Filmcollage aus Berlin: Auf der Suche nach den Ursachen des Burnouts
Paula Ďurinová ist eine slowakische Filmemacherin, bildende Künstlerin und Autorin und lebt in Berlin. Vor einem Jahr wurde sie beim Internationalen Filmfestival Karlovy Vary für ihr Debüt „Lapilli“ mit einem Preis im Proxima-Wettbewerb ausgezeichnet. Nun ist sie mit ihrer Filmbearbeitung des immer aktueller werdenden Themas Burnout nach Karlsbad zurückgekehrt.
Eine junge Frau rast mit ihrem Fahrrad durch die Straßen Berlins. Die Kamera fängt ihre Fahrt ein und schwenkt über die Stadt. Mit dieser Szene beginnt der Dokumentarfilm von Paula Ďurinová, Titel: „Action Item“. Der Streifen wurde in deutsch-slowakisch-tschechischer Koproduktion gedreht und Anfang Juli bei den Filmfestivals in Karlovy Vary / Karlsbad und in Marseille aufgeführt. Die Regisseurin:
„Ich habe einen Film mit dem Titel ‚Action Item‘ gemacht, in dem ich mich mit Burnout, Angst und Depressionen auseinandersetze. Und zwar auch aus politischer und aus kollektiver Sicht. Der Film folgt einem Weg von einem individuellen Burnout-Erlebnis zu einer Art kollektiver Teilhabe. Die Menschen entdecken, dass das, was sie durchmachen, nicht nur ihre individuelle, private Erfahrung ist, mit der sie sich im Stillen selbst auseinandersetzen müssen, sondern dass es sich um ein soziales Problem handelt.“
In ihrem früheren Werk „Lapilli“ hat Ďurinová sehr persönliche, private Erfahrungen verarbeitet, nämlich den Tod ihrer Großeltern. Auch der neue Film hat Bezug zu ihren persönlichen Erlebnissen:
„Ja, auf jeden Fall. Und es basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen mit Angst und Depression, aber vor allem mit einem Burnout vor ein paar Jahren. Ich habe schon vor meinem vergangenen Film mit den Recherchen zu diesem Film begonnen, es ist also ein Langzeitprojekt.“
Vom individuellen Burnout-Erlebnis zu kollektiver Teilhabe
Die Burnout-Erfahrung war für sie neu und erschütterte sie tief. Sie habe erkannt, dass sie sich damit in einem breiteren Zusammenhang beschäftigen müsse, so Ďurinová:
„Und so habe ich mich in Berlin, wo ich lebe, einigen Gruppen angeschlossen, sie standen an der Grenze zwischen Diskussions- und Therapiegruppen. Gleichzeitig begann ich, verschiedene Aufsätze, vor allem autotherapeutische Texte zu lesen, in denen die psychische Gesundheit auch aus einem politischen Blickwinkel betrachtet wird. Darin wurde die Privatisierung der psychischen Gesundheit kritisiert.“
Ihre persönliche Suche nach den Ursachen der Depression und des Burnouts hat sie dann in filmischer Form umgesetzt:
„Das war einerseits eine schwere Herausforderung. Andererseits bin ich davon fasziniert, eine visuelle Form für etwas zu suchen, was im Grunde genommen unsichtbar ist beziehungsweise keine eigene konkrete Form hat.“
Visuelle Form für Unsichtbares
Entstanden ist eine Bild- und Soundcollage. Der Zuschauer begleitet eine Gruppe von Menschen, die persönlich Zeugnis über ihren Zustand ablegen. Es handelt sich um reale Menschen, die Paula während ihrer Recherchen in Berlin traf. Alle hatten persönliche Erfahrungen mit Burnout, Depressionen, Ängsten oder unsichtbaren chronischen Krankheiten und sowie mit Therapien. Unter ihnen ist auch die Frau, die in der Einleitung zum Film auf dem Fahrrad durch Berlin fährt. Paula Ďurinová:
„Das ist eine Freundin von mir, Eliana. Wir haben uns eines Abends getroffen, und sie hat mir von einem Burnout erzählt, den sie kurz zuvor durchgemacht hatte. Wir stellten fest, dass wir in dieser Sache viel Gemeinsames haben. Sie erklärte sich bereit, ihre Erfahrung im Film zu reflektieren. Zwischen uns gab es dann eine coole Zusammenarbeit. Die Leute in der Gruppe sind zum Teil meine Freunde und zum Teil Leute, die sich zuvor überhaupt nicht gekannt haben, aber daran interessiert waren, an dem Projekt mitzumachen. Es ist eine Art Collage dieser Charaktere.“
Die Regisseurin hatte nicht den Ehrgeiz, in ihrem Dokumentarfilm einen Experten sprechen zu lassen, der für sie selbst und für die Zuschauer die Probleme kommentiert.
