Das Tor zum Römischen Reich: Auf den Spuren der alten Römer in Südmähren

Historiker Tomáš Antoš

Unter Marcus Aurelius erreichten die römischen Legionen einst das Gebiet des heutigen Südmährens. Dort hielten sie sich eine Zeit lang auf. Im Ort Mušov begeben wir uns auf ihre Spuren.

Hradisko u Mušova | Foto: Institut für Archäologie der Akademie der Wissenschaften in Brünn

Im 2. Jahrhundert befand sich rund 80 Kilometer vom antiken Vindobona, dem heutigen Wien, eine bedeutende römische Festung. Die Legionäre hatten sie auf der Anhöhe Hradisko bei Mušov errichtet. Das spätere südmährische Dorf musste 1987 dem Stauseesystem Nové Mlýny weichen. Nur einige Häuser unterhalb der Weinberge von Hradisko sind erhalten geblieben. Das Gebiet gehört heute zur Gemeinde Pasohlávky.

Das Tor zum Römischen Reich | Foto: Martin Frouz,  Besucherzentrum Mušov

Die zahlreichen archäologischen Funde in der Gegend inspirierten die Mitarbeiter des Archäologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften in Brno / Brünn vor einigen Jahren dazu, nahe dem Stausee ein Besucherzentrum zu errichten. Es wurde „Das Tor zum Römischen Reich“ benannt. Der Historiker Tomáš Antoš vom Brünner Archäologischen Institut arbeitet in dem Besucherzentrum von Mušov. Die Dauerausstellung konzentriert sich laut Antoš auf die militärische Präsenz der Römer an diesem Ort während der Markomannenkriege, die sich in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts abspielten:

„Die Museumsausstellung in unserem Gebäude ist nicht allzu groß. Gleich am Eingang können sich die Besucher anschauen, wie etwa der einzige römische Soldat aussah, dessen sterbliche Überreste hier gefunden wurden.“

Besucherzentrum Mušov | Foto: Institut für Archäologie der Akademie der Wissenschaften in Brünn

Die Gebeine dieses Soldaten wurden bei archäologischen Forschungen entdeckt, die vor dem Bau des heutigen Aquaparks am Ufer des Stausees durchgeführt wurden. Der Historiker blickt erneut ins 2. Jahrhundert zurück:

„In der damaligen Zeit haben die Römer die Verstorbenen meist eingeäschert. Wir wissen nicht, aus welchem Grund der tote Soldat hier liegen blieb und unter welchen Umständen er starb. Aus den Forschungen geht allerdings hervor, dass der Mann aus dem Balkan stammte, wahrscheinlich aus dem Norden des heutigen Griechenlands. Diese Erkenntnisse überraschen uns nicht, denn in dieser Region wurden häufig Männer für die römische Armee angeworben.“

Römische Schwerter und Dolch Pugio

Das Tor zum Römischen Reich | Foto: Martin Frouz,  Besucherzentrum Mušov

Am Eingang ins Zentrum findet sich zudem eine große Landkarte, auf der das Römische Reich in der Zeit der Markomannenkriege dargestellt ist. In der Dauerausstellung werden zudem zwei Dokumentarfilme gezeigt, die auf die Anwesenheit der Römer in Mähren eingehen. Aber nicht nur Filme sind im Museum zu sehen…

Das Tor zum Römischen Reich | Foto: Martin Frouz,  Besucherzentrum Mušov

„Im archäologischen Teil der Ausstellung werden beispielsweise Teile von römischen Gebäuden gezeigt, die sich in der hiesigen Festung befanden. Zu sehen sind einige Militaria, darunter römische Schwerter und der einzige römische Dolch, der bisher in Tschechien gefunden wurde – ein sogenannter Pugio. Aufmerksamkeit wird auch den Germanen als den damaligen hiesigen Bewohnern geschenkt. Die Schau besteht jedoch nicht nur aus den archäologischen Funden. Es gibt auch mehrere Touchscreens mit vielen Informationen über die römische Armee, die Markomannenkriege, das Leben im Römischen Reich, die Germanen und vieles mehr.“

Die beiden Dokumentarfilme für das Zentrum in Mušov entstanden auf Anlass des Archäologischen Instituts. Antoš geht auf die Schauspielszenen ein, die als Elemente des Reenactment gedreht wurden:

„Das sind Menschen, die sich mit der Nachstellung der römischen Armee sowie der germanischen Kämpfer beschäftigen. Im Film sind sowohl die Römer als auch die Germanen zu sehen. Die Darsteller geben sich wirklich Mühe, um möglichst perfekt gekleidet zu sein. Sie haben im richtigen Leben verschiedene Berufe, und dies ist nur ihr Hobby, dem sie sich am Wochenende widmen. Sie lieben die Geschichte und die Archäologie und beteiligen sich an Projekten, bei denen historische Ereignisse nachgestellt werden.“

Festival mit Gladiatorenkämpfen und Militärlagern

Wie Antoš erzählt, wird einige Male im Jahr auch in Mušov die Geschichte wiederbelebt. Vor kurzem fand dort eine Vorführung statt, die sich auf die Markomannenkriege konzentrierte. Der Archäologe lädt jedoch zur größten Veranstaltung ein, die jedes Jahr auf dem Programm steht:

„Am letzten Augustwochenende veranstalten wir das Festival ,Germania subacta‘. Der Titel bedeutet ,Germanien wurde unterworfen‘. Das war eine Inschrift auf einer der Münzen aus der Zeit von Marcus Aurelius. Diesmal werden nicht nur die Römer aus der Zeit vom 1. bis 4. Jahrhundert dargestellt, sondern auch Germanen aus mehreren historischen Epochen, in denen sie das Gebiet des heutigen Tschechiens bewohnten. Ebenso werden Kelten vertreten sein. Gezeigt werden außerdem römische und germanische Militärlager. Es gibt Nachstellungen von Gladiatorenkämpfen und Auftritte von römischen Reitern.“

Das Festival findet auf der Anhöhe Hradisko statt. Im Besucherzentrum stehen parallel dazu Vorträge von Experten auf dem Programm. Zudem werden Führungen durch die nachgebauten Lager angeboten. Tomáš Antoš:

„Am Programm beteiligen sich auch meine Kollegen vom Archäologischen Institut, die in den Laboren arbeiten und sich mit Metallurgie beschäftigen. Sie werden den Besuchern vorführen, wie damals Eisen, Kupfer und Messing bearbeitet wurden. Ich kann versprechen, dass das Programm umfangreich sein wird und dass es viel zu sehen geben wird.“

Die Exponate, die in der Dauerausstellung im Besucherzentrum „Das Tor zum Römischen Reich“ gezeigt werden, stammen größtenteils aus den Ausgrabungen von Hradisko und der näheren Umgebung, wie Antoš berichtet:

„Bei einigen Exponaten handelt es sich um Repliken. Die Originalgegenstände befinden sich im Museum in Mikulov. Dies gilt beispielsweise für den Bronzekessel, auf dem Köpfe von Germanen abgebildet sind. Alle Gegenstände belegen die Anwesenheit der römischen Legionen auf diesem Gebiet sowie die germanische Besiedlung unserer Region.“

Lehrpfad in Mušov | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Alle Texte in der Ausstellung sind auf Tschechisch und auf Englisch.

„Wir sind auch auf ausländische Touristen vorbereitet. Oft kommen Besucher aus Österreich zu uns. Ich habe hier zudem geschichtsinteressierte Touristen aus England, den Niederlanden, Frankreich und Portugal getroffen. Und natürlich stammen viele der Besucher aus der Slowakei und aus Polen.“

Brutius – der Legionär aus Vindobona

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die Quizfragen, in denen die Besucher ihre Kenntnisse über die Geschichte der Römer und der Germanen testen können. Dabei lässt sie zwischen einem einfacheren und einem schwierigeren Quiz wählen.

Das Tor zum Römischen Reich | Foto: Martin Frouz,  Besucherzentrum Mušov

„Viele der Besucher sind echte Feinschmecker, was die römische Geschichte betrifft. Für sie haben wir die schwierigeren Fragen vorbereitet. Ich beteilige mich seit 2022 an den Veranstaltungen im Besucherzentrum. Da ich auch Programme für Schulen zusammenstelle, weiß ich, dass sich unter den Schülern ebenfalls manchmal ein Experte für römische Geschichte findet. Das antike Rom ist populär. Ich bin oft überrascht von den Kenntnissen, die die Besucher haben. In unserer Dauerausstellung findet sich jedoch auch einiges für diejenigen, die sich nicht ganz so stark für Geschichte interessieren.“

In einem der Dokufilme, die in der Ausstellung gezeigt werden, tritt ein römischer Soldat namens Brutius auf, der seine Geschichte erzählt. Ist das eine fiktive Person, oder gab es wirklich einen Legionär Brutius?

Lehrpfad in Mušov | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Die Geschichte von Brutius wurde von einer der wenigen Inschriften inspiriert, die auf diesem Gebiet aus den Markomannenkriegen erhalten geblieben sind. Auf einem hier gefundenen Bruststück einer Rüstung steht der Name Brutius. Wir wissen nicht, wer das war – nur dass er zur zehnten Legion gehörte, die in Vindobona stationiert war. Einen Brutius hat es also wirklich gegeben. Aus irgendeinem Grund blieb hier ein Stück seiner Rüstung liegen. Um seine Person herum haben wir uns die Geschichte für die Doku ausgedacht.“

Blick von Hradisko auf den Stausee | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

In der Nähe des Besucherzentrums in Mušov sind zwei Lehrpfade angelegt, ein römischer und ein germanischer…

„Der eine Lehrpfad liegt direkt hinter unserem Gebäude und konzentriert sich auf die römischen Funde von Hradisko. Er führt auf die Anhöhe, und auf den Schautafeln wird beschrieben, was an dem jeweiligen konkreten Ort gefunden wurde. Der andere, der germanische Lehrpfad führt vom Campingplatz Merkur ins Dorf Pasohlávky und dokumentiert die hiesige germanische Besiedlung.“

Lehrpfad in Mušov | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Das archäologische Besucherzentrum „Das Tor zum Römischen Reich“ ist bis Ende August täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Im Mai, Juni und September ist das Zentrum montags geschlossen, im April, Oktober und November ist es nur von Freitag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr zugänglich. Von Dezember bis März kann die Dauerausstellung nur nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden. Am 29. und 30. August findet im Zentrum das historische Festival mit dem Titel „Germania subacta“ statt. Mehr erfahren Sie unter https://www.branadorimskerise.cz/pro-navstevniky.

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