„Wir waren unabdinglich“ – Vojtěch Hauser, freiwilliger Flüchtlingshelfer auf dem Balkan
In Deutschland bilden sie das Wort des Jahres: die Flüchtlinge. Auch in Tschechien wurde seit Mai über nichts intensiver diskutiert, als über die Massen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die Hilfe suchen in der EU. Und das obwohl die meisten von ihnen einen Bogen um das Land geschlagen haben. Tatsächlich ist die Aufnahme von Flüchtlingen noch immer bei einer Mehrheit der tschechischen Bevölkerung relativ unbeliebt. Aber es gibt auch andere Meinungen. Der Elektrotechnik-Student Vojtěch Hauser aus Prag beispielsweise hat sich engagiert. Er ist einer der Freiwilligen, die im Herbst auf den Balkan gefahren sind, um dort im Grenzgebiet Ungarns, Serbiens und Kroatiens den ankommenden Flüchtlingen zu helfen. Gegenüber Radio Prag schildert er, was ihn dazu motiviert hat, mit welchen Problemen er vor Ort konfrontiert war und warum auch am Prager Hauptbahnhof geholfen werden muss.
„Der wichtigste Impuls war für mich das Forum 2000, Mitte September in Prag. Dort fanden viele Podiumsdiskussionen und Seminare zu Demokratie und persönlichem Engagement statt. Die Rednermerkten oft an, dass gerade Privatengagement in Europa fehle und dies bereits an der Basis beginne. Dies zu hören war für mich ein starkes Erlebnis. Zwei Tage später saß ich bereits im Auto und war auf dem Weg nach Ungarn. Meine Gedanken drehten sich darum, dass es nicht reicht, einfach nur die Nachrichten zu sehen, sondern dass es sich lohnt, für die Demokratie zu kämpfen – und ich mich in dem Moment dem stellen muss.“
Sie nennen eine Veranstaltung, das Forum 2000, als Ausgangspunkt. Haben Sie denn vorher gar nicht erwogen, sich irgendwie für Flüchtlinge zu engagieren?„Nicht in dem Sinn, dass ich wirklich losgefahren wäre. Ich habe zwar mehrfach für wohltätige Zwecke gespendet, aber es fehlte irgendetwas, das mich richtig verärgert hätte. Zum unmittelbaren Impuls durch das Forum 2000 kam nämlich noch hinzu, wie sich die tschechischen Medien mit der Flüchtlingskrise befasst haben. Ich bin eher an die Weltmedien gewöhnt, zum Bespiel an die BBC, die auch Einzelschicksale von Flüchtlingen schildern und Hörern wie Zuschauern damit einen Einblick gewähren in das, was wirklich vor sich geht. Die Medien in Tschechien hingegen haben sich zu dem Zeitpunkt auf Statistiken beschränkt und auf die Flüchtlinge als Gesamtzahl, die man in Kosten aufgerechnet hat. Das hat mich aufgeregt, und ich fand, dass es so nicht weitergehen kann.“
„Die Freiwilligen mussten die Verantwortung übernehmen.“
Wo waren Sie auf dem Balkan, und was hat Sie dort beeindruckt – in negativer wie in positiver Hinsicht?
„Als ich auf dem Balkan ankam, schloss Ungarn gerade mit einem Zaun seine Grenze. Ich habe also als erstes ein Negativerlebnis gehabt. In der Nacht erreichte ich den serbisch-ungarischen Grenzübergang Horgoš-Röszke, um uns herum schliefen Hunderte Flüchtlinge auf dem Asphalt, dem Beton, im Gras und auch im Dreck. Wo es eben ging. Sie hatten keine Zelte, es war auch niemand da, der sich um sie gekümmert hätte. Auch in den folgenden Tagen änderte sich die Lage nicht. Die Polizei stand auf der anderen Seite der Grenze, die geschlossen war, und bewachte diese. Es schien, dass dies nicht nur Tage, sondern Wochen oder sogar Monate dauern könnte. Es kam niemand zu den Flüchtlingen, um ihnen eine Alternative zu eröffnen – oder zumindest Wasser und Essen zu bringen. Mein Eindruck auch von anderen Orten später war, dass die offiziellen Stellen immer viel zu spät reagiert haben und im Prinzip die Freiwilligen die Verantwortung übernehmen mussten. Auf der anderen Seite ist uns gelungen, später den serbisch-kroatischen Grenzübergang offen zu halten, den Flüchtlingsstrom zu leiten. Auch deswegen kam es dort ab dem Moment, als wir Freiwilligen hinkamen, nicht mehr zu schwereren Verletzungen wie noch zuvor. Auf diese Weise haben wir die Menschen vor Ort dafür gewonnen, uns zu unterstützen. Das war eine unglaublich schöne Erfahrung. Wir sind dann beispielsweise in die Stadt zum Einkaufen gefahren. Wenn wir sagten, dass wir Freiwillige sind, haben wir zehn Prozent der Waren kostenlos dazu erhalten. Die Polizei hat die Lage nicht bewältigt, deswegen waren wir unabdinglich.“
Auf welche Weise haben Sie genau den Flüchtlingen geholfen, und woher kamen die Hilfsgüter?„In meinem Fall muss ich differenzieren. An der serbisch-ungarischen Grenze haben wir den Flüchtlingen wirklich nur die allernötigsten Dinge zukommen lassen: Essen und Trinken. Wir haben in den großen Flüchtlingsgruppen jene Menschen herausgesucht, die besonders Hilfe brauchten wie schwangere Frauen, kleine Kinder. Und wir haben Familien, deren Mitglieder sich in dem Pulk verloren hatten, wieder zusammengeführt. Zudem mussten wir ihnen die Lage erklären, viele der Ankommenden wussten überhaupt nicht, was sie an der Grenze erwartet. Von offizieller Seite wurde ihnen nur wenig erklärt, zum Teil scheiterte dies auch an den Sprachproblemen. Eine unserer wichtigsten Tätigkeiten wurde daher, die Informationen zu sammeln und den Flüchtlingen zu vermitteln. Dadurch konnten wir erreichen, dass sie ruhig blieben. An der serbisch-kroatischen Grenze ging es darum, den Flüchtlingen den Weg zu zeigen. Dort war ein rund zwei Kilometer langer Fußmarsch nötig, währenddessen haben wir ihnen die Lage geschildert und sie ebenfalls mit Essen und Trinken versorgt sowie mit Kleidung und Schuhen. Zudem haben die Ärzte ohne Grenzen medizinische Dienste geleistet. Des Weiteren waren dort mehrere serbische Hilfsorganisationen engagiert, unter der Leitung des UN-Flüchtlingskommissariats.“
Wie regeln die Freiwilligen aus Tschechien und aus anderen Ländern eigentlich das Problem mit der Sprachbarriere?„Überraschenderweise waren die meisten Freiwilligen auf serbischer Seite aus Tschechien oder aus der Slowakei. In dem Fall war die Verständigung natürlich einfach. Ansonsten sind wir eben zu Englisch gewechselt, gerade bei offiziellen Treffen und auch bei der Kommunikation mit den Koordinatoren der Hilfsorganisationen. Falls es mal hakte, hat sich immer ein Übersetzer gefunden. Und bei den Flüchtlingen war der Vorteil, dass es so viele waren. Das scheint widersinnig, aber es fand sich dadurch immer jemand, der Englisch sprach und zum Beispiel ins Farsi übersetzen konnte. Häufig sind diese Leute dann länger geblieben und haben uns für mehrere Tage bei der Verständigung geholfen. Das war auch dringend nötig in den Momenten, als sich einige Dutzend Freiwillige um mehrere Tausend Flüchtlinge kümmern mussten. So konnte Ruhe bewahrt werden, Ordnung und Sicherheit. Der Wert der Übersetzer war riesig.“
Am Staatsfeiertag hat sich Premier Bohuslav Sobotka mit Freiwilligen getroffen. Halten Sie das für eine Geste, oder können Sie dem mehr abgewinnen?
