„Jede Rolle bringt einen weiter“ – Startänzer Friedemann Vogel in Litomyšl

Friedemann Vogel

Der erste Solist des Stuttgarter Balletts, Friedemann Vogel, hat an zwei Ballettgalas teilgenommen, die am vergangenen Wochenende beim Festival Smetanova Litomyšl (Smetanas Litomyšl) stattgefunden haben. Martina Schneibergová hat vor Beginn der zweiten Gala mit dem Startänzer gesprochen.

Friedemann Vogel | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Herr Vogel, Sie stellen sich in Litomyšl unter anderem mit John Crankos „Onegin“ vor. Stimmt es, dass Sie mit diesem Ballett schon fast seit der Kindheit aufgewachsen sind?

„Ja, da ich in Stuttgart geboren bin, ist ,Onegin‘ schon seit ich ganz klein war irgendwie Teil von meinem Leben, weil ich schon als kleines Kind als Zuschauer ins Ballett gegangen bin. Und ich hätte mir nie erträumt, dass ich irgendwann einmal Onegin tanzen werde. Deswegen ist es jedes Mal, wenn ich diese Rolle tanze, etwas ganz Besonderes. Denn Onegin ist für uns in Stuttgart natürlich ein Teil unserer DNA.“

Wie gelingt es Ihnen, die Emotionen, die sich auf der Bühne abspielen, auf das Publikum zu übertragen und die Zuschauer mit ins Geschehen hineinzuziehen? Was sind die Voraussetzungen dafür?

„Ich glaube, wichtig ist, dass man nichts macht, nur um etwas darzustellen, sondern man muss es eher teilen. Ich denke aber nicht, dass ich das irgendwie teilen möchte, um direkt das Publikum anzusprechen, sondern ich teile das mit meiner Partnerin auf der Bühne. Und wir sind ganz wir selbst auf der Bühne und stellen das dar, die jeweilige Rolle, die wir verkörpern. Ich glaube, so kommt es am besten rüber im Publikum.“

Friedemann Vogel und Ludmila Pagliero | Foto: František Renza,  Festival Smetanas Litomyšl

Sie sind ein gebürtiger Schwabe und während ihrer ganzen Tanzkarriere dem renommierten Stuttgarter Ballett treugeblieben. Wie wichtig ist für Sie die Teilnahme an verschiedenen Festivals, zum Beispiel in Japan?

Ballettstars in Litomyšl | Foto: František Renza,  Festival Smetanas Litomyšl

„Ein Grund, warum ich immer in Stuttgart geblieben bin, ist, dass ich in Stuttgart die Freiheit habe, überall tanzen zu können. Meine Direktoren haben mir diese Freiheit immer gelassen. Und das ist ganz wichtig, weil wir eine Sprache, den Tanz, haben, die weltweit verstanden wird. Es wäre schade, wenn man das nur an einem Ort macht. Es ist toll, an solchen  Festivals wie jetzt hier teilzunehmen, neue Leute kennenzulernen, ein neues Publikum zu erfahren. Ich habe gehört, dass hier zum ersten Mal eine Ballettgala veranstaltet wird. Ich finde, so etwas ist ganz wichtig, um auch ein neues Publikum anzuziehen und das Ballett zugänglicher zu machen.“

Wir haben über „Onegin“ gesprochen, aber Sie tanzen bei der Gala ja auch einen Ausschnitt aus „Manon“. Haben Sie eine besondere Lieblingsrolle oder ist es schwierig, nur eine Rolle zu nennen?

Ludmila Pagliero und Friedemann Vogel | Foto: František Renza,  Festival Smetanas Litomyšl

„Das ist wirklich schwierig. Die Rollen sind wie Teile von meinem Leben, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin. Jede Rolle, die man tanzt, entwickelt einen weiter. Man bekommt neue Erfahrungen und dadurch entwickelt man sich. Und deswegen tanze ich auch so, weil ich diese verschiedenen Teile in mir habe.“

Sind Sie zum ersten Mal in Tschechien als Tänzer?

„Nein, ich hatte in der Vergangenheit schon mehrere Vorstellungen mit dem Ballett des Prager Nationaltheaters. Ich habe als Gast in ,Giselle‘ getanzt und tanzte auch Lenski.“

Die Ballettgalas sind zum ersten Mal Bestandteil dieses Festivals. Damit wird, denke ich, eine Tradition begründet. Hätten Sie Lust, wiederzukommen?

„Es ist wirklich eine ganz tolle Stadt. Ich finde es fantastisch, dass dieses Festival jetzt auch Tanz mit dabei hat. Tanz ist ein großer Teil der Kunst und sollte bei keinem Festival fehlen. Wir wohnen hier an der Hauptstraße, und vorgestern hatten wir Zeit und haben uns die ganze Stadt angeschaut. Es ist hier alles wunderschön renoviert worden. Hier auf dem Schloss ist es wie in einem Traum. Jeder Platz im Zuschauerraum war besetzt, und es herrschte eine ganz tolle Atmosphäre.“

Wie kam Ihre Teilnahme am Festival zustande? War das dank Daria Klimentová (ehemalige international anerkannte tschechische Tänzerin, Anm. d. Red.)?

Daria Klimentová und Marek Šulc | Foto: František Renza,  Festival Smetanas Litomyšl

„Ja, alles kam eigentlich durch Daria zustande. Vor etwa einem Jahr hat sie mir gesagt, dass sie bei der Gala hier mitmachen möchte, auch zusammen mit Ludmila (Pagliero, Anm. d. Red.) von der Pariser Oper. Wir haben schon zusammen getanzt, und ich mag es sehr, mit ihr zu tanzen. Also war das die perfekte Option.“

Sie haben an einem besonderen Projekt an der Universität in Tübingen mitgemacht. Können Sie das ein bisschen näher beschreiben?

„Ja, ich finde den Austausch zwischen Wissenschaft und Kunst sehr interessant sowie das, was sich daraus entwickelt. Man kann sich gegenseitig inspirieren und gegenseitig austauschen. Die Wissenschaftler gehen an die Sachen sehr analytisch heran. Und wir Künstler gehen meistens eher instinktiv vor. Diese Verbindung zu schaffen und diese Schnittstellen zu finden, ist sehr interessant.“

Wie waren die Reaktionen?

„Ich glaube, das Echo hallt noch nach. Wir fangen jetzt an, mehr herauszugehen. Wir gehen nach Berlin und es gibt verschiedene Ausstellungen, bei denen das Projekt vorgestellt wird, das Kunst und Kunstwissenschaft verbindet.“

Welche Rollen erwarten Sie in der kommenden Spielzeit?

„Nächste Spielzeit haben wir ,Mayerling‘, was eine wichtige Rolle für mich ist. Da freue ich mich sehr drauf, weil wir das, glaube ich, seit vier Jahren nicht mehr im Repertoire hatten. Dann gehen wir in die USA – mit ,Onegin‘ nach Washington. Wir haben eine volle Spielzeit mit tollen Sachen, und ich werde auch sehr viel gastieren.“

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