Wackliges Konstrukt

Andrej Babiš (Foto: ČTK / Vít Šimánek)
0:00
/
0:00

Die sozialdemokratische Basis hat für eine Koalition ihrer Partei mit der Ano gestimmt. Doch noch ist nicht geklärt, wie diese Regierung funktionieren wird.

Martin Netolický | Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk
Einen guten Monat lang haben die 17.500 sozialdemokratischen Mitglieder in ihren Ortsverbänden Zeit gehabt, um zu entscheiden. Letztlich stimmten 58,5 Prozent von ihnen für ein Bündnis mit der Ano-Partei des Ministerpräsidenten und Multimilliardärs Andrej Babiš. 40,2 Prozent waren dagegen. Auch das geforderte Quorum von einem Viertel der Mitglieder wurde erreicht. Sozialdemokraten-Vize Martin Netolický in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Gut ist, dass über 60 Prozent der Mitglieder am Votum teilgenommen haben. Das zeigt, dass sich die Sozialdemokraten sehr engagieren. Insgesamt halte ich die Befragung für ein erfolgreiches Projekt.“

Doch wie geht es nun weiter? Denn Ano und Sozialdemokraten werden nur 93 Stimmen im 200-köpfigen Abgeordnetenhaus haben. Zumindest bei der obligatorischen Vertrauensfrage im Parlament sollen die Kommunisten helfen. Diesen Weg zur Mehrheitsbeschaffung habe sich Babiš ausgedacht, sagt Netolický. Deswegen müsse sich auch die Partei des Premiers darum kümmern.

Andrej Babiš  (Foto: ČTK / Vít Šimánek)
„Den entsprechenden Vertrag mit den Kommunisten wird die Partei Ano unterschreiben. Premier Babis hat angekündigt, dass er deswegen kleinere Zugeständnisse an die Kommunisten machen will. Wir sind der deutlich kleinere Koalitionspartner. Zwar sind auch Verhandlungen im Dreierformat geplant, doch die Unterschrift unter die Vereinbarung setzt letztlich die Partei Ano“, so der Parteivize.

Die prinzipielle Frage lautet: Wie weit kann die Kooperation mit den Kommunisten denn gehen? Diese haben insgesamt sieben programmatische Forderungen formuliert. Dazu gehören unter anderem höhere Mindestlöhne und Renten, eine Besteuerung der Kirchenrestitutionen oder mehr sozialer Wohnungsbau. Im Vorfeld sorgte aber eine andere Forderung der Dunkelroten für Debatten, und zwar dass Tschechien die Kontingente bei den Auslandseinsätzen der Nato nicht weiter aufstocken sollte. Vor kurzem haben Ano und Sozialdemokraten im Abgeordnetenhaus zusammen mit den konservativen Oppositionsparteien aber eine Aufstockung durchgedrückt. Das könnte bedeuten, dass man wechselnde Mehrheiten suchen wird.

Lubomír Zaorálek  (Foto: ČT24)
Daher hegen aber weiter viele Sozialdemokraten Zweifel am geplanten Regierungskonstrukt. So etwa Ex-Außenminister Lubomír Zaorálek:

„Was hier entsteht, ist keine vollständige Koalition. Es ist nur ein Vertrag zwischen zwei Parteien, die nicht die absolute Mehrheit von 101 Stimmen im Abgeordnetenhaus haben. Das wirft die Frage auf, wie das alles funktionieren soll.“

Bereits geregelt wurde die Aufteilung der Ressorts im Kabinett. Die Sozialdemokraten erhalten demnach fünf Posten, und zwar die Ministerien für Inneres, für Arbeit und Soziales, Landwirtschaft, Kultur sowie das Auswärtige Amt. Den Posten des Außenministers soll der derzeitige Europaabgeordnete Miroslav Poche übernehmen. Staatspräsident Miloš Zeman hat sich aber bereits gegen ihn ausgesprochen.

Miroslav Poche  (Foto: Filip Jandourek,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Herr Poche hat auf deutliche Weise die EU-Flüchtlingsquoten unterstützt. Diese Richtung steht aber im Widerspruch zur außenpolitischen Orientierung der neuen Regierung“, sagte Präsidentensprecher Jiří Ovčáček.

Die Sozialdemokraten beharren indes weiter auf dem passionierten Außenpolitiker. Sie verweisen darauf, dass auch früher schon Regierungsmitglieder gegen den Willen des Präsidenten nominiert wurden. Und man sei in dem Fall sogar zu einer Kraftprobe mit dem Staatsoberhaupt bereit, kündigt Sozialdemokraten-Vize Netolický an:

„Ich persönlich finde, dass in dieser Frage bei anhaltenden Problemen das Verfassungsgericht entscheiden sollte. Ich gehe davon aus, dass Premier Babiš in dem Fall also eine entsprechende Kompetenzklage anstrengt, damit ähnliche Diskussionen ein für alle Mal beendet werden.“

Karla Šlechtová  (Foto: Filip Jandourek,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Ein nicht genanntes Führungsmitglied der Sozialdemokraten sagte jedoch gegenüber der Zeitung „Právo“, man könnte eventuell auch das Außenministerium gegen das Verteidigungsressort tauschen. Das käme auch Premier Babiš zu Gute, da dieser sich so ganz einfach der bisherigen Ressortchefin Karla Šlechtová (parteilos) entledigen könnte. Diese hatte in den vergangenen Wochen keine gute Figur in den Medien gemacht.