Keine homogene Bubble: Neues Buch über Tschechen in Berlin

Berlin ist für viele Tschechen ein Sehnsuchtsort. Darin spiegeln sich mitunter noch Erinnerungen an die Mauerstadt und ihre spezifische Atmosphäre oder aber der heute international angesagte Ruf des Berliner Nachtlebens. Für Menschen hierzulande dient die deutsche Hauptstadt dank direkter Bahn- und Busverbindungen häufig als Ziel für einen Wochenendtrip. Und manche Tschechen bleiben gleich dauerhaft an der Spree und beginnen dort ein neues Leben. Über diese Expats hat Jana Kománková gerade ein Buch geschrieben. „Češi v Berlíně“ ist diese Woche frisch auf dem tschechischen Buchmarkt erschienen.

Berlin hat viele Gesichter. Was bedeutet die Stadt für Jana Kománková?

Jana Kománková | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Es ist eine Stadt, die ich sehr mag. Sie hat mich verzaubert, seit ich sie als Kind das erste Mal gesehen habe. Und gleichzeitig ist es ein Ort, den ich überhaupt nicht verstehe. Er fasziniert mich, und ich fahre oft dorthin. Eine Zeit lang habe ich auch überlegt, dort zu leben. Berlin ist einfach immer noch ein Mysterium für mich.“

Jana Kománková ist Musik- und Kulturjournalistin. Sie gehört zu den Urgesteinen des tschechischen Privatsenders Radio 1, der nach der Wende aus einem Piratensender entstanden ist und sich der alternativen Musik verschrieben hat. Bis heute gibt es bei Radio 1 keine vorgegebenen Songlisten. Jeder der über 100 DJs hat völlig freie Wahl bei der Zusammensetzung seiner Musiksendung.

Und eine künstlerische Freiheit wie diese ist es wohl auch, die viele Menschen in Tschechien – und nicht nur hier – mit Berlin verbinden. Kománková versucht, die Anziehungskraft der Stadt gerade für Leute hierzulande zu beschreiben:

Češi v Berlíně / Tschechen in Berlin | Foto: Protišedi

„Es ist immer noch die am nächsten gelegene Weltstadt. Das spielt einfach eine Rolle. Daneben hat Berlin eine eigene Atmosphäre. Weil sie einst geteilt war, hat die Stadt spezifische Merkmale, die für einige Tschechen sehr attraktiv sind. Dazu gehört etwa das Nachtleben. Bereits vor dem Mauerfall gab es eine Menge Clubs in Westberlin und überhaupt so ein internationales Flair, das eine Menge alternative Seelen angelockt hat. Die Mauer hatte natürlich eine Million negative Seiten, aber sie zog die Leute eben auch an. So mussten etwa Westdeutsche, die in Berlin wohnten, nicht zur Armee. Das hat schon für eine gewisse Auswahl gesorgt.“

Mauerfall in Berlin | Foto: Raphaël Thiémard,  Flickr,  CC BY-SA 2.0

Der Lebensstil in der Mauerstadt, die auch nach 1989 viele Freiheiten bot, übe auf viele Tschechen ein Reiz aus, sagt die Journalistin. Sie selbst habe vor allem in den 1990er Jahren viele Wochenenden in Berlin verbracht. Dass Kománková dabei nicht nur einzelne Stadtbezirke kennengelernt hat, sondern auch viele Landsleute mit einer Verbindung zu Berlin, das belegt ihr gerade erschienenes Buch „Češi v Berlíně: Život za hranicí“ (Tschechen in Berlin: Leben hinter der Grenze). Welche Tschechen sind es denn, denen die Leserschaft darin begegnet?

Jaroslav Rudiš | Foto: Ian Willoughby,  Radio Prague International

„Am Anfang waren es alles Künstler. Aber bald dachte ich, dass es schade wäre, es darauf zu beschränken. Man findet dort zum Beispiel den Designer Michal Cimala, der in Berlin studierte, was seine ganze Haltung zu dieser Arbeit verändert hat. Denn die Atmosphäre und die Art der Ausbildung halfen ihm etwas zu erreichen, von dem er noch gar nicht wusste, dass er es wollte. Ins Buch aufgenommen habe ich ebenfalls den Schriftsteller Jaroslav Rudiš, der zunächst über ein Stipendium nach Berlin kam und heute im Prinzip eine deutsche Handelsware ist. Es treten zudem Menschen auf, die nicht medial bekannt sind, aber auch eine schöne Geschichte haben. So zum Beispiel ein Mann, der noch vor der Wende nach Berlin geflüchtet war. Er eröffnete eine Kneipe, die nicht nur von seinen Landsleuten, sondern ebenso von Deutschen besucht wurde. Das war in den 1960er und 1970er Jahren, also kann er noch dazu von den damaligen wilden Partys in Westberlin erzählen.“

