Das Papiermodell des alten Prag und sein Schöpfer Anton Langweil

Fassaden der Häuser auf dem Altstädter Ring

Es ist das bekannteste Exponat des Prager Stadtmuseum: das sogenannte Langweil-Modell. Wenn das Museum im Frühsommer nach fünf Jahren Sanierung wiedereröffnet, kehrt auch das Kunstwerk von Anton Langweil zurück. Doch das Modell des alten Prag vom Beginn des 19. Jahrhunderts soll auf neue Weise gezeigt werden.

Museum der Hauptstadt Prag – so lautet der offizielle Name jener Institution, in der die Besucher alles über die Geschichte der Stadt erfahren können und zudem zahlreiche kunsthistorische Schätze gezeigt bekommen. Das Hauptgebäude wird seit dem Jahr 2000 saniert. Es soll im Frühsommer wieder seine Pforten öffnen.

Selbstbildnis von Antonín Langweil  (1835) | Foto: e-Sbírky,  Národní muzeum - Historické muzeum,  CC BY 4.0 DEED

Dann wird auch das berühmte Modell Prags von Anton Langweil wieder zu sehen sein. Es ist aus Papier gefertigt, 20 Quadratmeter groß und zeigt die Stadt, wie sie in den 1820er und 1830er Jahren ausgesehen hat. Die Historikerin Kateřina Bečková kümmert sich im Stadtmuseum seit 35 Jahren um das Langweil-Modell. Sie ist die Spezialistin für das Exponat und seinen Schöpfer. Im Interview für Radio Prag International sagt sie:

„Das Modell wird ab der Wiedereröffnung des Museumsgebäudes in einer ganz neuen Umgebung zu sehen sein. Es wird dafür in mehrere Einzelteile zerlegt. Das ist eine Besonderheit, denn normalerweise sind die insgesamt 56 Teile zu einem einzigen großen Exponat zusammengefügt. Allerdings kann man dann kaum die Details erkennen, weil das Exponat so groß ist. Dabei ist das Modell vor allem deswegen so einzigartig, weil die Häuser absolut genau so gestaltet wurden, wie sie im Prag vor 200 Jahren ausgesehen haben.“

Kateřina Bečková | Foto: Juan Pablo Bertazza,  Radio Prague International

Konkret sind die Prager Altstadt, die Kleinseite und das Burgviertel dargestellt, und zwar im Maßstab 1:480. Diese Stadtansicht wird nun auf elf Vitrinen aufgeteilt.

Bečková betont, dass das Modell sowohl einen unschätzbaren historiographischen Wert habe, als auch einen künstlerischen.

„Das hängt damit zusammen, dass sein Schöpfer Anton Langweil eigentlich gerne Künstler sein wollte. Er wollte zeichnen, malen und Graphiken anfertigen. Doch er hatte nicht das entsprechende Talent, um sich als Maler durchzusetzen und davon ernähren zu können. Deswegen suchte er nach einer Methode, um sich künstlerisch auszudrücken. Und er fand diese Disziplin des Modellbaus. In dieser war er vielleicht einer unter einer Million Menschen, der so etwas überhaupt zu leisten imstande ist. Denn dafür musste man nicht nur geschickte Hände haben, sondern auch die Häuser genau ausmessen können. Schließlich gab es damals noch keine Fotoapparate“, so die Kuratorin.

Das heiße, Langweil müsse in jedes einzelne Haus gegangen sein und vor Ort genaue Zeichnungen und Pläne angefertigt haben, ergänzt sie.

Prager Loreta | Foto: Jan Vrabec,  Museum der Hauptstadt Prag

Bibliotheksdiener mit künstlerischer Ader

Doch wer war eigentlich dieser Anton Langweil, dessen Vorname hierzulande auf Tschechisch Antonín heißt? Er kam 1791 in der Familie eines Brauers zur Welt, der bei der Adelsfamilie Schwarzenberg in Anstellung war, und zwar im nordböhmischen Postoloprty / Postelberg. Noch im Jahr von Antons Geburt starb der Vater. Die Mutter siedelte daraufhin mit den Kindern nach Český Krumlov / Krumau in Südböhmen um. Dort besuchte Anton zunächst das Gymnasium. Später ging er auf die örtliche Wirtschaftsfachschule der Schwarzenbergs. Laut den Ausführungen von Kateřina Bečková in einem Interview für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks im Jahr 2020 muss die Familie deutschsprachig gewesen sein. Denn Anton Langweil lernte erst während seiner Ausbildung so richtig Tschechisch, wie aus Belegen für den Kauf einer tschechischen Grammatik und für weitere entsprechende Anschaffungen hervorgeht.

