Baue lieber ungewöhnlich: Tschechoslowakische Botschaftsgebäude und ihre brutalistische Architektur

Botschaftsgebäude im Ausland haben einen starken symbolischen Charakter. Das diplomatische Personal hat zumeist die Pflege der guten internationalen Beziehungen zur Aufgabe. Und auch nach außen hin soll das Haus den jeweiligen Staat möglichst vorteilhaft präsentieren. Zu diesem Zwecke hat die Regierung der Tschechoslowakei in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine ganze Reihe von Botschaftsobjekten im modernen Stil errichten lassen – und dafür eine Menge Geld investiert. Diese brutalistischen Gebäude zeigt eine kostenlose Open-Air-Ausstellung, die derzeit in Prag zu sehen ist.

Komplex der tschechischen Botschaft in Neu-Delhi,  Indien | Foto: © MZV ČR / MFA CZ

Alles hat 2023 im indischen Neu-Delhi begonnen. Der damalige Konsulatssekretär in der dortigen tschechischen Botschaft, Filip Dufek, war fasziniert von dem brutalistischen Gebäude, in dem er arbeitete. Also organisierte er zu dessen 50-jährigen Bestehen eine Ausstellung im Botschaftsgarten. Zudem lud er den Architekturhistoriker Adam Štěch ein, vor Ort einen Vortrag zur Geschichte des Hauses zu halten.

Zwei Jahre später hat Štěch für das tschechische Außenministerium eine Ausstellung vorbereitet, die eine ganze Reihe interessanter Botschaftsgebäude vorstellt. Sie alle haben gemein, dass sie von der tschechoslowakischen Regierung in den 1960er und 1970er Jahren errichtet wurden, und zwar im Stile des Modernismus und Brutalismus. Das Haus in Neu-Delhi stehe exemplarisch für diese Phase, erläutert Štěch im Interview mit Radio Prag International:

Adam Štěch | Foto: Danny Bate,  Radio Prague International

„Ich finde, es ist einer der besten Bauten. Er ist deutlich geprägt von den damaligen globalen und westlichen Trends der modernen Architektur. Es wurde der sogenannten Béton brut, also Sichtbeton genutzt, unter Einfluss von Le Corbusier aus Frankreich oder auch des Brutalismus aus Großbritannien, der ja als die reinste Form dieses Stils gilt. Die Botschaft in Neu-Delhi ist fast wie eine kleine Stadt. Sie hat mehrere Gebäude, die miteinander verbunden sind und ein diplomatisches Dorf bilden. Es gibt verschiedene Teile mit unterschiedlichen Zwecken, so etwa einen repräsentativen Flügel oder einen Verwaltungsflügel, sogar einen Kulturteil und den Wohnbereich. Es war damals ein wirklich riesiges Projekt. Meiner Meinung nach hat es globale architektonische Qualitäten, und das auch bezüglich Design und Dekoration.“

Architektur für den Export | Foto: © MZV ČR / MFA CZ

Mit ihrer exklusiven Möblierung und der Ausstattung mit Kunstwerken sei die Botschaft in Neu-Delhi ein klassisches Gesamtkunstwerk, fügt Štěch hinzu. Und dies gelte auch für andere Häuser, die er in seiner Ausstellung zeigt. Die großformatigen Panels stehen derzeit am Náplavka-Ufer in Prag. Sie bieten Informationen etwa zu den diplomatischen Vertretungen der Tschechoslowakei in Kairo, Brasilia, Tokio oder Washington. Der Kurator setzt den historischen Rahmen:

„Diese Bewegung des Botschaftsbaus begann mit dem Haus in Peking. Dort entstand Ende der 1950er Jahre die allererste moderne tschechoslowakische Botschaft dieser Phase. Ich denke, dieser Zeitpunkt markiert einen Meilenstein in der tschechischen Architektur, die damit zur Tradition der Moderne zurückkehrte. Die 50er Jahren waren eine harte Zeit für die Kunst, weil die sowjetische Vorherrschaft einen sozialen Realismus vorschrieb. Architekten waren gezwungen, Gebäude zu entwerfen, die entsprechend dekoriert waren. Am Ende dieses Jahrzehnts wurde die politische Lage besser, und auch Architekten war es nun erlaubt, in modernem Stil zu bauen.“

Botschaft der Tschechischen Republik in Peking | Foto: © MZV ČR / MFA CZ

Führender Architekt: Karel Filsak

Der politische Frühling in der Tschechoslowakei der 1960er Jahre habe eine Emanzipation der Architekten ermöglicht, sagt Adam Štěch. Und dies werde anhand der zeitgenössischen Botschaftsbauten sehr gut illustriert. Was die wichtigsten Akteure dieser Epoche angeht, verweist der Kurator einmal mehr auf die diplomatische Vertretung in Indien:

Das brutalistische Gebäude der tschechoslowakischen Botschaft in Stockholm | Foto: Arthouse Hejtmánek

„Die Botschaft in Neu-Delhi gehört zu jener Gebäudeserie, die Karel Filsak entworfen hat, gemeinsam mit seinem Team aus Architekten und Designern. Filsak war als Architekt der stärkste und einflussreichste Charakter beim Botschaftsbau in dieser Periode. Er entwarf auch die Häuser in Brasilia sowie in Genf, wobei es sich dort um die UN-Mission handelt. Filsak erarbeitete aber ebenfalls die Botschaft in Kairo. Er war also der führende Kopf. Dann gab es noch Jan Bočan, der drei Vertretungen entworfen hat. Die dritte ist jedoch die in Tiflis und stammt schon aus den 1990er Jahren. Seine zwei schönsten Botschaften sind die in London und in Stockholm. Das Londoner Haus ist meiner Meinung nach das Beste vom Besten. Es wurde auch vom renommierten Royal Institute of British Architects ausgezeichnet.“

Štěch erwähnt zudem das Ehepaar Věra und Vladimír Machonin, das die Botschaft in Ost-Berlin entworfen hat – ebenso wie etwa das brutalistische Kotva-Kaufhaus in Prag.