Unter den Porträtierten finden sich sowohl Menschen, die dauerhaft nach Berlin gezogen sind, als auch Tschechen, die in der Stadt nur eine Zeit lang studiert und gearbeitet haben. Die Erfahrung mit dieser Stadt sei für alle Protagonisten prägend gewesen, betont Kománková. Und jede individuelle Geschichte führe natürlich an jeweils andere Orte…

„Die Fotografin Libuše Jarcovjáková beschreibt zum Beispiel sehr farbenfroh, wie sie einst in der Bergmannstraße gewohnt hat. Diese Straße in Kreuzberg ist heute sehr herausgeputzt und elegant, aber Jarcovjáková ist noch zu Zeiten vor der großen Sanierung dorthin gezogen. Der Lebensstandard war noch weitaus niedriger, als wir ihn hier in der Tschechoslowakei kannten. Wir haben ja damals immer zu Westberlin aufgeschaut. Aber dort wurde noch mit Kohle geheizt, was es etwa im Prager Stadtteil Žižkov gar nicht mehr gab.“

Das Buch führt die Leserschaft aber zum Beispiel auch an die Freie Universität. Der Linguist Martin Konvička etwa berichtet im Interview von seinen Forschungen zur deutschen und zur niederländischen Sprache. Konvička stammt ursprünglich aus einem Dorf bei Olomouc / Olmütz, lebt jedoch schon seit 15 Jahren in Berlin. Die meisten privaten Kontakte habe er mit Kollegen und Einheimischen, schildert Kománková. Dies sei ziemlich typisch für die tschechischen Expats in der deutschen Hauptstadt:

„Es ist nicht so, dass sie in Berlin ihre eigenen, tschechischen Orte hätten. Viele Protagonisten berichten eher davon, dass die Tschechen in der Stadt – im Gegensatz etwa zu den Polen – nicht besonders eng miteinander in Kontakt stehen. Es gibt in Berlin zwar das Tschechische Zentrum, in dem Kulturveranstaltungen stattfinden. Aber ein gemeinsames Leben pflegen die dortigen Tschechen nicht allzu sehr. Das ist ein Unterschied zu anderen Nationalitäten, wie zum Beispiel zu den Italienern.“

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Manches an Berlin schreckt auch ab

Jana Kománková schreibt als Musik- und Kulturjournalistin vor allem Artikel oder ist im Radio zu hören. Als Buchautorin hat sie sich einen Namen gemacht, als sie vor zwei Jahren den Band „Radio 1: Život v éteru“ (Radio 1: Leben im Äther) herausbrachte. Darin zeichnet sie die Anfänge und Geschichte des Senders nach, der kurz zuvor sein 30-jähriges Jubiläum gefeiert hatte. In ihrem neuen Buchprojekt nun Berlin in den Mittelpunkt zu stellen, habe für sie nahegelegen, sagt Kománková. Immerhin habe sie in früheren Jahren selbst überlegt, in die Stadt an der Spree auszuwandern. Davon abgehalten habe sie ihr Job bei Radio 1 in Prag:

„Ich habe es damals auch angesprochen – was wäre, wenn ich nach Berlin ziehen würde? Radio 1 hätte mir wahrscheinlich auch eine kleine Sendung belassen. Aber mir hätte das wohl leidgetan, denn diese Arbeit macht mir einfach Spaß. Das ist also so ziemlich der Grund, warum ich noch hier bin. Zudem kann man ja jederzeit von hier aus nach Berlin fahren. Es ist aber auch so, dass beim Schreiben des Buches immer wieder Themen aufkamen, die mich jetzt eher abschrecken würden. So ist das heutige Berlin schrecklich überfüllt, und die Dienstleistungen funktionieren schlechter als in Tschechien. Die Digitalisierung etwa oder die Gesundheitsversorgung sind bei uns derzeit besser. Diese praktischen Seiten des Lebens kommen mir in Berlin gerade nicht so vor wie etwas, das ich unbedingt wollen würde.“

Wer weiß, vielleicht wäre das vor 100 Jahren noch anders gewesen. Denn auch von dieser Zeit erzählt das Buch „Češi v Berlíně“ – nämlich anhand der Biografie von Franz Kafka…

„Kafka musste einfach dabei sein, denn er war schließlich zu einem gewissen Maße auch ein tschechischer Autor. Ich fand es sehr interessant, dass er in seinen Tagebüchern Dinge schrieb, die den Aussagen der heutigen Protagonisten sehr nahe kommen – dass sie nämlich wegen der Freiheit nach Berlin gegangen sind. Egal, ob es sich um Emigranten noch vor der Wende handelt oder um Frauen, die sich dort einen Ehemann genommen haben, um nach Berlin zurückkehren zu können: Die Menschen sind vor der politischen Unfreiheit nach Berlin geflohen, und später kam ihnen Prag einfach zu zugeknöpft vor und Berlin freier. Kafka empfand das ganz ähnlich, was mich überrascht hat. In sein Tagebuch notierte er: Wenn ich nur nach Berlin fahren und dort frei sein könnte!“

