„Verlassene Wunder“ – eine schwarzweiße Bilddichtung aus dem Böhmerwald

Martin Sichinger, Klaus Ditté: Verlassene Wunder

Schwarzweiße Bilder aus dem böhmisch-bayerischen Grenzgebiet, begleitet von poetischen Texten – so sieht der neue Bildband des deutschen Fotografen Klaus Ditté und des tschechischen Schriftstellers Martin Sichinger aus. Das Buch wurde vor einigen Tagen auf der Prager Buchmesse „Svět knihy“ vorgestellt. Martin Sichinger war kurz zuvor Gast bei uns im Studio. Martina Schneibergová hat mit dem Autor gesprochen. 

Herr Sichinger, Sie haben gerade einen Bildband mit dem Titel „Opuštěné zázraky“ – auf Deutsch „Verlassene Wunder“ – herausgegeben. Wie ist das Buch entstanden?

Martin Sichinger | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Der zweisprachige Bildband ist in Zusammenarbeit mit dem deutschen Fotografen Klaus Ditté aus Passau entstanden. Klaus hat 70 Fotografien gemacht, und ich habe die Texte dazu geschrieben. Die Bilder entstanden innerhalb von fünf Jahren, während der ich zusammen mit Klaus durch den Böhmerwald in der Nähe der Grenze gewandert bin. Wir haben uns vor etwa acht Jahren in Vimperk getroffen und beschlossen, ein Buch zusammenzustellen, in dem wir das Staunen eines bayerischen Fotografen über die Šumava zum Ausdruck bringen könnten.“

Der Titel „Verlassene Orte“ charakterisiert einigermaßen das Thema des Buchs. Diese verlassenen Orte sehen jedoch oft fast wie aus einem Märchen aus…

„Das Hauptthema des Bildbands ist vielleicht die Schönheit. Wir haben ein verlassenes Gebiet besucht, das wirklich zerstört worden ist, aber die Schönheit gibt es da noch. Diese zu entdecken war auch unsere Aufgabe.“

Martin Sichinger,  Klaus Ditté: Verlassene Wunder | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

Im Buch gibt es keine Informationen darüber, woher die Bilder stammen. Es ist jedoch klar, dass es sich um ein Gebiet handelt, in dem früher vorwiegend deutschsprachige Bewohner gelebt haben. Diese wurden nach dem Kriegsende vertrieben, das Gebiet blieb für ein paar Jahre fast menschenleer, und mit der Errichtung des Eisernen Vorhangs und des Militärsperrgebiets kam die Armee…

„Ja, genau. Das Ziel des Buchs ist es vielleicht auch zu zeigen, dass wir in einer neuen Epoche leben. Das zerstörte Gebiet wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verschönert und wiederbelebt. Heutzutage ist es schwierig, ein zerstörtes oder zerfallenes Haus im Böhmerwald zu finden. Die Dörfer und Städtchen sehen sehr gut aus. Wir möchten jedoch den Übergang vom zerstörten Böhmerwald zu einem neuen, verschönerten Böhmerwald zeigen.“

Sind auf den Bildern auch die Spuren zu sehen, die dort die Armee nach einigen Jahrzehnten hinterlassen hat – wie beispielsweise die Asphaltstraßen, die durch die Wälder führen?

Martin Sichinger,  Klaus Ditté: Verlassene Wunder | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Ja, natürlich. Klaus hat bereits in den 1980er Jahren auf der bayerischen Seite mit den Wanderungen angefangen. Er durfte damals selbstverständlich nicht auf die tschechische Seite gehen. Allerdings befand er sich so nahe an der Grenze, dass er die Hunde der Grenzpolizei bellen hörte. Nach der Wende von 1989 ging er über die Grenze nach Böhmen, um dort zu wandern, hatte sich dort aber immer noch ein wenig unwohl gefühlt.“

Der Bildband besteht aus vier Kapiteln. Wie unterscheiden sie sich voneinander?

„Wir haben ab dem ersten Moment gewusst, worüber wir schreiben und berichten wollen. Das erste Kapitel betrifft die sogenannten ,Lost Places‘, es folgen die ,Wege und Löcher‘. Es gibt in der Landschaft des Böhmerwaldes etwas, das es in Bayern laut Klaus nicht gibt: Das sind eine Art natürliche Tore in den Wald. Von einer Wiese aus ist eine Art Tor zu sehen, das in den Wald führt. Das Spiel des Lichtes mit der Dunkelheit ist das Thema des zweiten Kapitels. Weiter geht es mit dem ,Schepsismus‘. Das ist ein neuer Kunststil, den wir entdeckt haben. Er bezeichnet das Bemühen der Menschen, die Schönheit der Orte im Böhmerwald wiederherzustellen. In den 1990er Jahren gab es hierzulande noch keine Baumärkte, und die Menschen mussten vieles selbst basteln und improvisieren, um ihre Häuser zu reparieren. Klaus sah in diesem Bemühen, die Schönheit wiederherzustellen und die Orte dem Verfall zu entreißen, eine wahre Heldentat. Die Beobachtungen eines Ausländers sind für mich hochinteressant.“

Wie entstand der Ausdruck ,Schepsismus‘, der ein Neologismus ist?

Martin Sichinger,  Klaus Ditté: Verlassene Wunder | Foto: Verlag Velarium

„Wir wussten von Anfang an, dass es der richtige Begriff ist, aber wir haben dafür keine Erklärung. Es ist einfach nur ein Wort.“

Bezieht sich das vierte Kapitel ,Glaube und Hoffnung‘ auf die Spuren der ehemaligen Bewohner – auf die verlassenen Friedhöfe und die kleinen Sakraldenkmäler in der Landschaft?

„Ja, natürlich. Ohne diese Grabmäler und halb zerfallenen Kreuze kann man sich die Gegend nicht vorstellen.“

Werden Sie den Bildband auch in Bayern präsentieren?

„Am 11. Juli werden wir eine Ausstellung in Freyung eröffnen, in der Fotos mit meinen Texten aus dem Buch gezeigt werden. Das geschieht im Rahmen der Freyunger Woche mit Winterberg.“

Martin Sichinger,  Klaus Ditté: Verlassene Wunder | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

Wer ist der Herausgeber des Buchs?

„Seit Jahren arbeite ich mit dem Verlag Velarium aus Budweis zusammen, der viele schöne Graphik-Bücher herausgegeben hat. Zudem haben wir auf der deutschen Seite auf der WhyDonate-Plattform eine Crowdfunding-Kampagne für die Herausgabe des Buchs gestartet.“

Planen Sie eine weitere Zusammenarbeit mit dem Fotografen Klaus Ditté?

„Ja. Erstens zeigen wir die Wanderausstellung zu diesem Buch. Und der zweite Bildband soll von meinen Wanderungen auf der bayerischen Seite erzählen, mit Fotos von Klaus.“

Der Bildband „Verlassene Wunder“ von Klaus Ditté und Martin Sichinger ist vorerst in einer kleinen Auflage erschienen. Diese Auflage hat kein Hardcover. Mehr über das Buch erfahren Sie unter https://www.opustenezazraky.eu/.