Süßes nur samstags?

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Die Gesundheit der jungen Generation steht auch in Schweden ganz oben auf der Prioritätenliste. Dennoch leiden immer mehr schwedische Kinder unter Fettleibigkeit und schlechten Zähnen. Daran hat auch eine Initiative nichts geändert, die bereits vor vierzig Jahren eingeführt wurde: "Lördagsgodis" - Samstagssüßigkeiten. Kinder sollten Süßes nur noch einmal in der Woche bekommen. Alexander Schmidt-Hirschfelder hat sich in Stockholm danach umgesehen, was von dem Brauch übrig geblieben ist.

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Die vierjährige Lotta bekommt immer, was sie will. Auch unter der Woche. Und Lotta will vor allem eins: Godis. Süßigkeiten sind für das stämmige junge Mädchen mit den glatten, blonden Haaren ein fester Bestandteil der täglichen Nahrung.

Nach Ansicht von Elisabeth Gertell, Chefin einer Stockholmer Zahnklinik, sind die meisten Eltern zwar bemüht, den Godis-Konsum ihrer Kinder zu regulieren, aber:

"Das ist schwer. Wenn ich mit meinen drei Kindern im Supermarkt bin, habe ich das gleiche Problem. An der Kasse liegen die Süßigkeiten in Augenhöhe der Kinder. Und die wollen immer Süßes, sobald sie einmal Geschmack daran gefunden haben."

Aber nicht nur an der Kasse, vor allem an den meterlangen Süßigkeitsregalen kommen die Kinder auf den Geschmack. Aus Dutzenden von Fächern können kleine und große Kunden zwischen neongelben Geleebananen, weißem Schaumgummi oder zellophanverpackten Bonbons wählen. Die Schweden gelten eben seit jeher als Naschkatzen. Kein Wunder, dass Karies und

Fettleibigkeit im Wohlfahrtsstaat schon seit langer Zeit ein Problem sind. Doch das Land, das sich frühzeitig auf die Fahne geschrieben hat, das Wort Volksfürsorge ernst zu nehmen, ersann einen Ausweg. Damit sich wenigstens die Kinder gesund ernähren, wurden in den sechziger Jahren die so genannten Lördagsgodis eingeführt - also Süßes nur samstags.

Eine Zeitlang fruchtete diese Kampagne des staatlichen Instituts für Volksgesundheit. Spätestens, wenn sich ganze Trauben von Kindern vor den Bonbonregalen tummelten, wusste man, dass wieder Samstag ist. Doch der Trend ebbte ab. Wer heute an einem Samstag vor den langen Süßwarenregalen steht, findet dort nicht mehr Kinder vor als sonst.

Schwedens Kinder dürfen offenbar wieder genießen, wann sie wollen. Und das tun sie in gehörigem Maße - zur Freude der Süßwarenindustrie und zum Ärger der Krankenkassen, wie Elisabeth Gertell beklagt:

"Das ist ein brandaktuelles Thema. Sie brauchen nur die Zeitung aufzuschlagen, dann sehen Sie, wie stark unser Gesundheitssystem belastet ist. Die Leute ernähren sich allgemein schlecht. Godis sind da nicht das einzige Problem. Aber natürlich sind es gerade die zuckerhaltigen Nahrungsmittel, die dem Körper schaden."

Der übermäßige Konsum von Süßigkeiten ist nicht das Problem, sondern nur ein Symptom, behaupten wiederum die Verhaltensforscher. Denn Schwedens Eltern nehmen sich einfach zu wenig Zeit für ihre Kinder, meinen sie. In einem Land mit niedrigeren Löhnen als in Deutschland sind oftmals beide Elternteile gezwungen zu arbeiten. Entsprechend knapp ist die Zeit für den Nachwuchs. Nach dem Kindergarten oder nach der Schule sitzen viele heranwachsende Schweden allabendlich stundenlang vor dem Fernseher und schauen Schwedens Sesamstraße "Bolibompa". Dabei schaufeln sie Kiloweise ungesundes Gummizeug in sich hinein.

Süßes als Liebesersatz. Das sei zwar kein typisch schwedisches Problem, wehrt Zahnärztin Elisabeth Gertell ab, räumt allerdings ein:

"Alle Länder haben unterschiedliche Geschmäcker. Und wir Schweden konsumieren eben in großem Maße Süßigkeiten. Ein Problem ist, dass manche Schulkantinen regelrecht zu Konditoreien umfunktioniert sind. Die Kinder kaufen dort eher süßes Zeug als gesundes Essen. Und die Verantwortung dafür tragen wir Erwachsene."

Vom wackeren Prinzip der Lördagsgodis von einst ist nicht mehr viel übrig. Der Begriff hat sich ins Gegenteil verkehrt. Bedeutete er früher noch, dass die jungen Schweden nur am Samstag Süßigkeiten kriegen, so gibt es nun am Wochenende besonders viel Ungesundes.