Motto „Strom“: 27. Tschechisch-Deutsche Kulturtage beginnen

In Dresden werden am Donnerstag die Tschechisch-Deutschen Kulturtage eröffnet. Hauptveranstalter auf der deutschen Seite ist die Euroregion Elbe/Labe. Der Journalist Steffen Neumann ist für die Pressearbeit der Organisation verantwortlich und hat am Programm mitgewirkt.

Steffen, die Tschechisch-Deutschen Kulturtage finden dieses Jahr bereits zum 27. Mal statt. Wie kam es zur Gründung dieser Initiative? Was war der Gedanke?

Steffen Neumann | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Ich war damals nicht dabei. Der Gründer war die Brücke/Most-Stiftung in Dresden. Sie ist bis heute noch Mitveranstalter. Im ersten Jahrgang hieß das Festival ‚Tschechische Kulturtage‘, denn es fand nur auf der deutschen Seite, in Dresden und Umgebung, statt. Später wurden daraus die Tschechisch-Deutschen Kulturtage, weil auch auf der tschechischen Seite, vor allem in Ústí nad Labem und der Region, deutsche Kultur gezeigt wurde und es Partner auf der tschechischen Seite gab. Die Brücke/Most-Stiftung hatte ihre Tätigkeit gar nicht so lange vor der Gründung des Festivals aufgenommen. Der Politologe Helmut Köser, einer der Stifter, war in den 1990er Jahren in der Gegend als Berater für Kommunen tätig. Ihm war sehr am Austausch mit Tschechien gelegen, und er sah in Dresden, wie stark hier der tschechische Einfluss ist. Die Stiftung begann vor allem mit Bildungsarbeit, die Kultur war aber ein weiterer Bereich. Und als Krönung sollte es jedes Jahr ein entsprechendes Festival geben. Am Anfang wurde es noch zusammen mit dem Tschechischen Zentrum in Dresden veranstaltet, das es heute leider nicht mehr gibt.“

In diesem Jahr findet das Festival unter dem Motto „Strom“ statt, auf Tschechisch „proud“. Was hat es damit auf sich?

Die Elbe in Dresden | Foto: Profimedia

„Eigentlich könnte man sich fragen, worum das Motto erst in diesem Jahr ‚Strom‘ ist, denn das ist schon sehr sinnfällig. In Dresden oder Pirna ist man ja direkt an der Elbe, und die fließt nun einmal bekanntlich aus Tschechien. Ein Strom bedeutet aber auch, dass etwas in Bewegung ist und die Übergänge fließend sind. Das ist uns wichtig. Wir sehen die Grenze nicht als Barriere, sondern als eine Stelle, an der man merkt, dass sich die Kulturen, die sich sehr nahe stehen, aber in manchen Sachen auch unterschiedlich sind, gegenseitig befruchten. Das Motto findet sich in vielen Veranstaltungen wieder, aber nicht in allen, denn wie bei jedem großen Strom gibt es auch viele Nebenflüsse und Nebenthemen. Wir stellen allerdings etwa mehrere Bücher vor, die über die Elbe geschrieben wurden. Und es wird um den Bierstrom gehen, der in Tschechien wohl niemals versiegt, denn Jaroslav Rudiš wird sein Buch ‚Gebrauchsanweisung für Bier‘ präsentieren. Zudem wird es nicht nur Musik geben, bei denen die Instrumente elektrisch verstärkt sind. Wir wollen auch, dass das Publikum elektrisiert ist von den Aufführungen.“

Wenn man sich das Programm anschaut, stellt man fest, dass die Kulturtage nicht nur in größeren Städten wie Dresden und Ústí stattfinden, sondern auch an kleineren Orten in den beiden Ländern. Wie wichtig ist es euch, regional breit aufgestellt zu sein? Und wie wählt ihr die Orte aus?

Lilienstein in der Sächsischen Schweiz | Foto: Klára Stejskalová,  Radio Prague International

„Das ist uns sehr wichtig. Die Euroregion Elbe/Labe hat vor einigen Jahren von der Brücke/Most-Stiftung die Hauptverantwortung als Veranstalter übernommen. Und wir sind ja schon vom Namen her in der Region verankert. Unsere Mitglieder sind die Landeshauptstadt Dresden, aber auch der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie mehrere Kommunen auf der tschechischen Seite. Die Kulturtage werden zudem vom Veřejný sál Hraničář mitorganisiert, einem Kulturhaus in Ústí, das verschiedene Genres bedient und zivilgesellschaftlich nach außen wirkt. Dresden ist eine große Stadt, und hier gibt es natürlich viel Kultur, der wir noch etwas hinzufügen wollen. Aber je näher man der Grenze kommt, desto häufiger stößt man auf ganz viele kleinere Orte, in denen es Vereine, Initiativen und Schulen gibt, die durchaus rege Kontakte nach Tschechien pflegen. Das Festival lebt von solchen Kooperationspartnern, denn wir bereiten nicht das gesamte Programm alleine vor. Selbst planen wir lediglich einen Teil der Veranstaltungen und bringen alles in den zweieinhalb Wochen Festivalzeit zusammen. Wir wissen, dass es Kultur und Kunst in kleineren Orten nicht so einfach haben. Und deshalb wollen wir dort unbedingt unterstützen.“

Das Programm ist unfassbar groß, es gibt über 100 Veranstaltungen – 67 in Sachsen und 35 auf der tschechischen Seite. Das Festival läuft bis zum 16. November, und es bietet einen bunten Mix aus Literatur, Musik, Ausstellungen und Theater. Eröffnet wird das Ganze am Donnerstag im Festspielhaus Hellerau in Dresden. Es treten zwei bekannte Ensembles aus Tschechien auf: die Tanzgruppe 420People und das Orchester Berg, das ganz tolle zeitgenössische Musik macht. Wie wird dieser Eröffnungsabend aussehen?

