Kinder pflanzen Bäume – Bürgerinitiativen erneuern Alleen in Tschechien
Viele alte Alleen sind in den vergangenen Jahren in Tschechien verschwunden. Die Bäume wurden gefällt, um Landstraßen ausbauen und die Verkehrssicherheit erhöhen zu können. Nicht alle Menschen wollen diese Entwicklung aber einfach so hinnehmen: Zahlreiche Bürgerinitiativen setzen sich für die Erhaltung von Alleen ein und für das Pflanzen neuer Bäume an entlang der Straßen. Der Verein „Česká krajina“ (Böhmische Kulturlandschaft) kooperiert für dieses Ziel auch mit Schulen.
Biologie in der Praxis: Die Kinder ziehen Setzlinge selbst
Kaum hatte der Verein seine Absicht veröffentlicht, meldeten sich mehrere Kindergärten und Schulen, die sich beteiligen wollten. 200 Kinder sind es nun, die verschiedene Aufgaben rund um das Baumpflanzen übernehmen. Und auch noch weitere können sich anschließen. Das Projekt bekam zudem den Segen der Stadtverwaltung, sie übernimmt die Schirmherrschaft und hat bereits einen Ort für eine neue Allee ausgewählt. Dabei geht es nicht bloß darum, irgendwelches Grün zu pflanzen: Das Ziel ist hingegen, die Samen wertvoller Bäume der Gegend zu gewinnen und davon Setzlinge zu ziehen. Es handelt sich nämlich meist um besonders alte, meist mehrere Hundert Jahre alte Bäume. Das Projekt von „Česká krajina“ ist also auf längere Zeit angelegt:„Die Kinder setzen die Samen zu einem Teil direkt an die Stelle, wo die neue Allee entstehen soll, und beobachten dann, wie die Bäumchen aus der Erde wachsen. Dabei müssen die Kinder die Bäumchen mit einem Zaun oder einer Folie vor Wildverbiss schützen und gelegentlich auch gießen. Natürlich muss man damit rechnen, dass einige der Setzlinge keine Wurzeln schlagen oder später absterben. Die Kinder setzen daher den anderen Teil der Samen in Blumentöpfe und pflegen sie in ihrem Kindergarten oder in ihrer Schule. Diese Setzlinge lassen sich dann als Ersatz in die neu angelegte Allee pflanzen“, sagt Dalibor Dostál. Das Projekt soll aber nicht auf Kutná hora / Kuttenberg beschränkt sein. Beteiligt sind nämlich Kindergärten und Schulen aus ganz Tschechien. Das Interesse sei groß, aber die Umsetzung brauche eine kompetente Führung, auch weil Grundregeln eingehalten werden müssten, so der Ökologe:„Für die Schulen ist es notwendig, den Kontakt zu einem Experten aufzunehmen. Dieser kann zum Beispiel dabei helfen herauszufinden, welche Bäume tatsächlich in der Region heimisch sind. Das müssen nicht unbedingt die schönsten oder die ältesten Bäume sein, aber die Arten sollten aus der Region stammen. Im Herbst sammeln die Kinder die Samen der Bäume, sortieren sie nach Arten, und im Frühling legen sie mit den Samen eine Baumreihe an. In keinem Fall möchten wir aber, dass sich fremde oder exotische Bäume weiter verbreiten.“
Eiche, Esche und Weißdorn – Allee der Elfen
Die bevorzugten Baumarten sind daher Eiche, Esche und Weißdorn, wobei Eichen überwiegen sollen. Diese Auswahl hat nicht nur einen botanischen, sondern auch einen kulturellen Hintergrund: Wo diese Bäume nebeneinander wachsen, leben einer keltischen Legende nach Elfen, die die Menschen beschützen. Diese Legende soll die Kinder und ihre Lehrer zum Spiel mit der Phantasie anregen. Denn eine solche Allee darf dann den Titel „Allee der Elfen“ tragen. Darüber hinaus gelten zum Beispiel auch Buche, Hainbuche oder Ahorn als empfehlenswert. Seine Inspiration bezieht das