„Sobotka hat gezeigt, dass wir keine Vaterlandsverräter sind.“
„Ich sehe dahinter, ehrlich gesagt, etwas mehr. Vielleicht ist dies auch nur ein frommer Wunsch, Premier Sobotkas Gedanken kann ich ja schwerlich lesen. Während unserer Arbeit an der serbischen Grenze haben wir gehofft, dass sich irgendein bedeutender tschechischer Politiker mal hinter uns stellt. Etwa nach einem Monat kam die tschechische Konsulin in Serbien zu Besuch, später auch die Botschafterin. Aber weiter schien es uns, dass sich auf Regierungsebene niemand wirklich interessiert. Deswegen war es eine besondere Freude, dass Premier Sobotka gerade am Staatsfeiertag Zeit gefunden hat, nicht nur mit Freiwilligen zu sprechen, sondern sich in öffentlicher Form hinter uns zu stellen. Damit hat er gezeigt, dass wir nicht irgendwelche Vaterlandsverräter sind und Flüchtlinge nach Europa lotsen, sondern notwendiges Engagement zeigen. Und Sobotka hat sich damit eher in eine schwierige Lage manövriert, angesichts der Überzeugungen vieler tschechischer Politiker. Ich halte dies politisch für einen mutigen Schritt.“
Freiwillige helfen ja nicht nur auf dem Balkan, sondern auch am Prager Hauptbahnhof. Warum ist das nötig, wenn die Flüchtlinge doch gar nicht in Tschechien bleiben?„Auf dem Hauptbahnhof geht es darum, die Folgen eines besonderen Problems der tschechischen Flüchtlingspolitik zu lösen. Und zwar wird den Flüchtlingen in den tschechischen Internierungseinrichtungen das Geld für die Weiterreise abgenommen. Das heißt, wenn sie entlassen werden, erhalten sie zwar vom tschechischen Staat etwas Geld. Aber das reicht nur für die Fahrt nach Prag. Die Freiwilligen suchen also unter jenen Menschen, die aus den Zügen steigen, die Flüchtlinge heraus. Sie erklären ihnen dann, was sie weiter tun müssen, unter Umständen kaufen sie ihnen die Anschlussfahrkarte etwa nach Deutschland. Die Kosten für die Fahrkarten werden auf umständliche Art vom Innenministerium erstattet. Falls am selben Tag kein Zug mehr nach Deutschland fährt, stellen einige Freiwillige auch Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung. Wir haben eine relativ große Datensammlung solcher Angebote. Zudem ist unter den Freiwilligen auch ein Taxifahrer, ein weiterer betreibt eine Hotelkette. Diese Art von Hilfe ist ebenfalls sehr wichtig. Andernfalls droht, dass die Flüchtlinge irgendwo in Prag verloren gehen. Denn es gibt eigentlich keinen wirklich legalen Weg für sie weiterzureisen, und wenn sie nicht ausdrücklich hier im Land bleiben wollen, wäre es die bizarrste Art, sich strafbar zu machen und in Haft zu kommen.“
Sie sind auch bei den Demonstrationen zur Solidarität mit Flüchtlingen mitmarschiert. Die meist zeitgleich stattfindenden Kundgebungen des Blocks gegen den Islam versammeln regelmäßig aber zwei- oder dreimal mehr Menschen. Beunruhigt Sie das?
„Wir sind in der Minderheit, wir stehen unter großem Druck.“
„Am 17. November gab es Demonstrationen gegen und für die Aufnahme von Flüchtlingen in Prag. Auch mein Eindruck war, dass die anderen einfach mehr waren. Das macht mir durchaus Sorgen. Ich beobachte auch meine Umgebung und weiß, dass wir in der Minderheit sind. Für uns Freiwillige hat das Auswirkungen, wir stehen unter relativ großem Druck. Unsere Koordinatoren erhalten zum Beispiel regelmäßig Drohmails.“
Das klingt ziemlich pessimistisch. Vielleicht können Sie aber ein bisschen von Ihren Eindrücken schildern, wenn Sie mit Leuten reden, die sich noch nicht für Flüchtlinge engagiert haben, die das Thema noch nicht sonderlich berührt hat. Welche Reaktionen erhalten Sie dabei?„Die Reaktionen haben sich in gewisser Weise entwickelt. Anfang des Herbstes schien das Engagement auf dem Balkan vielen sehr weit entfernt zu sein. Dann sind die ersten Freiwilligen zurückgekommen und haben in Schulen an Diskussionsrunden teilgenommen. Seitdem ist die Zahl jener stark gestiegen, die auch gerne auf irgendeine Weise helfen würden. Nicht viele können einfach für ein oder zwei Wochen wegfahren, aber immer mehr Freiwillige helfen zum Beispiel für kurze Zeit am Hauptbahnhof. Ebenso gehören dazu jene Freiwilligen, die in Griechenland helfen. Zusammengerechnet haben schon rund 2000 Tschechinnen und Tschechen Flüchtlingshilfe auf dem Balkan geleistet. Das ist keine so geringe Zahl mehr. Jeden Tag gibt es in Prag irgendwo eine Diskussionsrunde, einen Vortrag oder eine Diashow von solchen Freiwilligen. Und es gehen dort nicht immer dieselben Leute hin. So entsteht langsam eine alternative Sichtweise. Und es gibt Reaktionen: Wir sind auch in den Medien mittlerweile präsent. Vielleicht kann das auch für andere ein Impuls sein, wie es für mich das Forum 2000 war, so dass sie sich für ein Engagement entscheiden.“