In der Wirtschaftsschule seien jede Menge praktische Fächer unterrichtet worden, sagt die Historikerin:

Altstädter Ring | Foto: Jan Vrabec,  Museum der Hauptstadt Prag

„Vor vielen Jahren war ich dort im Archiv und habe auch Langweils Zeugnisse aus der Zeit eingesehen. Den Schülern wurde zum Beispiel Geometrie beigebracht, aber auch die Konstruktion von Wirtschaftsbauten. Ebenso wurde Anton in Tiermedizin ausgebildet, was er aber für die Anfertigung seines Modells nicht gebraucht hat, sowie in vielen weiteren Dingen.“

Nach seiner Ausbildung trat Anton Langweil in die Dienste der Schwarzenbergs ein. 1818 versuchte er jedoch sein Glück an der Kunstakademie in Wien. Allerdings stellte er nur wenig später einen Antrag darauf, eine Steindruckerei in Krumau zu betreiben.

„Er eröffnete auch tatsächlich eine solche Druckerei, erhielt aber letztlich keine Erlaubnis der Behörden für Krumau. Denn Österreich war damals ein totalitärer Staat mit Zensur. Die Möglichkeit bestand jedoch in Prag, wo Langweil deswegen auch hinzog. Damals war er bereits verheiratet, und das Paar hatte schon ein erstes Kind. Am Altstädter Ring eröffnete er eine Steindruckerei in einem jener Häuser, die dort heute nicht mehr stehen. Allerdings scheiterte auch dies an einem Problem. Um ein Gewerbe wie die Lithografie betreiben zu dürfen, musste er ein Haus in der Stadt besitzen, um die vollen Rechte als Bürger zu haben. Doch Langweil hatte nicht genügend Geld, um gleich ein Haus zu kaufen. Ich weiß nicht, warum er das nicht gewusst hat. Jedenfalls erhob er Einspruch gegen das Verbot seiner Druckerei, und ihm wurde ein Jahr Zeit gegeben“, so Kateřina Bečková.

Prager Burg mit dem noch unvollendeten Veitsdom | Foto: Jan Vrabec,  Museum der Hauptstadt Prag

Aber auch nach Ablauf der Frist hatte Anton Langweil nicht genügend finanzielle Mittel für einen Hauskauf. Letztlich musste er seine Druckerei also aufgeben. Ab 1822 war er dann an der Universitätsbibliothek als sogenannter Bibliotheksdiener angestellt.

„In dieser Funktion hat er zum Beispiel neue Bücher katalogisiert oder den Lesern ihre Bücher gebracht. Es waren jede Menge solcher Servicetätigkeiten. Doch die Arbeit scheint ihn nicht ausgefüllt zu haben. In einem Text, der in einem Reiseführer für Prag von 1830 veröffentlicht wurde, beschrieb Langweil, wie er über den Laurenziberg ging und auf Prag hinabschaute. In dem Moment sei ihm in den Sinn gekommen, wie schön es doch wäre, diese Stadt als kleines Modell zu haben.“

Das war der Ausgangspunkt für seine Arbeit an der Papierkopie. Von 1826 bis zu seinem Tod im Jahr 1837 bastelte Anton Langweil daran. Das Einzige, wozu er nicht mehr kam, war die Darstellung des Laurenzibergs, der auf Tschechisch Petřín heißt.

Karlsbrücke | Foto: Miroslav Fokt,  Museum der Hauptstadt Prag

Hilfsgesuche an den Kaiser

Für Historiker ist das Langweil-Modell von unschätzbarem Wert. Denn es zeigt Prag in einer Form, die heute ansonsten nicht so detailliert bekannt wäre. So stand beispielsweise am Ort des Gemeindehauses aus dem Jugendstil noch der frühere Königshof. Rund die Hälfte der insgesamt rund 2000 Gebäude des Modells gibt es inzwischen gar nicht mehr, auch weil sie der Modernisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Opfer fielen. Das trifft vor allem auf die Josefstadt zu, das heutige Josefov, also auf das frühere Judenviertel. Bečková:

Altes jüdisches Viertel | Foto: Jan Vrabec,  Museum der Hauptstadt Prag

„Zwar entstanden an der Wende zum 20. Jahrhundert Fotos des Judenviertels. Aber gegenüber der Zeit Langweils waren die Häuser da schon wieder verändert worden. Außerdem sind die Aufnahmen natürlich schwarz-weiß und nicht farbig, wie im Modell. Und es liegen uns auch nicht Fotos von allen Häusern vor. Das Modell zeigt hingegen die komplette Bebauung, mit allen Gassen und Gässchen sowie den Innenhöfen. Wir zerbrechen uns heute den Kopf darüber, wie Langweil eigentlich all die Häuser betreten konnten und auch die Innenhöfe. Denn wenn wir die von damals noch erhaltenen Gebäude mit denen im Modell vergleichen, sehen wir, dass diese präzise gefertigt wurden. Zwar mag mal ein Fenster woanders sein, aber das kann man ihm schwerlich vorwerfen.“

Dafür wartet das Modell auch mit humorigen Details auf, wie etwa einer angelehnten Leiter oder eingeschlagenen Fenstern. Die Historikerin ist jedoch überzeugt, dass Anton Langweil weniger die damalige Ansicht Prags für nachfolgende Generationen dokumentieren, sondern eher mit seinen Mitteln ein Stadtporträt erschaffen wollte...

„Weil er aber mit einem Gemälde wohl keinen Erfolg gehabt hätte, schuf er ein Abbild der Stadt mit solchen Mitteln, deren nur er sich bedienen konnte. Ich würde das Langweil-Modell als Kunstwerk bezeichnen. Im Grunde steht es auf derselben Stufe wie die Veduten mit den Stadtansichten Prags von Vincenc Morstadt. Letztlich entstanden diese zur selben Zeit. Nur dass Langweil sehr viel mehr Arbeit hineinsteckte“, sagt die Historikerin.

Alter jüdischer Friedhof  | Foto: Jan Vrabec,  Museum der Hauptstadt Prag

Schon zu Langweils Lebzeiten wurde das Modell öffentlich ausgestellt – und noch in der Entstehungsphase, als er nur die Altstadt modelliert hatte. In jedem Fall schrieben sogar die Zeitungen darüber, und der Bastelkünstler erlangte einen gewissen Ruf.

Das aber auch in Geld umzuwandeln, gelang Anton Langweil nicht. 1834 schickte er zum Beispiel ein Gesuch um finanzielle Unterstützung an Franz I., allerdings ohne Erfolg. Der österreichische Kaiser hatte ein Jahr zuvor das Modell auf der Prager Burg gesehen, bei der 5. Böhmischen Industrieschau. Als dann mit Ferdinand I. ein neuer Herrscher den Thron bestieg, erweiterte Langweil sein Modell um die Prager Burg und klopfte erneut beim Kaiser an. 1836 erhielt er tatsächlich eine Zuwendung von 150 Gulden, doch das reichte keineswegs aus für ihn, seine Frau und die mittlerweile fünf Töchter. Außerdem erkrankte der Familienvater schwer. Im folgenden Juni starb Anton Langweil nur zwei Tage vor seinem 45. Geburtstag. Kateřina Bečková:

„Nach seinem Tod wandte sich die Witwe erneut an Ferdinand I., und diesmal erwarb der Kaiser das Modell. Der Machthaber schenkte das Werk dann dem Vaterländischen Museum (das heutige Nationalmuseum in Prag, Anm. d. Red.). Über einhundert Jahre später, konkret 1954, meldete das Stadtmuseum sein Interesse an, und so kam es zur Übergabe an uns. Das Modell war damals durch zahlreiche Umzüge stark beschädigt und wurde in großem Stil restauriert.“

Erstmals komplett ausgestellt wurde die papierne Stadtansicht im Jahr 1862 im alten Rathaus auf dem Altstädter Ring. Ab 1905 war es in einer Dauerausstellung zu sehen. Und das wird nun in neuer Form auch wieder ab dem Frühsommer dieses Jahres der Fall sein.

Foto: Jolana Nováková,  Tschechischer Rundfunk
Autoren: Till Janzer , Juan Pablo Bertazza | Quelle: Český rozhlas
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