Kománková geht aber noch weiter in der Geschichte zurück. Denn ein Berlin-Buch wie das ihre kann kaum auskommen ohne den Verweis auf Rixdorf – jene historische Siedlung im heutigen Stadtteil Neukölln, die im 18. Jahrhundert von böhmischen Protestanten gegründet wurde. Das entsprechende Kapitel wartet mit alten Fotos auf, die die ursprüngliche Dorfstruktur zeigen sowie die Nachkommen der Böhmen, wie sie Getreide mahlen und Schweine hüten.

Češi v Berlíně / Tschechen in Berlin | Foto: Protišedi

Fotos von alten U-Bahnhöfen und Schweinezüchtern

Überhaupt würden Fotos im Buch „Češi v Berlíně“ eine sehr wichtige Rolle spielen, betont Jana Kománková. Sie habe dafür extra das Rixdorfer Heimatmuseum kontaktiert oder auch die Berliner Verkehrsbetriebe, um alte Aufnahmen der U- und S-Bahnhöfe zu bekommen:

Češi v Berlíně / Tschechen in Berlin | Foto: Protišedi

„Sie haben für mich Bilder aus den 1970er Jahren ausgewählt, die eine super Atmosphäre haben und einfach wunderschön sind. Dann habe ich Reportagefotos gefunden aus Zeiten, als die Mauer noch stand. Sie stammen von einem Schweizer Fotografen, der seine Arbeiten später einem Museum zur freien Verfügung gestellt hat. Dort konnte ich mir also auch tolle Bilder aussuchen, die die Mauerzeit dokumentieren und die schreckliche Atmosphäre, die dadurch herrschte. Außerdem bekam ich viele Fotos von den Protagonisten, mit denen ich die Interviews geführt habe. Das sind natürlich meist ihre Porträts, aber ebenso eigene Aufnahmen der Stadt, die voller Streetart ist und einfach gern fotografiert wird.“

Češi v Berlíně / Tschechen in Berlin | Foto: Protišedi

Des Weiteren habe sie eine Reihe von Bildern des renommierten tschechischen Fotografen Ivan Pinkava abdrucken dürfen, fährt die Autorin fort.

Ihre eigenen Ideen für die Buchgrafik hatte Kománková schon bei ihrer Publikation über Radio 1 umgesetzt. Damals habe sie gemerkt, dass ihr dieser Aufgabenbereich eine Menge Spaß mache. Und darum sei auch das gesamte Design von „Češi v Berlíně“ wieder ihre eigene Arbeit. Dazu gehört etwa die Idee, collageartig gestaltete Aufkleber beizulegen. Mit ihnen könne der Leser das Buch bekleben, wie er wolle – so wie auch Berlin voller Sticker sei, begründet die Autorin.

Die Produktion des Buches in Eigenregie hat allerdings auch ihren Preis. Tatsächlich sei dies eine schrecklich teure Angelegenheit, sagt Kománková. Geholfen hätten Projektgelder vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds sowie vom tschechischen Kulturministerium. Vor allem aber habe sie ihr Buch durch Crowdfunding auf dem Portal Hithit finanziert, schildert die Journalistin:

„Ein Großteil des Geldes kam durch den Aufruf bei Hithit zusammen. Das hatte sich schon bei meinem vorherigen Buch bewährt. Die Herstellung ist sehr teuer, seien es der eigentliche Druck oder das Design. Denn ich möchte den Menschen, die daran mitarbeiten, dafür auch die Summen zahlen, die sie für adäquat halten. Ich denke nämlich nicht, dass wir Bücher kostenlos produzieren müssen. Also wollte ich das Grafikstudio in der Höhe bezahlen, wie es sich das vorgestellt hat. Und auch die Korrektorin sollte bekommen, was ihr idealer Stundensatz ist. Dafür ist das Crowdfunding geeignet, bei dem durch Vorbestellungen des Buches all die Dinge drumherum finanziert werden können.“

So wolle sie auch in Zukunft vorgehen, fügt Kománková hinzu – und deutet damit dezent an, dass wohl bald ein weiteres Buch von ihr erwartet werden kann.

Das Buch „Češi v Berlíně: Život za hranicí“ ist gerade im tschechischen Original erschienen, es hat 352 Seiten. Es gibt zwei Taufveranstaltungen: Am 21. Oktober um 18 Uhr im Prager Goethe-Institut und am 28. Oktober um 18 Uhr in der Galerie Hošek Contemporary in Berlin. Eine Übersetzung des Buches ins Deutsche ist angedacht.

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