Norwegerin in Tschechien: Am Anfang stand Forman

Ellen Runderheim (Foto: Ondřej Tomšů)

Ellen Runderheim lebt im Ort Gol im malerischen Mittelnorwegen. Als Historikerin und Bohemistin kennt sie sich gut mit Literatur und Film aus Tschechien aus. Außerdem hört sie gerne Musik der Underground-Band „Plastic People of the Universe“. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich aber nicht mit der Pop-Kultur, sondern mit Volkstrachten – egal ob diese nun aus Mähren, dem rumänischen Banat oder dem norwegischen Hallingdal stammen. Diese Woche hat Ellen Runderheim unser Funkhaus besucht. Martina Schneibergová hat bei dieser Gelegenheit mit ihr gesprochen. Wie in Skandinavien üblich wurde sich dabei geduzt.

Ellen Runderheim  (Foto: Ondřej Tomšů)
Ellen, was war der Hauptgrund dafür, dass du mit dem Tschechischlernen angefangen hast?

„Ich habe Miloš Formans Film ,Amadeus‘ gesehen und fand Prag sehr beeindruckend. Ich habe mir sehr gewünscht, die Atmosphäre der Stadt zu erleben. Einige Male habe ich Prag besucht, die tschechische Sprache habe ich aber überhaupt nicht verstanden. Damals studierte ich an der Universität in Oslo, wo gerade ein Tschechisch-Kurs angeboten wurde, und so fing ich 1987 an, die Sprache zu lernen. Irgendwann habe ich dann ein Stipendium bekommen, um mein Tschechisch in Prag und Brünn zu verbessern.“

Aber ursprünglich hast du nicht Bohemistik studiert…

“Ich hörte Karel Kryl und Karel Gott die Nationalhymne singen.“

„Ich habe Archäologie, Geschichte und Religionswissenschaft studiert und konnte schon als Lehrerin arbeiten. Mein großer Wunsch war es jedoch, Tschechisch zu studieren. Im Frühjahr 1989 war ich gerade zu einem Studienaufenthalt in Prag. Das war sehr spannend. Zu dieser Zeit habe ich viele gute Freunde kennengelernt, die ich immer wieder gern sehe, wenn ich in Prag bin.“

Karel Kryl und Karel Gott singen die Nationalhymne  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Hast du die Samtene Revolution in Prag erlebt?

„Ja, teilweise schon. Ich war an der Uni in Oslo und hatte noch einige Examen vor mir. Einer meiner Kommilitonen wusste damals über das Geschehen in der Tschechoslowakei vermutlich mehr als ich. Er sagte zu mir: ,Wenn wir jetzt nicht nach Prag aufbrechen, werden wir das unser ganzes Leben lang bereuen.‘ Und so sind wir mit dem Auto hingefahren. Auf dem Wenzelsplatz fand gerade eine große Demonstration statt, ich stand dort und hörte Karel Kryl und Karel Gott die Nationalhymne Kde domov můj singen. Das war unglaublich schön, dieses Erlebnis werde ich nie vergessen.“

Vratislav Brabenec  (Foto: Aloysius,  CC 3.0)
Du hast dich nicht nur für die tschechische Sprache, sondern auch immer für Literatur und Musik interessiert. Hattest du damals die Möglichkeit, außer Kryl einen weiteren Musiker live zu erleben, der im Kommunismus verboten war?

„Ich habe zwar niemals die Band ‚The Plastic People of The Universe‘ live gesehen. Aber als Allen Ginsberg im Mai 1990 Prag besuchte, haben einige Mitglieder der Band für ihn gespielt, Václav Havel war auch dabei. Die Atmosphäre war phantastisch. Einmal habe ich später in einer Prager Bierstube Vratislav Brabenec von den Plastic People getroffen. Ich glaube, dass sich viele Tschechen für Norwegen und das Norwegische interessieren. Brabenec hat auch viel über Norwegen gewusst und war sehr interessiert. Ich erinnere mich daran, dass wir über das Polarlicht gesprochen haben.“

Ich weiß, dass du sehr gut Tschechisch sprichst. Dabei benutzt du die Sprache zu Hause eigentlich kaum. Was machst du, um das Tschechische nicht zu verlernen?

„Ich schaue mir tschechische Filme auf Youtube an, schreibe meinen tschechischen Freunden E-Mails. Und schließlich gucke ich drei- oder viermal in der Woche tschechische Fernsehprogramme.“

Banat im Fotoalbum von Ellen Runderheim  (Foto: Martina Schneibergová)
Du hast inzwischen nicht nur Tschechien, sondern auch die im rumänischen Banat lebende tschechische Minderheit besucht. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

„Ich habe mich schon immer für Landwirtschaft interessiert und habe auch auf den Almhütten in Norwegen gearbeitet. Meine Freunde aus Prag haben mir erzählt, dass in Rumänien eine tschechische Minderheit lebt, die sich dort vor etwa 200 Jahren niedergelassen hat, und dass die Leute dort auf eine sehr bescheidene Art wirtschaften. Zudem hörte ich davon, dass sie noch alte Volkstrachten tragen. Dies hat mich auch sehr interessiert. Ich habe die Tschechen im Banat vor sechs Jahren besucht. Es war wunderbar. Aber man muss dazu sagen, dass die Menschen dort ein wirklich hartes Leben führen.“

Hast du von deinen Erfahrungen aus dem Banat in Norwegen erzählt oder darüber geschrieben?

„Ich habe eine Art Ritual, immer bestimmte Orte in Prag zu besuchen.“

„Ja schon. In Norwegen wird ein Magazin herausgegeben, das sich auf Volkstrachten spezialisiert. Ich habe dort einen Artikel über die Volkstrachten im Banat, in Tschechien und natürlich auch in Norwegen geschrieben. Dabei bin ich darauf eingegangen, wie und bei welchen Gelegenheiten Volkstrachten getragen werden.“

Wie oft warst du überhaupt in Tschechien oder in der Tschechoslowakei?

Ellen Runderheim  (Foto: Ondřej Tomšů)
„Ich bin jetzt zum 35. Mal hier. Zum ersten Mal kam ich 1986 zu Besuch nach Prag. Jedes Jahr bin ich ein- oder zweimal in Tschechien. Ich habe eine Art Ritual, immer bestimmte Orte in Prag zu besuchen. Ich fahre jedes Mal zum Studentenwohnheim Větrník, wo ich einst gewohnt habe, um zu sehen, ob es immer noch steht. Zudem gehe ich oft auf den Friedhof in Břevnov zum Grab des tschechischen Philosophen Jan Patočka. Und nicht zuletzt treffe ich meine alten Freunde.“