Projekt auch aus Tolkiens „Herr der Ringe“, in der berühmten Trilogie gilt die Zerstörung von Bäumen als Symbol des Bösen. Eine weitere Anregung war das ebenso berühmte Buch „Der Mann, der Bäume pflanzte“ vom französischen Schriftsteller Jean Giono. Um die Welt wieder schöner zu machen, forstet ein Mann Tag für Tag und über Jahrzehnte hinweg eine karge Gegend wieder auf. Dadurch schafft er es tatsächlich, vielen Menschen ein Stück Lebensfreude zu schenken.Das Projekt von „Česká krajina“ ist aber nicht das einzige seiner Art in Tschechien. Einige Alleen entstehen auch durch Privatinitiative. Eine solche befindet sich um einen Teich herum im schlesischen Polanka nad Odrou, am Rande der Industriestadt Ostrava / Ostrau. Karel Sýkora hat die Baumreihe angelegt und nach zwei früheren Politikern benannt: Antonín Švehla und Gustav Habermann:
„Antonín Švehla und Gustav Habermann waren ausgezeichnete Politiker der Zwischenkriegszeit. Švehla war anerkannter Chef der Agrarier, Habermann der erste Schulminister. Beide waren bereits während der k. u. k. Monarchie politisch aktiv gewesen und haben sich um die Entstehung der Tschechoslowakei verdient gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg, als in Polanka ein Kriegerdenkmal aufgestellt wurde, war ursprünglich auch beabsichtigt gewesen, zwei Linden zur Ehre dieser beiden Politiker zu pflanzen. Dazu kann es aber nicht. Die nächste Gelegenheit ergab sich erst 2013, als der 140. Geburtstag von Antonín Švehla gefeiert wurde. Damals entschloss ich mich, das alte Vorhaben aufzugreifen und die Allee nach Švehla und Habermann zu benennen.“Baumpflanzen für die Kinder
Mancherorts ist das Anlegen von Alleen bereits zu einer neuen Tradition geworden. So zum Beispiel in Pelhřimov auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. Jeden Oktober versammeln sich die Eltern neu geborener Kinder an einem der aus der Stadt hinausführenden Feldwege, um für die Babys Bäume zu setzen. Dadurch entsteht jedes Jahr eine neue Allee, jeweils mit einer anderen Baumart. Dieses Jahr ist die bisher längste entstanden, sie besteht aus insgesamt 42 Setzlingen. Und mittlerweile helfen auch Kinder beim Setzen mit, für die früher bereits ein Baum in einer Allee gepflanzt worden ist.Ein Papa hat seinen älteren Sohn mitgebracht. Er freut sich schon auf künftige Spaziergänge mit seinen Kindern entlang der Allee. Denn dabei könnten diese dann auch naschen, schließlich wurden Kirschbäume gepflanzt.
An jeder neuen Allee bei Pelhřimov steht eine Tafel, auf dieser wird das Entstehungsjahr genannt, und es werden Besonderheiten beschrieben. Auf der neuesten Tafel sind auch alte Fotos abgebildet. Sie beweisen, dass entlang des Feldwegs schon früher Kirschbäume gestanden sind, bevor sie gefällt wurden.Das Interesse der Tschechen an Alleen ist zudem durch eine Umfrage geweckt, die jedes Jahr nach der schönsten Baumreihe fragt. Jeder kann seine beliebteste Allee nominieren. Es reicht aber nicht, ein Foto von der betreffenden Allee auf dem entsprechenden Internetportal hochzuladen. Man muss auch die Geschichte fesselnd beschreiben, was manchmal mit gewissen Mühen verbunden ist. Die Teilnehmer der Umfrage nominieren oft Alleen, die aus verschiedenen Gründen gefällt werden sollen. Mehrmals hat eben diese bedrohte Allee dann gewonnen. Und die verantwortlichen Beamten mussten in der Folge ihre Pläne zurücknehmen.