„Nein. Ich denke, für mich war nicht wichtig, dass der Film von außen genau benennt, was diese Menschen durchmachen. Wichtig war, dass die Personen ihre Erfahrungen aus ihrer persönlichen Sicht erzählen. Und gleichzeitig ist das Zuhören sehr wichtig. Aber ich interessiere mich natürlich für die Expertenperspektive und habe selbst viel geforscht.“
In dem Dokument sei oft über die Zirkularität die Rede, dass die Erfahrungen von Angst und Depression immer wieder zurückkehrten und sich wiederholten, erläutert Ďurinová:
Zwischen gesund und krank
„Es geht nicht darum, dass es jetzt einen Ausweg gibt oder dass die Erfahrung vorbei ist, sondern eher darum, dass wir uns oft in einer Art Zwischenzustand befinden. Wichtig ist zu gestehen, dass dies eine Ebene des Seins ist: Man ist – wie eine der Figuren im Film sagt – nicht nur gesund oder nur krank, sondern es gibt viele Zwischenzustände. Und darüber sollte man eigentlich auch sprechen.“
Eine wichtige Rolle in dem etwas über einstündigen Film spielt die deutsche Metropole an der Spree:
„Ich wollte mit der Stadt arbeiten, mit Berlin als Umfeld, in dem dies alles geschieht und in dem die Geschichten dieser Protagonisten spielen. Ich habe nach Elementen aus dieser Stadt gesucht, die für mich persönlich eine große Bedeutung haben. Wiederholt bin ich an Orten vorbeigegangen, an denen ich einmal eine schlechte Erfahrung hatte und die bestimmte Erinnerungen in mir weckten. Der Film arbeitet mit ganz intimen Dingen, die manchmal in Form von Sprachnachrichten mitgeteilt werden. Diese Aussagen haben wir mit Schnipseln des Berliner Raumes verbunden. Visuell haben wir zudem mit verschiedenen Stufen der Abstraktion gearbeitet, so dass unscharfe Bilder allmählich Konturen bekommen und sich mit sehr realistischen Bildern vermischen.“
Zu Hause in Berlin
Paula Ďurinová ist eine slowakische Künstlerin. Sie wurde Ende der 1980er Jahre in der Tschechoslowakei geboren.
„Ich bin in einer kleinen Stadt in Liptov aufgewachsen, und dort gab es ein Freizeitzentrum mit einem Filmklub, in den ich schon als Kind ging. Damals interessierte ich mich eher für den Schreibjournalismus und bewarb mich zuerst für Drehbuchschreiben. Es war ein sehr begehrtes Studienfach, mit dem es daher nicht geklappt hat. Dann habe ich mich für den Dokumentarfilm entschieden. Das war wirklich cool. Ich habe weniger Fiktion geschrieben, genoss es aber wirklich sehr, mit Leuten zusammenzuarbeiten. Später war ich in der Slowakei viel mit NGOs oder Menschenrechtsorganisationen tätig, die sich vor allem um Roma und diskriminierte Gruppen kümmern. Wir haben zusammen Filme gedreht, die dann in Schulen gezeigt wurden, um über Diskriminierung und Rassismus zu sprechen.“
Vor zehn Jahren hat sich Paula entschieden, nach Berlin zu gehen:
„Es war am Anfang spontan: Ich wollte die Slowakei für eine Weile verlassen, kam nach Berlin, und dann bin ich irgendwie dort geblieben. Das passiert so manchmal in Berlin. Es ist mir gelungen, allmählich ein Gefühl von Heimat dort aufzubauen – obwohl es jetzt in Berlin hinsichtlich der Politik und der Repressionen sehr schwierig ist. Viele meiner Freunde ziehen nun weg. Aber es ist immer noch so, dass ich dort zu Hause bin.“
Mit Repressionen spielt Paula vor allem auf das Vorgehen gegen die Demonstrationen zur Unterstützung von Palästina im aktuellen Nahost-Konflikt an. Berlin charakterisiert sie sonst als eine sehr offene und internationale Stadt.
Sie selbst lebt in einer internationalen Community. Das belegt auch die Tatsache, dass sie ihren Film auf Englisch gedreht hat. Die deutsche Sprache benutze sie während ihres Studiums an der Universität der Künste oder wenn sie etwas auf Ämtern erledigen wolle, sagt sie:
„Aber oft, eben weil es so eine internationale Stadt ist und auch meine Freunde oder Arbeitskontakte aus verschiedenen Ländern kommen, ist es für die meisten angenehmer, Englisch zu sprechen.“
Viele Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen
Berlin sei für sie eine Stadt, die auch von der Community von Migranten und queeren Menschen sehr stark geprägt sei, fährt sie fort:
„Für die Stadt ist meiner Meinung nach sehr wichtig, dass es dort wirklich unterschiedliche Schichten gibt. Diese Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen sind eher imstande, sich gegenseitig zu helfen. In Berlin gibt es viele Menschen, die ohne Familien dorthin kamen und sich eigene Systeme schaffen mussten. Ich denke, die Tatsache, dass dort so viele Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen leben, hilft dabei, dort ein System der Unterstützung und des Verständnisses zu finden.“
Drei Jahre lang arbeitete Paula als Kuratorin und künstlerische Leiterin in der ACUD-Galerie in Berlin Mitte. Danach entschied sie sich, ihre Energie voll auf das Filmemachen zu legen. Aber sie sagt:
„Ich muss gestehen, dass der Film ‚Action Item‘ so kurz nach dem vorhergehenden entstanden war, dass ich jetzt eine kleine Pause einlegen möchte. Und dann fange ich langsam an, darüber nachzudenken, was ich als Nächstes machen möchte.“
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