Neuer Armutsbericht kritisiert niedrige Löhne und hohe Wohnkosten in Tschechien
Arm ist nicht nur, wer wenig verdient. Der neue Armutsbericht für Tschechien weist darauf hin, dass noch andere Faktoren ein würdevolles Leben erschweren. Dazu gehören vor allem die hohen Wohnkosten.
Jeder zehnte Privathaushalt in Tschechien muss mehr als 40 Prozent seines Gesamteinkommens allein für die Wohnkosten ausgeben. Dies und mehr steht im nationalen Armutsbericht „Poverty Watch 2025“, der am Montag vorgestellt wurde. Verfasst wurde er von mehreren tschechischen Hilfsorganisationen im Rahmen des europäischen Anti-Armuts-Netzwerkes (EAPN).
Demnach stellt die Wohnsituation für rund 1,6 Millionen Menschen im Land ein ernsthaftes Problem dar. Von akuter Wohnungsnot sind in Tschechien 161.000 Menschen betroffen, darunter 62.000 Kinder. Angesichts dieser Zahlen fordern die NGOs mehr staatliche Unterstützung in diesem Bereich ein. Eliška Halaštová von der tschechischen Caritas ist die Hauptautorin des Armutsberichts und erläuterte in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
„Wir empfehlen eine Ausweitung der Zielgruppe im Gesetz zur Unterstützung des Wohnens. So kann mehr Menschen geholfen werden und das Gesetz auch präventiv wirken. Außerdem empfehlen wir, dass darin die maximale Dauer einer Wohnassistenz von zwei auf drei Jahre verlängert wird.“
Die meisten Menschen, die von staatlicher Wohnhilfe hierzulande Gebrauch machen oder Anspruch darauf hätten, leben in den Kreisen Karlovy Vary / Karlsbad, Ústí nad Labem und Mährisch-Schlesien. Diese regionale Ungleichheit bestehe seit langem, sagt Jan Černý, Leiter der Sozial- und Bildungsprogramme bei Tschechiens größter NGO Člověk v tísni (Mensch in Not). Und Armut betreffe fast immer auch die gleiche Bevölkerungsgruppe:
„Im Grunde sind das Familien, die zwar Arbeit haben, aber ein niedriges Einkommen. Zudem haben sie Schulden oder zahlen ihre Wohnung ab, so dass sie so schon an der finanziellen Grenze leben. Wenn dann noch etwas passiert, sie krank werden oder wegen einer Verletzung das Einkommen wegfällt, dann kommen sie mit der Ratenzahlung in Schwierigkeiten.“
In solchen Fällen kämen die Menschen sofort in einen Eintreibemechanismus, wie Černý es nennt:
„In Tschechien gibt es fast 60.000 Personen, gegen die eine oder mehrere Zwangsvollstreckungen laufen. Rechnet man die Familienangehörigen hinzu, kommen wir auf etwa 1,5 Millionen Menschen. Sie alle leben in Haushalten, deren Einkommen gekürzt wird durch die Eintreibeindustrie aus Inkassoagenturen oder Gerichtsvollziehern.“
Da nach den monatlichen Abzahlungen kaum noch Geld zum Leben übrig bleibe, würden viele der Betroffenen schwarz arbeiten, um ihren Lohn nicht gleich wieder dem Gerichtsvollzieher überlassen zu müssen, fügt Černý hinzu. Auch dieses Problem könne gesetzlich besser geregelt werden, betont Pavla Aschermannová von der NGO Rubikon:
„Menschen, die in den Entschuldungsprozess einsteigen, könnte durch eine Reform des Sozialhilfesystems geholfen werden. Der Anspruch auf staatliche Zuschüsse sollte nämlich aus jenem Einkommen berechnet werden, das erst nach dem Abzug der Schuldenrate besteht. Dies wäre sicher ein Weg, die Menschen dazu zu motivieren, einerseits legal zu arbeiten und andererseits ihre Schulden zu regeln.“
Im Armutsbericht kommt noch ein weiterer Aspekt des Sozialhilfesystems in Tschechien zur Sprache. Er betrifft eine Änderung, die Anfang Oktober in Kraft getreten ist. Vier bisherige Formen der finanziellen Unterstützung – Wohngeld, Wohnzuschuss, Unterhaltszuschuss und Kindergeld – wurden in einem sogenannten Superzuschuss zusammengefasst. Laut der Analyse benachteiligt dies aber Alleinerziehende mit Kindern, die älter als sieben Jahre sind. Denn diese fallen laut Gesetz nicht mehr in die Kategorie der von Armut besonders bedrohten Bevölkerungsgruppen.
Aber auch wer schon im arbeitsfähigen Alter ist, hat hierzulande nicht immer ausreichend Geld. Von Einkommensarmut betroffen sind dem Bericht zufolge 20 Prozent der Bevölkerung. Ein Gegenmittel wären höhere Löhne, so die Autoren. Ein würdevolles Leben sei erst mit einem Bruttoeinkommen ab 45.000 Kronen (1850 Euro) monatlich möglich, so die Berechnungen. Das gesetzlich vorgeschriebene Mindesteinkommen liegt in Tschechien derzeit jedoch bei 20.800 Kronen (855 Euro).