„Man darf sich vor allem auf diese ganz tollen, auch mehrfach preisgekrönten Ensembles freuen. Natürlich werden auch ein paar Reden geschwungen, aber da es sich um die Eröffnung eines Kulturfestivals handelt, hat es sich schon eingebürgert, dass die Rednerinnen und Redner dem Tribut zollen und ihre Beiträge unterhaltsam sind.“

Im Literaturbereich hast du gerade schon die ‚Gebrauchsanweisung für Bier‘ von Jaroslav Rudiš erwähnt. Es kommen aber auch Luboš Palata und Jan Šícha, die jeweils ihr Buch über die Elbe vorstellen. Kannst du kurz erzählen, was das für Bücher sind? Ein Buch über die Elbe zu schreiben, stelle ich mir erst einmal ganz schön schwer vor…

Luboš Palata | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Auf jeden Fall, und ich denke, die beiden haben es ganz gut hinbekommen. Das ist nicht einfach, gerade aus tschechischer Sicht, von daher ist es auch kein Wunder, dass es noch nicht viele Bücher über diesen Fluss gibt. Die Elbe hat es in Deutschland nicht leicht, und in Tschechien ebenfalls nicht. In Deutschland, weil sie zu Teilen ein Grenzfluss war und die Elbe ein Symbol der deutsch-deutschen Teilung ist. Und in Tschechien ist das eher so der ‚deutsche Fluss‘. Denn der Nationalfluss ist ein anderer, den kennen wir alle: die Moldau. Die Elbe hingegen entspringt in den Sudeten, ihr Flusslauf liegt zum Großteil dort, und sie fließt auch in den Sudeten aus Tschechien ab. Früher war das ein deutschbesiedeltes Gebiet, zu dem man in Tschechien lange Zeit kein richtiges Verhältnis hatte. Das hat sich bekanntermaßen mittlerweile geändert, und ein Zeichen dafür ist, dass jetzt Bücher darüber geschrieben werden. Die beiden Autoren haben jeder ihren eigenen Zugang gefunden. Jan Šícha stammt aus Ústí nad Labem, der Name vermittelt ja schon, dass die Elbe durch die Stadt fließt. Und Luboš Palata sagt von sich, dass er an der Flussscheide von Moldau und Elbe lebt. In den Büchern steckt also viel Persönliches, was ihnen sehr gut tut. Beide Titel sind sehr neu, sie liegen übrigens aber erst einmal nur auf Tschechisch vor. Die deutsche Übersetzung von Palatas Buch ist aber in Arbeit.“

Beim Studieren des Programms ist mir noch ein Auftritt der Dresdner Sinfoniker mit dem deutsch-tschechisch Kabarett Das Thema aufgefallen. Worum wird es da gehen?

Monika Načeva | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„Für uns ist das eine recht wichtige Veranstaltung, und ich denke, eine sehr empfehlenswerte. Sie nennt sich ‚Friedensstifter‘ und kreist um Krieg und Frieden, was heute ja leider wieder ein sehr aktuelles Thema ist. Die Dresdner Sinfoniker sind ein absolutes Spitzenorchester, was zeitgenössische Musik angeht. Das Thema / To téma ist zwar als Kabarettgruppe bekannt, in dieser Aufführung werden sie aber schon ein wenig anders sein, als man sie bisher kennt. Sie sind vor allen Dingen international verstärkt: Es wirkt ein armenischer Künstler mit, eine Roma-Künstlerin und auch die großartige Sängerin Monika Načeva, die in Tschechien sehr bekannt ist. In dem Stück geht es um das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Zeit danach und darum, wie damals mit Minderheiten umgegangen wurde. Das ist ein allzu bekanntes Thema, aber auch ein Gradmesser für jede Gesellschaft. Denn so, wie eine Gesellschaft mit Minderheiten umgeht, so friedensfähig und entwickelt ist sie. Der Ansatz ist sehr interessant, es handelt sich um eine spannende künstlerische Verarbeitung eines hochaktuellen Themas.“

Ihr bietet auch ein deutsch-tschechisches Kneipenquiz an und eine Jam-Session in Pirna. Dabei geht es aber nicht um Musik, sondern es handelt sich um einen Marmeladenwettbewerb…

Pirna | Foto: Veronika Kindlová,  Tschechischer Rundfunk

„Wir sind immer bestrebt, neue Formate auszuprobieren, und das Kneipenquiz ist so ein Format. Das wird vielleicht viele überraschen, aber in Dresden ist so etwas eher selten. In Tschechien und auch in Berlin sind Pub-Quizze ja der absolute Renner. Aber in Dresden gibt es wirklich erst ein Restaurant, das so etwas anbietet – und vor Kurzem ist noch eine kleine Kneipe hinzugekommen. Wir sind auf jeden Fall die Ersten und die Einzigen, die hier ein deutsch-tschechisches Kneipenquiz machen. Leider gibt es für die Veranstaltung schon eine Warteliste, da sie sehr gut nachgefragt wurde. Aber man kann sich auf die Liste setzen lassen und sein Glück versuchen. Die Jam-Session ist schon zum dritten Mal dabei und auch sehr beliebt. Ich will aber noch auf eine dritte Veranstaltung hinweisen, die ebenso mit Essen zu tun hat. Sie ist auch schon ausgebucht, aber es gibt noch einen Zusatztermin. Der Programmpunkt heißt ‚Bemmen und chlebíčky‘. Es handelt sich um einen Workshop, bei dem es um die ‚Schnittenpunkte‘ zwischen Deutschland und Tschechien geht.“

schlüsselwort:
abspielen

Verbunden