Außer Sichtbeton hätten die Bauherren damals noch weitere typische Materialien verarbeitet, fährt der Historiker fort:

„Meistens handelt es sich natürlich um Betonkonstruktionen, die vor Ort gegossen wurden. Sie sind sehr massiv und visuell auffällig. Zudem haben sie große Glasflächen. So entsteht ein Kontrast zwischen den umfangreichen Betonmassen und den sehr raffinierten, durchsichtigen Glaswänden. Im Interieur lassen sich dann auch die meisten anderen Materialien finden. Das Mobiliar besteht aus Holz oder Metall. Und was wichtig ist: All diese Stücke wurden exklusiv für das jeweilige Gebäude angefertigt.“

Vor allem die Designerstücke seien auffällig und massiv gestaltet worden, ergänzt Štěch. Und darum seien die großen Möbelstücke oftmals auch eher unpraktisch und schwer zu transportieren gewesen. Denn das Design der Häuser und ihrer Ausstattung war explizit auf die Repräsentationszwecke ausgerichtet. Und das kostete natürlich auch viel Geld…

„Es war üblich für alle Botschaftsgebäude dieser Zeit, dass sie ein fast unbegrenztes Budget hatten. Denn es war der kommunistischen Regierung wichtig, ihr Land auf positive Weise zu repräsentieren. Dafür gab sie eine Menge Geld aus. Es wurden nur die besten Architekten und Designer engagiert. Darum sind diese Häuser voll von toller Kunst und Designerstücken.“

Tschechisches Botschaftspersonal in Kairo trifft sich hier | Foto: Štěpán Macháček,  Tschechischer Rundfunk

Und darum spricht ein Experte wie Adam Štěch auch noch heute davon, dass die Architektur der tschechoslowakischen Botschaften der 1960er und 1970er Jahre ganz und gar nicht gewöhnlich gewesen sei. Dabei waren die Staatskassen zu jener Zeit aber eher klamm…

„Es handelte sich um eine Art von Architektur-Diplomatie. Das ist schon komisch, denn diese Zeiten waren in der Tschechoslowakei nicht gerade einfach. Es gab kein Geld, und für alles mussten die Leute anstehen. Aber die Regierung gab große Summen für die eigene Präsentation aus. Ethisch ist dies also etwas schwierig. Andererseits wurden diese Gebäude wenigstens von großen kreativen Denkern entworfen und auf sehr professionelle Weise gebaut. Sie waren nicht unbedingt von der Politik beeinflusst. Paradoxerweise wurden die Häuser ja im Stile einer kapitalistischen Architektur errichtet.“

Elitearchitektur

Crème de la crème oder auch Elitearchitektur – diese Bezeichnungen nutzt Historiker Adam Štěch für die brutalistischen Bauten der tschechoslowakischen Diplomatie. Nur leider nagt der Zahn der Zeit auch an den einst modernsten Konstruktionen…

Tschechische Botschaft in Kairo | Foto: Štěpán Macháček,  Tschechischer Rundfunk

„Ihr aktueller Zustand ist manchmal eher traurig. Manchmal sind die Originalmöbel nicht mehr im Haus. Natürlich hat es schon Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten gegeben, meist in den 1990er Jahren. Der ursprünglichen Erscheinung der Gebäude haben sie aber nicht immer gut getan. Die meisten Botschaften, die ich selber gesehen habe, sind jedoch von außen ganz okay – sie sind nicht besonders beschädigt und sehen noch ziemlich authentisch aus. Aber drinnen gibt es immer ein Problem.“

Die Innenausstattung sei für gewöhnlich schwieriger zu erhalten und müsse sensibler restauriert werden, erläutert Štěch. Dies sei jedoch gerade in Neu-Delhi gut gelungen, berichtet der Experte. Das dortige Haus wird bis heute als Botschaft Tschechiens genutzt – anders als etwa in Stockholm, wo in dem Gebäude nun eine Modefirma sitzt.

Das Innere der tschechischen Botschaft in Kairo veranschaulicht die Trends der 1970er Jahre | Foto: Štěpán Macháček,  Tschechischer Rundfunk

„Das generelle Problem ist die Kapazität, denn die Gebäude sind wirklich riesig. Die diplomatischen Missionen sind heute viel kleiner. So große Bauten werden nicht mehr gebraucht, und sie verursachen eine Menge Probleme, zum Beispiel beim Energieverbrauch. Die Aufgabe für die Zukunft ist meiner Meinung nach also, unsere Verantwortung für die Häuser zu übernehmen und über eine neue Wertschaffung und Nutzung nachzudenken. Natürlich werden sie weiter als Botschaften dienen. Aber vielleicht lässt sich mehr Raum für Kulturdiplomatie schaffen, etwa für die Tschechischen Zentren. Diese sind ja oft in tschechischen Botschaftsgebäuden angesiedelt. Aber dies ist ein allgemeines Problem bei allen Arten von Häusern aus dieser Periode. Denn sie wurden für ein komplett anderes System entworfen.“

Die Open-Air-Ausstellung „Architektura na export“ ist noch bis 13. Juli am Náplavka-Moldauufer (Rašínovo nábřeží) in Prag zu sehen. Die Texte sind auf Tschechisch und auf Englisch verfasst.