky an der Prager Universität. Seine Abschlussprüfung soll einer wissenschaftlichen Disputation geglichen haben, bei der die Professoren ihrem Studenten wohl unterlagen.

1922 wurde der 32jährige Heyrovsky der erste Professor für physikalische Chemie an der Prager Hochschule - weitere Studenten mussten also nicht mehr wie er nach London gehen, wollten sie dieses Fach studieren. Drei Jahre lang forschte Heyrovsky bis er 1925 seine weltbewegende Entdeckung tätigte: er entdeckte eine elektrochemische Analysemethode zur Bestimmung der Bestandteile einer Metallsalz-Lösung, die er Polarographie nannte. Das polarographische Verfahren erleichterte und beschleunigte die Analyse von Lösungen erheblich. Heute können mit Hilfe seines Verfahrens z.B. Schwermetalle im Flusswasser ebenso einfach und schnell festgestellt werden wie die Menge an Vitaminen im Blut eines Patienten.

Doch einige Jahrzehntelang wurde die Bedeutung der Polarographie nicht entdeckt. 1950 wurde in Prag ein polarographisches Institut gegründet, dessen Direktor Heyrovsky bis 1963 war. Hier wurden Polarographen aus aller Welt ausgebildet, da Heyrovsky als die weltweite Koryphäe auf diesem Gebiet galt. 1959 erhielt der Prager Chemiker schliesslich den Nobelpreis für Chemie. Um diesen hatte er einige Zeit bangen müssen, denn damals herrschte der Kalte Krieg. Ein Jahr zuvor war der russische Schriftsteller Boris Pasternak gezwungen worden, den den Nobelpreis für Literatur als "imperialistischen Preis" abzulehnen. Auch in der Tschechoslowakei hätten wohl einige es gerne gesehen, wenn Heyrovsky den Preis nicht entgegengenommen hätte. Doch dieser reiste am 10. Dezember 1959 nach Stockholm, um die Auszeichnung entgegenzunehmen. Die mit dem Preis verbundene Geldsumme wollte Heyrovsky für die Forschung zur Verfügung stellen, durfte aber nicht. In einem sozialistischen Land kümmere sich der Staat genügend um die Forschung, lautete die Begründung - so baute Heyrovsky ein Haus für seine Tochter. Am 27. März 1967 verstarb der Erfinder der Polarographie im Alter von 76 Jahren in Prag.

1984 erhielt der zweite und bislang letzte Tscheche einen Nobelpreis: der Dichter Jaroslav Seifert den für Literatur. Vor 100 Jahren, am 23. September 1901, kam Seifert in einer typischen Arbeiterfamilie des Prager Stadtteils Zizkov zur Welt. Noch vor dem Abitur verliess Seifert die Schule und begann für links eingestellte Zeitungen zu schreiben. 1921 erschienen seine ersten Gedichte, die von dem damaligen revolutionären Gedankengut einer besseren, kommunistischen Welt beeinflusst waren. Seifert war bis 1929 Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der bedeutenden Künstlervereinigung Devetsil.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Seifert weitere Gedichtbände und arbeitete in Zeitschriften. Die Invasion der Warschauer Pakt-Staaten 1968 und das gewaltsame Ende des Prager Frühlings verurteilte der Dichter vehement. Seine Beziehungen zum herrschenden Regime verschlechterten sich, in den 70er Jahren erschienen lediglich Reeditionen älterer Werke. 1977 unterzeichnete Jaroslav Seifert die Charta 77 und war damit endgültig für die herrschenden Kommunisten tabu. Die Auszeichnung aus Schweden sahen die Repräsentanten des Regime sicher nicht mit Begeisterung, war Siefert doch ein Autor, dessen Werke nur im Ausland vollständig erscheinen konnten. Den Nobelpreis konnte der 83jährige nicht mehr selbst entgegennehmen, da er nicht reisen konnte.

Am 10. Januar 1986 starb Seifert. Nach ihm ist heute die Strasse im Prager Stadtteil Zizkov benannt, in der vor hundert Jahren geboren wurden. Das heutige Geschichtskapitel beenden wir mit Versen vom Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1984:

"Den Millionen von Versen auf der ganzen Welt

hab ich nur ein paar Strophen hinzugefügt.

Sie waren nicht viel klüger als das Lied der Grillen.

Das weiss ich. Entschuldigt mich.

Ich ende schon"