Staatsfeiertage oder freie Tage?

Der 1. Mai wie auch der 8. Mai haben auch im tschechischen Kalender festen Platz als offizielle Staatsfeiertage gefunden. Darüber, wie sie gefeiert oder nicht gefeiert werden, hat Jitka Mladkova im folgenden Feuilleton nachgedacht.

Es ist nicht lange her, als zahllose Direktiven der allmächtigen Staatspartei mein Leben sowie auch das meiner Generation faktisch von Kinderschuhen an bis in das mittlere Alter zu steuern hatten. Dies nicht nur im Alltag, sondern auch an manchem Festtag, geschweige denn am Staatsfeiertag. Und so hat es sich auch eingependelt, dass man schon als ABC-Schütze und dann Jahr ein, Jahr aus, jeweils am 1. Mai pflichtgemäß in einem Umzug marschierte - in der ersten Zeit freudig und fröhlich mit einem Fähnchen in der Hand, später mit zunehmendem Unmut wegen der allgegenwärtigen Regimeideologie, und noch später lieber gar nicht. Wenn´s ging, versteht sich! Ähnlich war es auch mit der Wahrnehmung des 9. Mai, der hierzulande jahrzehntelang als Tag der Befreiung durch die Sowjetarmee im 2. Weltkrieg auf eine und dieselbe Weise begangen wurde. Das unermüdliche Eintrichtern der von den Parteiideologen für eigene Zwecke modifizierten historischen Fakten in die Köpfe des Volkes führte weitgehend zum Überdruss.

Nun, mit der sog. Samtenen Revolution 1989 hat sich vieles gewandelt, nicht zuletzt auch die Gestaltung der beiden denkwürdigen Maitage. Der Erste Mai steht zwar nach wie vor als Staatsfeiertag im tschechischen Kalender, wird aber vorzugsweise als Tag der Erholung begangen - sei es auf einer Datscha, auf einem Ausflug oder einfach im Familienkreis.

Einen weiteren, viel mehr arbeitsfreien (Tag) als Staatsfeiertag können die Tschechen am 8. Mai, der als Tag der Kriegsbeendigung den 9. Mai im Kalender ersetzt hat, begehen. Auch dies hat sich mittlerweile so eingependelt. Nun, was hat mich also zum Grübeln über die beiden Maitage bewogen? Zunächst war es die in der Presse laufende Diskussion, die recht provokative Fragen aufgeworfen hat wie etwa "Gibt es da noch was zu feiern?" oder "Wissen wir noch, was gefeiert wird?" Vielmehr aber war es für mich ein Erlebnis aus einer Straßenbahn an einem Tag zwischen dem 1. und dem 8. Mai.

Unter den wenigen Passagieren war eine Frau, die plötzlich ihren ca. zwölfjährigen Sohn oder genauer seine Kenntnisse auf die Probe stellte, indem sie ihn fragte: Weißt du überhaupt was am Ersten Mai gefeiert wurde. Nö, lautete die Antwort des Sprösslings. Die Mutter verharrte aber auf ihrer Frage: Was, du weißt nicht, was das für ein Tag ist - der 1. Mai ? Ein Sextag, knurrte der Sohn schon sichtlich sauer. Die Mutter erwiderte aber, der Sextag sei doch der Valentinstag und machte prompt einen kurzen Exkurs in die Geschichte, in der der 1. Mai als Tag der Arbeit in den Ereignissen um streikende amerikanische Weberinnen seine Wurzeln hat. Anschließend hagelte es wieder Fragen an den Sohn, ob er denn wenigstens wisse, was man am 8. Mai begehen würde. Keine Antwort, der Dialog wurde zum Monolog, genauer zum Verhör: Was ist denn 1945 zu Ende gegangen? Ein Krieg doch! Welcher? Der Zweite Weltkrieg doch? Das hat man euch in der Schule nicht gesagt? Bei dieser Frage musste ich schon aussteigen. Seitdem muss ich nachdenken: über die Frau, über ihren Sohn, über die Staatsfeiertage und damit über uns alle!